Samstag, 24. September 2016

Berlin–Beirut: Interview mit Gitta Mikati

Noch vor ihrer Buchpräsentation im Literaturhaus Berlin hatte ich Gelegenheit zu einem Interview mit Gitta Mikati. Die faktischen Hintergründe zu ihrem gerade erschienenen Roman Berlin–Beirut standen dabei im Vordergrund, aber mich interessierte auch ihr persönliches Verhältnis zum Schreiben.





Berlin–Beirut ist dein erster Roman und basiert auch auf deinen persönlichen Erfahrungen. Wann hast du beschlossen, sie in literarischer Form aufzuarbeiten? Und wie lange hat es gedauert, bis aus der Idee dann das fertige Buch wurde?

Die historischen Hintergründe des Romans beruhen auf Fakten, er ist an Originalschauplätzen angesiedelt, die Geschichte selbst, die Figuren, die Handlung, all das ist Fiktion. Meine persönlichen Erfahrungen? Meine Tätigkeit bei der Berliner Polizei − und dann traf ich einen Libanesen, einen Bürgerkriegsflüchtling, verliebte mich, heiratete. So kam es, dass ich beide Seiten kennenlernte: wie gehen Behörden mit Flüchtlingen um – und wie gehen die Flüchtlinge mit ihrer Flucht um.

Irgendwann 2007/08, im Zusammenhang mit den ersten Ankündigungen von Events rund um das Ereignis „20 Jahre Mauerfall“, konkretisierte sich mein Vorhaben, das fast unbekannte Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte aufzugreifen: die illegale Einreise von Personen aus visumpflichtigen sogenannten „Drittländern“ in den Westen. Dies geschah mit Unterstützung der DDR.

Ost-West-Geschichten gibt es zur Genüge, aber dieses brisante Thema wurde nirgends erwähnt. Bei meiner Umfrage im Freundes-, Bekannten- und Autorenkreis stellte sich dann heraus, dass es lediglich eine Person gab, die das wusste, was ich im Folgenden beschreibe (ich hatte Dutzende befragt).

1975, etwa zeitgleich mit Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon, erweiterte die DDR das Flugnetz ihrer Linie Interflug von Zielen in sozialistische Länder auf Ziele im Nahen Osten: Damaskus und Beirut. Die Botschaft der DDR in Beirut verkaufte den Flüchtenden Einreisevisa und Flugtickets nach Schönefeld. Dort gelandet, wurden sie in Bussen zur Friedrichstraße gebracht und noch vor Mitternacht durch den Tränenpalast auf die U-und S-Bahnhöfe nach West-Berlin abgeschoben. Die West-Berliner Polizei kontrollierte die Bahnhöfe im Westen nur schwerpunktmäßig, so dass die überwiegende Anzahl von Flüchtlingen unkontrolliert einreiste und in West-Berlin Asyl beantragte – oder illegal dort lebte. Wer aufgegriffen und abgeschoben wurde, konnte auf die gleiche Weise wieder einreisen.

Über Schönefeld konnten sie übrigens in ihre Heimatländer zurückfliegen oder auf dem Landweg durch die Ostblockstaaten in ihre Heimat fahren. Die Strecke DDR−Tchechoslowakei−Ungarn−Jugoslawien−Bulgarien−Türkei−Syrien−Libanon entwickelte sich zum „Trampelpfad“, der auch für Autotransporte genutzt wurde.

Wenn man bedenkt, dass dieses Problem bis zur Wende nicht gelöst wurde – der Bürgerkrieg im Libanon endete 1989/90; ca. 900.000 Einreise-/Durchreise-Visa und Flugtickets wurden in diesem Zeitraum verkauft –, bekommt man eine Ahnung davon, wie lukrativ dieses Geschäft für die DDR war. Mancherorts wurde gesagt, dass die DDR den Westen mit dieser Flüchtlingsflut destabilisieren wollte, verlangte die Bewältigung doch einen enormen finanziellen und logistischen Aufwand. So wurden die Flüchtlinge zum Beispiel in das Bundesamt nach Zirndorf transportiert und von dort aus während des Anerkennungsverfahrens auf die Bundesländer verteilt.

