Montag, 22. August 2016

Peer Gynt im Theatersommer Netzeband

Ganz gleich, welches Stück auf dem jährlich wechselnden Programm steht: Eine Aufführung des Theatersommers Netzeband ist immer ein überwältigendes Erlebnis. Zum Teil hat dies etwas mit der Lage des Freilichttheaters zu tun, das sich in einem winzigen brandenburgischen Dorf versteckt. Die eintreffenden Gäste werden mit einem spektakulären Sonnenuntergang in Stimmung gebracht.


Die „Bühne“ ist ein großzügig angelegter Park mit einer weiten Rasenfläche, die von alten Bäumen umgeben ist. Besonders beeindruckend sind die Inszenierungen, wenn sie die Möglichkeiten dieser wunderbaren Naturkulisse ausschöpfen. Bei „Peer Gynt“, der diesmal auf dem Spielplan stand, war das der Fall.



Die Geschichte des großmäuligen Bauernsohnes ist abenteuerlich, verworren und erinnert stellenweise an den Baron Münchhausen, denn auch Peer verwickelt sich oft in seinen eigenen Lügen und stilisiert sein Leben zur Anekdote. 


Als Jugendlicher gibt er mit übermenschlichen Kräften an, entführt eine Braut von ihrer Hochzeit und gerät in das Reich der Trolle, deren strengen Regeln er sich allerdings auch nicht unterordnen kann. Für mich der absolute Höhepunkt der Aufführung war der Auftritt des Trollkönigs, der als eine Mischung aus Zuhälter und Sowjetoffizier inszeniert wurde und mit einem großartig getunten, dröhnenden, LED-leuchtenden Angeberauto vorfuhr – ich gebe gerne zu, dass ich vor Neid gesabbert habe.


Peer Gynt verdient viel Geld mit zweifelhaften Geschäften und wird zu einer Art Business-Guru. In einer grandiosen Szene beeindruckt er seine Bewunderer mit dem branchenüblichen Bullshit-Bingo. Wie immer beim Theatersommer Netzeband wurde auch der Originaltext von Henrik Ibsen durch kleine Abwandlungen aktualisiert und ironisiert: Peer erzählt, wie er als unbedarfter Ossi in den Westen kam und dort sein Glück machte.


Seine Karriere nimmt noch weitere zunehmend abstruse Wendungen. Als Sultan beispielsweise steht ihm ein ganzer Harem verschleierter Tänzerinnen zur Verfügung, auch dies ein wunderbares Bild vor der zunehmend dunkler werdenden Parkkulisse.


Aber auch Peer Gynt wird alt, und das Glück ist nicht mehr auf seiner Seite. Am Ende ist er verarmt, einsam und von Selbstzweifeln geplagt. Ist er wirklich nicht mehr als eine Zwiebel, deren Schichten den fehlenden Kern verbergen? Für den Tod ist er trotzdem nicht bereit und will auch ihm durch seine gewohnheitsmäßigen Lügen und Tricks entkommen.

Nur zwei Punkte kann ich an der Aufführung kritisieren: Die Rolle der Solveig blieb blass und unklar, wozu sicherlich auch das tranceartige leere Starren dieser Figur beitrug, und gegen Ende nahm die Inszenierung stark an Tempo und Unterhaltsamkeit ab, so dass man sich ein wenig durch die letzten Szenen hindurchquälen musste.

Das tut aber der Großartigkeit des Gesamtkunstwerks keinen Abbruch. Wie immer waren die Schauspieler – alle sehr jung und alle Laien – umwerfend gut, die von Profischauspielern eingesprochenen Synchronstimmen fantastisch und die Kostüme schrill und amüsant. 


Im Gegensatz zum Vorjahr, als Shakespeares „Richard III.“ auf dem Spielplan stand, wurde diesmal wieder deutlich mehr Musik eingesetzt, was mich ganz besonders gefreut hat. Auch die Masken waren weniger grotesk, erstmals gab es sogar gänzlich unmaskierte Rollen – das ist für Netzeband ein Novum, mir hat es gefallen.