Der enorme Flüchtlingsstrom der letzten Monate hat das Thema Flucht und Asyl in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Dein Roman hat damit an Brisanz gewonnen. Wolltest du damit von Anfang an auch eine politische Aussage treffen, oder ist Berlin–Beirut in erster Linie ein Krimi und die Geschichte eines Paares?

Mir ging es in erster Linie um die politische Aussage. Ich habe rund vier Jahre lang recherchiert und geschrieben. 2012 schrieb der Aufbau-Verlag zusammen mit der Textmanufaktur Leipzig den Werner-Bräunig-Literaturpreis aus; das Manuskript erhielt in Leipzig den Publikumspreis, der Verlag war jedoch nicht an einer Veröffentlichung interessiert.  

Nach einer weiteren Überarbeitung wurde das Manuskript im Sommer 2013 von Anna Mechlers Literaturagentur Lesen & Hören angenommen. Unzählige Verlage wurden kontaktiert, meiner Schätzung nach mindestens 60, doch es fand keinen Interessenten. Erst Ende 2015 – da war die aktuelle Flüchtlingskrise an ihrem Höhepunkt −, gab der Divan Verlag dem Manuskript eine Chance.

Schreiben ist ein einsames Geschäft – hast du das auch manchmal so empfunden? Wie hast du dich beim Schreiben vernetzt? Bei wem hast du Unterstützung und Förderung gefunden? Was würdest du anderen Autoren raten?

Ehrlich gesagt empfinde ich das Schreiben nicht als einsam. Im Gegenteil – ich bin stets in Gesellschaft meiner Figuren. Sie leben mit mir zusammen, begleiten mich überall hin, ich habe sogar schon von meinen Figuren gelernt … Ich gehe sogar so weit zu behaupten: Als Autor lebe ich mehr als ein Leben.



Vor elf Jahren habe ich mit vier anderen AutorInnen die RomanRundeBerlin gegründet; wir treffen uns alle zwei bis drei Wochen und kommentieren, diskutieren, kritisieren unsere Texte. Über diese Runde habe ich die GNL, Gesellschaft für neue Literatur, kennengelernt und bin Mitglied geworden. Darüber hinaus habe ich an vielen Schreibseminaren und Schreibreisen teilgenommen – und tue das immer noch. Schreibreisen sind meine Art von Urlaub geworden.

Was ich jedem Schreibenden an Herz legen will: Wir alle lernen von den Stärken und Schwächen anderer Texte; darüber hinaus lernen wir interessante, gleichgesinnte Menschen kennen. Das bereichert das eigene Leben ungemein, wie ich finde. Deshalb: Wer keine Schreibgruppen in der Umgebung hat – gründet einfach eine!

Auf deiner Homepage findet man den Hinweis, dass du bereits an einem neuen Romanprojekt arbeitest. Um was geht es darin?


Sir! Yes, Sir! ist ein Projekt, das ich vor über zehn Jahren begonnen und dann abgebrochen habe, um  Berlin−Beirut zu schreiben. Nun habe ich es wieder aufgegriffen, die Figuren bleiben die, die sie waren, allerdings schreibe ich es inhaltlich um. Mich interessieren Macht und Ohnmacht, die Macht der Ohnmächtigen – und anders herum. 

In dem Projekt beschäftige ich mich mit der Frage: Kann man sich vor Umweltkatastrophen, Gewalt und Terror schützen, ohne die persönliche Freiheit gänzlich aufzugeben, und welche Konsequenzen kann das haben? 


Berlin−Beirut. Eine Lüge zu viel, Divan Verlag, 256 Seiten, 15,90 Euro

... triffst du nur das Zauberwort: Gitta Mikati im Literaturhaus Berlin

Berlin−Beirut. Eine Lüge zu viel, die erste Romanveröffentlichung der Berliner Autorin Gitta Mikati, greift ein hochbrisantes Thema auf, das bisher nur eine Randnotiz der deutsch-deutschen Geschichte war. Rund 900.000 Mal flog die DDR in den 70er Jahren Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Schönefeld ein und schob sie augenblicklich in den Westen ab. Wer in eine stichprobenartige Kontrolle der „Arbeitsgruppe Ausländer“ geriet, musste nur ein einziges Zauberwort sagen: „Asyl.“ Viele andere wurden von Schleuserbanden bereits erwartet und für die Überführung von Pkw in den Nahen Osten eingesetzt, um anschließend erneut in die DDR zurückzufliegen.

Die Bande um Maria und ihren Onkel Albert, die Gitta Mikati in ihrem Roman beschreibt, ist fiktiv, aber die Handlung basiert auf Fakten. Und sie muss es wissen, denn sie hat seinerzeit selbst bei der Berliner Ausländerbehörde gearbeitet und war mit einem Libanesen verheiratet.


Für die Buchpremiere hätte sich der Divan Verlag keinen besseren Ort aussuchen können als das Literaturhaus Berlin an der Fasanenstraße, denn genau an dieser Stelle – auch dies ein historischer Fakt – befand sich in den 70ern ein Billardsalon, der als Libanesentreffpunkt fungierte. Heute erinnert nichts mehr daran; das stimmungsvolle Kaminzimmer strahlt eine gediegene, kultivierte Atmosphäre aus und ist für seine Autorenlesungen bekannt.


Begrüßt wurden die zahlreichen Gäste von der neuen Divan-Programmleiterin Gloria Reinhardt – zwar im Maschinengewehrtempo und vom Blatt abgelesen, aber nichtsdestotrotz eine schöne Geste des Verlags. Die musikalische Begleitung, die sich um die Bee-Gees-Hits aus Saturday Night Fever rankte, hatte Rundfunk-Redakteur Albrecht Piper übernommen, dessen Klavierspiel an diesem Abend leider dem Anspruch der Veranstaltung nicht ganz gerecht wurde.

Umso vorteilhafter konnte sich Gitta Mikatis ruhige, ausdrucksvolle Lesestimme entfalten; sie präsentierte die Auszüge aus ihrem Debütroman im exakt richtigen Tempo und schob immer wieder authentische Fakten ein, um die Hintergründe der Geschichte um Mahmoud und Maria zu beleuchten. 






Beleg ihrer sorgfältigen Recherche war die Polaroid-Kamera, die sie mitgebracht hatte. Um die Auswirkungen des im Roman geschilderten Vergrabens zu testen, hat Gitta ein bei eBay erstandenes Kameramodell in ihrem Garten „bestattet“. Es hat den Langzeittest offensichtlich recht unbeschadet überstanden.





Der Erfolg ihrer professionell gestalteten Lesung zeigte sich nicht nur am anhaltenden Applaus des Publikums, sondern auch an der Zahl der geduldig auf ein signiertes Buchexemplar Wartenden sowie am wachsenden Blumenteppich auf dem Lesepult.




Ein ausführliches Interview mit Gitta Mikati mit weiteren Hintergründen zu ihrem Roman Berlin−Beirut gibt es hier.

Montag, 19. September 2016

Gentrifizierung und Kinderwunsch: Florian Scheibe über seinen zweiten Roman "Kollisionen"





Kollisionen heißt der zweite Roman des Berliner Autors Florian Scheibe, der vor wenigen Tagen bei Klett-Cotta erschienen ist. Gefeiert wurde dies durch eine Buchpräsentation im Literarischen Colloquium, denn in der dortigen Autorenwerkstatt hat Florian bei der Arbeit an seinem Manuskript Unterstützung und Inspiration gefunden.


Drei Figuren stehen im Mittelpunkt des Romans, und abwechselnd wird aus der Perspektive jeweils einer davon erzählt. Auf der einen Seite steht das Paar Carina und Tom, Ende dreißig, beruflich erfolgreich genug, um sich eine Penthouse-Wohnung mit „authentischem“ Blick auf den Drogenpark leisten zu können.

Carina ist Immobilienmaklerin, eine disziplinierte, zielstrebige, nüchterne „Powerfrau“ mit den üblichen politisch korrekten Vorstellungen von Ernährung und Lebensführung. Sie wünscht sich ein Kind, scheint jedoch auf natürlichem Wege nicht schwanger werden zu können.

Ihr Partner Tom schreibt Kolumnen für ein Stadtmagazin und möchte gerne der ideale „neue Mann“ sein, was allerdings immer wieder an seiner Unausgewogenheit von Emotio und Ratio scheitert. Dass Carina nicht von ihm schwanger wird, unterminiert seine Männlichkeit.