Die Glanzleistung des Vollmonds, der den zweiten Teil der Aufführung mit seiner enormen Bühnenpräsenz stark prägte, soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.


In diesem Jahr war unsere Berliner Fangemeinde bereits auf elf Personen angewachsen, und ich glaube, dass ich nächstes Jahr noch einige Tickets mehr besorgen muss. Es wird mir ein Vergnügen sein!




Mittwoch, 27. Juli 2016

Tara Beier & The Silverthorns live @ Junction Bar


Ein Geheimtipp von Freunden war das Konzert von Tara Beier in der Kreuzberger Junction Bar

Schon lange vorher versammelte sich eine wachsende Zahl von Menschen – interessanterweise aus sämtlichen Altersgruppen – auf dem breiten Gehweg der Gneisenaustraße. Der Tag war heiß gewesen, jetzt trieb es viele nach draußen, und zum allgemeinen Aufatmen war es in den Kellerräumen der Bar sogar noch ein bisschen kühler als unter freiem Himmel.

Der junge schottische Singer/Songwriter Martin Kelly eröffnete den Abend mit eigenen Songs an der Akustikgitarre, sympathischem Lächeln und erstaunlich guten Deutschkenntnissen. Der ruhige, oft auch wehmütige Grundton seiner Songs – wie etwa „Far away from home“ – bot eine gute Einstimmung auf das Programm des Headliners. 


Tara Beier lebt in Los Angeles und tritt dort mit ihrer eigenen Band auf. Wegen einer Familienfeier war sie kurz zu Besuch in Berlin, doch ihren Auftritt in der Junction Bar hat sie akribisch vorbereitet. Über das Internet hat sie sozusagen eine deutsche Filiale erschaffen, bestehend aus fünf Musikern, die sie erst wenige Tage vor dem Konzert persönlich kennenlernte. Bis dahin hatten die Jungs allerdings schon Gelegenheit, ihr Songmaterial einzuüben, und überraschenderweise hat diese Methode hervorragend funktioniert.



Nicht nur Taras bemerkenswerte Stimme, sondern auch die musikalische Begleitung durch zwei Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug waren professionell, soundtechnisch hervorragend eingestellt und perfekt geeignet, um dem aufmerksam lauschenden Publikum die Songs des neuen Albums „Heros & The Sage“ zu präsentieren.






Eine ruhige Mischung aus Folk, Pop, Indie und Hippiemusik, dazu nachdenkliche, kritische und emotionale Texte, ergänzt durch verträumte und hypnotische Visuals, die auf eine improvisierte Bettlaken-Leinwand projiziert wurden – kein Wunder, dass Tara Beier & The Silverthorns ein Publikum zwischen 18 und 80 angelockt hatten. 

Und das ließ sie nicht einfach so wieder gehen: Ganz ausdrücklich wurde „Forever Mine“, der folkpoppige Opener ihres neuen Albums, als Zugabe gefordert und auch bereitwillig gegeben.


Sonntag, 24. Juli 2016

Oded Kafri beim Christopher Street Day in Berlin

Lassen wir mal den historisch-politischen Aspekt beiseite: Inzwischen ist der Christopher Street Day in erster Linie ein großes, buntes Straßenfest mit einem karnevalesken Umzug durch die Innenstadt, mit Musik, Imbissständen und Getränkebuden, mit Dixiklos, Sanitäterzelten und jeder Menge Partyvolk. Schwul, lesbisch, trans, hetero oder Tourist – hier kann jeder mitfeiern.



Was auf den ersten Blick an öffentliche Hinrichtungen erinnern mochte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ultimativer Adrenalinkick: Für 50 Euro konnten sich Freunde des Nervenkitzels hier von der Firma Upgrundtief aus 70 Metern Höhe schubsen lassen. 