Mona ist eine 16-jährige Drogenabhängige, die im Park unterhalb jener Penthouse-Wohnung ihren Geschäften nachgeht. Sie ist aus einem erfolgsfixierten wohlsituierten Elternhaus geflüchtet und erwartet ein ungewolltes Baby von einem jungen osteuropäischen Obdachlosen.

Aus den Begegnungen dieser drei Personen und ihren jeweiligen Ängsten, Wünschen und Irrwegen entwickelt sich die Handlung von Kollisionen, einem urbanen, stellenweise satirisch-ironischen Gesellschaftsroman, der dennoch seine Figuren nicht bloßstellt, sondern jeder ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit bewahrt.

Ich traf Florian Scheibe, der bereits mehrere Kurzgeschichten in der Berliner Literaturzeitschrift Storyatella veröffentlicht hat, vorab zu einem Interview in Kreuzberg.


Viele Aspekte deines Romans wirken sehr authentisch, beispielsweise die Darstellung der Kinderwunschbehandlung. Auch die Drogenszene, in der Mona sich bewegt, hast du sehr plastisch beschrieben. Wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Ich habe wie viele andere auch mit elf oder zwölf Wir Kinder vom Bahnhof Zoo von Christiane F. gelesen und war davon total fasziniert. Ich hatte damals das Gefühl, Heroin wäre vielleicht sogar meine Droge, und deshalb würde ich auf jeden Fall die Finger davon lassen. Ich habe aber immer in Gegenden gewohnt, wo sehr viele Drogen konsumiert wurden. Das hat mich interessiert, und ich habe mir die Frage gestellt, wie man sich so kaputtmachen und sehenden Auges in den Abgrund marschieren kann. Ich kenne auch viele Sozialarbeiter. Mit dieser gesellschaftlichen Realität, der Drogenszene und da vor allem Heroin hatte ich immer ziemlich viele Berührungspunkte.

Ich glaube, dass Sozialarbeit in diesem Bereich nur funktioniert, wenn sie eine akzeptierende ist. Ich glaube nicht an Sozialarbeit, die einen cleanen Anspruch hat. Wenn jemand von der Droge runterkommt, ist das natürlich toll, aber man weiß ja nur schon vom Rauchen, wie schwer es ist, damit aufzuhören. Wenn man das mal hochrechnet auf eine Droge, die wirklich eine Wirkung hat … Das kann nur aus den Menschen selber kommen, und da müssen auch viele Ressourcen da sein, ein Boden, auf dem sie stehen können, damit sie das hinbekommen.

Du beschreibst in deinem Roman die Schauplätze so, dass man sie als Berliner auf Anhieb wiedererkennt. Trotzdem nennst du weder Orts- noch Straßennamen. Der Schauplatz von Kollisionen bleibt also anonym. Warum?

Ganz am Anfang war mal die Überlegung, dass der Roman explizit im Prenzlauer Berg spielt. Ich wollte Carina und Tom in einem Viertel wohnen lassen, das so gut wie gar keine Drogenproblematik hat, und Mona da reinkommen lassen. Aber davon habe ich dann wieder Abstand genommen, weil das viel erklärungsbedürftiger gewesen wäre. Jetzt spielt sich die Handlung tatsächlich zwischen Wiener Straße und Paul-Lincke-Ufer ab. Da kann man diese Gegensätze auch wirklich gut beobachten, Stichwort Gentrifizierung. Und wenn man fünf oder zehn Jahre nach vorne schaut, kann man sich vorstellen, dass es diese Gegensätze nicht mehr gibt.

Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass es mir widerstrebt, die Orte konkret zu benennen. Das kann ich gar nicht begründen, es war eher so ein Bauchgefühl. Hinzu kamen auch die Überlegungen des Verlags, dass Kollisionen nicht als Berlin-Roman vermarktet werden sollte. Meine Absicht war ohnehin, keinen Berlin-, sondern einen Großstadt-Roman zu schreiben, insofern rannte das bei mir offene Türen ein. Als ich diese Entscheidung dann getroffen hatte, war das ein gutes Gefühl. Ich konnte die Orte beschreiben, aber trotzdem mit einem neuen Blick wie aus der Vogelperspektive auf die Stadt gucken wie auf eine Insel. Das war für mich genau richtig.

Ich hätte den Wunsch, dass auch jemand in Frankfurt oder in Zürich sich vorstellen kann, dass die Handlung dort stattfindet. Es ist natürlich lustig, dass trotzdem jeder sofort Berlin darin wiedererkennt, selbst Menschen, die noch nie in Berlin waren.

Kollisionen ist im Rahmen der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin entstanden. Wie kann man sich das vorstellen? Welche Bedingungen musstest du dafür erfüllen?

Normalerweise ist die Autorenwerkstatt für Autoren, die noch nichts veröffentlicht haben. Aber das war eine Ausnahme, explizit eine Autorenwerkstatt für das zweite Buch, und das fand ich natürlich toll, weil es mir auch die Tür geöffnet hat. Die Idee dahinter war, dass ein erster Roman zwar schwierig, der zweite aber noch viel schwieriger ist. Diese Erfahrung kenne ich vom Schreiben, die kenne ich auch vom Filmemachen. Das Zweite ist immer das schwerste.

Natürlich ist das auch eine Vermarktungsfrage. Ein Debüt lässt sich für den Verlag besser verkaufen. Auch das ist beim zweiten Buch schwieriger, vor allem wenn das Debüt jetzt nicht so der Erfolg war.


Die zehn Teilnehmer dieser Autorenwerkstatt hatten also alle schon einen Roman veröffentlicht, manche erst kurz vorher, andere schon weiter zurückliegend. Das war sehr spannend, weil alle schon eine gewisse Erfahrung mit dem Betrieb hatten. Man arbeitet dann an vier Wochenenden im Vier-Wochen-Abstand von Herbst bis Frühjahr an seinen Texten. Man widmet sich immer einen kompletten Tag lang einem Text, den hat dann jeder gelesen, und es gibt immer einen Tandempartner, der das versucht zu moderieren. So kommen dann sehr fruchtbare Diskussionen zustande. Und es sind natürlich auch Freundschaften daraus entstanden.

Bevor ich zur Autorenwerkstatt eingeladen wurde, steckte ich mit meinem Roman fest. Es gab nur den Anfang, und ich war mir unsicher, ob daraus überhaupt ein ganzer Roman entstehen würde. Aber durch die Teilnahme habe ich dann daran weitergearbeitet. Es gab auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse, und dort habe ich meinen Agenten kennengelernt. So kam die Vermittlung zu Klett-Cotta zustande.

Gibt es denn schon ein Projekt Nummer drei?

Ich habe mir immer gesagt, bevor Kollisionen rauskommt, müsste ich eigentlich etwas Neues in der Mache haben, damit mich das, was jetzt an Rezensionen kommt oder auch was nicht kommt, nicht mehr so tangiert. Ich habe viel darüber geredet und habe das allen gesagt, und natürlich hat’s nicht geklappt.

Es gibt zwar ein Thema, aber es gab noch keine konkrete Idee. Ich war lange auf der Suche nach der geeigneten Szene, nach dem Einstieg. Immer wieder dachte ich, jetzt hab ich’s, und dann habe ich auch geschrieben, aber es war doch nicht das Richtige. Aber jetzt ganz aktuell habe ich – hoffe ich jedenfalls – etwas, das auch weitergeht. Ich hab auch Lust dazu. Wenn ich schreibe, bin ich deutlich zufriedener, als wenn ich nicht schreibe. Deshalb war ich auch in den letzten Monaten etwas schwierig für meine Umwelt.




Samstag, 10. September 2016

Eiermann und Schlagerparty: Bastian Asdonk liest aus "Mitten im Land"

Das Studiolo im Aufbau-Haus ist eine Art vollverglaste Putzmittelkammer, in der vier (!) Stühle und ein paar minimalistische Bänklein aufgestellt worden waren. Das war der Rahmen für die Lesung von Bastian Asdonk, der mit Mitten im Land kürzlich beim Zürcher Verlag Kein & Aber sein Romandebüt veröffentlicht hat. Ein großer Publikumsansturm wurde offenbar nicht erwartet. Auch der Verlag hatte keinen Repräsentanten geschickt.