Und das lief wie geschmiert: Während der eine noch kopfüber am Bungeeseil baumelte, stand der oder die Nächste bereits mit umgeschnallten Gurten am Boden bereit, um in den Fahrkorb zu steigen.









Die gesamte Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor war flankiert von Cocktail-, Würstchen-, Bier- und Partybedarf-Buden. Kein Grund also, hungrig oder durstig zu bleiben, und mehr oder weniger gute Musik wummerte auch aus zahlreichen großen Boxen.



Mein absolutes Highlight inmitten dieses bunten Getümmels war Oded Kafri, ein israelischer Straßenmusiker, der mit recht bescheidenen Mitteln allerfeinste Festival-Stimmung verbreitet. Ein uralter Generator versorgt seine Soundmachine, die schlichte Samples und Loops produziert, und er spielt dazu live die Percussions – und zwar mit allem, auf dem man nur trommeln kann, von der Alu-Trittleiter über Kuhglocken und Heliumflaschen bis zu Ölfässern, wobei er zusätzlich noch ein „richtiges“ Schlagzeug verwendet.




Seine Performance in Worte zu fassen ist schwer, die muss man erleben. Kafri bearbeitet seine Gerätschaften mit einer derartigen Energie, dass man damit die Stromversorgung einer Kleinstadt sicherstellen könnte. Es ist kein Zufall, dass seine Drumsticks auf sämtlichen Fotos trotz kurzer Belichtungszeiten verschwommen sind! 




Die Präzision und Geschwindigkeit seiner Beats ist überwältigend und kann stellenweise nicht mehr getanzt, sondern nur noch gezittert werden.





Es dauerte nicht lange, bis er seine Zuhörer in einen wahren Rausch getrommelt hatte. Stillstehen war praktisch unmöglich, selbst bei den größten Bewegungsverweigerern zogen sich wenigstens die Mundwinkel nach oben. Absolut umwerfend! Ab sofort bin ich Kafri-Fan. Übrigens: im Dezember soll er wieder in Berlin spielen … Ich hab’s mir vorgemerkt!



Mag sein, dass die Künstler auf der Hauptbühne direkt vor dem Brandenburger Tor – hier Culcha Candela – größere Massen mitreißen konnten. Selbst die peinlichen, einstudiert wirkenden Jubelreden der Moderatoren („Ihr seid die Gesellschaft, die wir wollen!“) sorgten ja für Applaus und Freudengeheul. Das sei allen, die vor der Bühne Spaß hatten, sehr herzlich gegönnt. Mein Star des diesjährigen CSD in Berlin bleibt trotzdem Oded Kafri.


Montag, 18. Juli 2016

Antaris Project 2016: Licht und bunte Schatten

375 Tage haben wir darauf gewartet: Antaris 2016! Das schönste Wochenende des Jahres fand wieder am vertrauten Ort statt, dem Otto-Lilienthal-Flugplatz in Stölln bei Rhinow, und wie immer war die Vorfreude kaum noch auszuhalten. Die Neulinge in unserem Team waren skeptisch: "Ich kann aber kein Zelt aufbauen" oder "Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man zu so einer Musik tanzen soll" - lauter Einwände, die sich in der Praxis als unbegründet erweisen sollten.

Kurz vor dem erlösenden Anblick der bunten Flatterfahnen war noch mal die obligatorische Polizeikontrolle fällig. Unser defekter Frontscheinwerfer kostete zwar 10 Euro Strafe, aber schon wenige Minuten später durchschritten wir das Tor zur besten aller Welten.



Nicht kalt, aber windig war es beim Aufbau der Zelte – und bis wir mal kapiert hatten, wo diese eine Stange hingehörte und durch welche Öse der Hering musste, waren ein paar Stunden vergangen. Doch was bedeutet das schon, wenn man bereits angekommen ist? 

Hauptsache, man hat sein Festivalbändchen und kann sich zwischendurch mit einem Baguette stärken, wie man es seit einem Jahr nicht mehr gegessen hat und nirgendwo anders bekommt. 


Gegen Abend sammelten sich auf dem noch stillen Mainfloor immer mehr erwartungsvolle Gäste.



Alle warteten auf die Eröffnungsansprache des Veranstalters Uwe Siebert, der seit 22 Jahren unermüdlich und zuverlässig für unsere Glücksmomente sorgt. In diesem Jahr fiel sie kürzer aus als sonst und wurde wieder der zweiten Generation souffliert.



Wir waren ja auch vor allem zum Tanzen hier. Und dazu bekamen wir anschließend reichlich Gelegenheit.








Mittlerweile war auch die Sonne hervorgekommen, nur um theatralisch in einem pompösen Goldrausch untergehen zu können.


Der Mond war bescheidener, wusste sich aber ebenfalls durchaus fotogen in Szene zu setzen.


Die meiste Aufmerksamkeit erhielten jedoch zu Recht die wie immer umwerfende Deko und die großartigen Lichteffekte.








Nur das im Vorfeld angekündigte komplett frische Wasser-Design haben wir irgendwie nicht gefunden. Oder war es das hier?


Nicht so schlimm, die Rekordhitze des Vorjahres blieb uns ja erspart. Und es gab tatsächlich ein paar zusätzliche Trinkwasserstellen, an denen man sich und seine Lieben zwischendurch mal frischmachen konnte.


Auch bei den Duschen war eine deutliche Verbesserung zu verzeichnen: 42 Einzelkabinen mit meistens warmem Wasser sind ein echtes Geschenk, wenn man tagelang durchtanzt! Lieber Uwe, bitte gönne uns diese Freude auch im nächsten Jahr wieder – dann verzeihen wir dir augenblicklich, dass du sämtliche Hotel- und Pensionszimmer im Umkreis von 30 Kilometern für deine Crew reserviert hast.

Großes Lob auch den diesjährigen Betreibern der Toilettenanlage. Klar, es sind und bleiben Dixiklos, aber man muss ja nicht runtergucken. Immerhin waren beinahe immer Papier und Seife da, und ich weiß nicht, wie ihr das gemacht habt, aber in den Kabinen roch es nicht so, wie man es von Fäkalienbehältern erwarten kann, sondern richtig gut nach Kokos und Vanille! (Oder lag das an der gesunden Verdauung der Festivalbesucher?)

Ein bisschen schade fanden wir, dass die Preise so stark angezogen haben. Nicht nur die der Tickets – daran haben wir uns in all den Jahren ja schon gewöhnt –, sondern auch an den Verkaufs-, Ess- und Getränkeständen. Bei einigen Artikeln war die finanzielle Schmerzgrenze erreicht, in manchen Fällen sogar überschritten. Dann blieb es eben beim Gucken und Anprobieren.



Mein persönlicher Festival-Höhepunkt 2016 war der Auftritt des Stelzendrachen, den ich bereits seit zehn Jahren immer mal wieder über die Antaris geistern sehe. Jedes Mal jagt dieser Anblick mir Schauer über den Rücken – die Faszination des Grusels. Es ist schon unheimlich, wenn das riesige Wesen mit seinen glühenden Augen und den irisierenden Flügeln am Horizont auftaucht, aber man kann einfach nicht weggucken!





Das Besondere diesmal war allerdings, dass wir den Walking-Act-Künstler wenige Stunden zuvor per Zufall persönlich kennengelernt hatten – zunächst ohne zu wissen, dass er der „Bunte Schatten“ ist – und ihn dann durch unermüdliches (aber vermutlich ermüdendes) Bequatschen und einen geheimen Deal davon überzeugen konnten, abends als Drache und nicht wie geplant mit seinem psychedelischen Staubsauger aufzutreten. Ich bin und bleibe dein größter Fan, Motley Glow!

Ab heute beginnt wieder das Zählen der Tage. Jeder davon bringt uns der Antaris 2017 ein bisschen näher. 

Peace & freedom – laugh & dance!