Für den Beginn der Lesung waren zwei unterschiedliche Uhrzeiten im Internet kommuniziert worden, was ebenso für Verwicklungen sorgte wie die mangelhafte Tontechnik. Im ersten Teil des Gesprächs wurden Asdonk und sein Moderator Jan Ehlert (NDR) vom Straßenlärm und den lautstarken Unterhaltungen der Besucher, die es sich lieber draußen am Getränkestand gemütlich gemacht hatten, als der Veranstaltung zu folgen, gnadenlos übertönt.



So viel zumindest wurde klar: Bastian Asdonk wuchs bei Kamp-Lintfort auf, lebt jetzt schon einige Jahre in Berlin und würde nicht gerne aufs Land ziehen wollen. Genau dort spielt nämlich sein Roman, in einem winzigen brandenburgischen Kaff mit einer Tankstelle, einem Discounter und einem Kfz-Händler. Der namenlose Ich-Erzähler verliebt sich dort in ein abgelegenes altes Haus am See und nimmt das Dorf mitsamt Bewohnern sozusagen billigend in Kauf.


Politische Haltung, so erläuterte Asdonk, drücke sich ja heutzutage nicht mehr in parteipolitischen Aktivitäten aus, sondern eher in der Lebenseinstellung und in bestimmten Handlungen. So geht es auch seinem Protagonisten. Der will nämlich autark leben, sein eigenes Obst und Gemüse anbauen und „von seiner Hände Arbeit“ leben, und zu diesem Zweck liest er eine Reihe von Gartenbüchern.

Man ahnt, dass es zum Culture Clash kommen muss. Doch im ersten von Asdonk leider viel zu hastig vorgelesenen Romanauszug beobachten wir den Ich-Erzähler lediglich beim Anlegen eines Hochbeetes, und das klappt eigentlich für jemanden mit rein theoretischem Wissen ganz gut. Recht amüsant, wie sich der Allergiker die Nase von innen mit Vaseline einschmiert, um den Gräserpollen die Tour zu vermasseln.

Anschließend geht er den Nachbarn besuchen, um Eier zu kaufen. Es folgt eine sehr akribisch beschriebene, aber nicht allzu aufregende Szene, in der der „Eiermann“, der dann „Franz“ genannt wird, obwohl er sich an keiner Stelle namentlich vorgestellt hat, den Fremdling freundlich begrüßt und sogar ein Schnäpschen aus dem Kühlschrank holt.

Noch eine zweite Lesepassage gab es, leider noch hektischer abgespult, in welcher der Protagonist bei neuen Freunden (?) übernachtet hat und morgens mit ihnen frühstückt. Einer der Anwesenden hält dabei eine lange Rede über Kapitalismus, den Willen des Volkes und das trügerische Vertrauen in den Staat, die möglicherweise für ein Essay taugt, ganz sicher aber nicht für einen Romandialog.

Deutlich mehr erfuhren die Zuhörer der Lesung durch die souveräne Moderation von Jan Ehlert (NDR), der – mit eigenen Worten – eine Romanszene schilderte, in der ein Dorffest mit Schlagertanzmusik von einigen rechts orientierten Jugendlichen „übernommen“ wird, die dann ihre eigene Musik spielen, was aber niemanden zu stören scheint.

Ehlert war es auch, der verriet, dass der Ich-Erzähler sich in die Dorfschönheit an der Supermarkt-Kasse verliebt und dass die „Rechten“ sich letztlich doch als ganz anders entpuppen als erwartet.

Das hat Potenzial, da lauern Konflikte, da könnten Entwicklungen stattfinden – und das wäre der Stoff gewesen, den ich mir in dieser Lesung gewünscht hätte, um einen Eindruck von Mitten im Land zu bekommen. Leider plätscherten die gelesenen Szenen spannungsfrei vor sich hin, sparten weder mit Plattitüden noch mit grammatikalischen Magenhieben und machten wenig Appetit auf die Geschichte des gescheiterten Sozialromantikers.

Berechtigt also die Frage einer Zuhörerin, was Asdonk zum Schreiben gerade dieses Romans veranlasst habe? Und etwas erschreckend seine Antwort darauf: Er habe Thoreaus Walden gelesen, aber das sei ja doch ein sehr langweiliges Buch.




Montag, 22. August 2016

Peer Gynt im Theatersommer Netzeband

Ganz gleich, welches Stück auf dem jährlich wechselnden Programm steht: Eine Aufführung des Theatersommers Netzeband ist immer ein überwältigendes Erlebnis. Zum Teil hat dies etwas mit der Lage des Freilichttheaters zu tun, das sich in einem winzigen brandenburgischen Dorf versteckt. Die eintreffenden Gäste werden mit einem spektakulären Sonnenuntergang in Stimmung gebracht.


Die „Bühne“ ist ein großzügig angelegter Park mit einer weiten Rasenfläche, die von alten Bäumen umgeben ist. Besonders beeindruckend sind die Inszenierungen, wenn sie die Möglichkeiten dieser wunderbaren Naturkulisse ausschöpfen. Bei „Peer Gynt“, der diesmal auf dem Spielplan stand, war das der Fall.



Die Geschichte des großmäuligen Bauernsohnes ist abenteuerlich, verworren und erinnert stellenweise an den Baron Münchhausen, denn auch Peer verwickelt sich oft in seinen eigenen Lügen und stilisiert sein Leben zur Anekdote. 


Als Jugendlicher gibt er mit übermenschlichen Kräften an, entführt eine Braut von ihrer Hochzeit und gerät in das Reich der Trolle, deren strengen Regeln er sich allerdings auch nicht unterordnen kann. Für mich der absolute Höhepunkt der Aufführung war der Auftritt des Trollkönigs, der als eine Mischung aus Zuhälter und Sowjetoffizier inszeniert wurde und mit einem großartig getunten, dröhnenden, LED-leuchtenden Angeberauto vorfuhr – ich gebe gerne zu, dass ich vor Neid gesabbert habe.


Peer Gynt verdient viel Geld mit zweifelhaften Geschäften und wird zu einer Art Business-Guru. In einer grandiosen Szene beeindruckt er seine Bewunderer mit dem branchenüblichen Bullshit-Bingo. Wie immer beim Theatersommer Netzeband wurde auch der Originaltext von Henrik Ibsen durch kleine Abwandlungen aktualisiert und ironisiert: Peer erzählt, wie er als unbedarfter Ossi in den Westen kam und dort sein Glück machte.


Seine Karriere nimmt noch weitere zunehmend abstruse Wendungen. Als Sultan beispielsweise steht ihm ein ganzer Harem verschleierter Tänzerinnen zur Verfügung, auch dies ein wunderbares Bild vor der zunehmend dunkler werdenden Parkkulisse.


Aber auch Peer Gynt wird alt, und das Glück ist nicht mehr auf seiner Seite. Am Ende ist er verarmt, einsam und von Selbstzweifeln geplagt. Ist er wirklich nicht mehr als eine Zwiebel, deren Schichten den fehlenden Kern verbergen? Für den Tod ist er trotzdem nicht bereit und will auch ihm durch seine gewohnheitsmäßigen Lügen und Tricks entkommen.

Nur zwei Punkte kann ich an der Aufführung kritisieren: Die Rolle der Solveig blieb blass und unklar, wozu sicherlich auch das tranceartige leere Starren dieser Figur beitrug, und gegen Ende nahm die Inszenierung stark an Tempo und Unterhaltsamkeit ab, so dass man sich ein wenig durch die letzten Szenen hindurchquälen musste.

Das tut aber der Großartigkeit des Gesamtkunstwerks keinen Abbruch. Wie immer waren die Schauspieler – alle sehr jung und alle Laien – umwerfend gut, die von Profischauspielern eingesprochenen Synchronstimmen fantastisch und die Kostüme schrill und amüsant. 


Im Gegensatz zum Vorjahr, als Shakespeares „Richard III.“ auf dem Spielplan stand, wurde diesmal wieder deutlich mehr Musik eingesetzt, was mich ganz besonders gefreut hat. Auch die Masken waren weniger grotesk, erstmals gab es sogar gänzlich unmaskierte Rollen – das ist für Netzeband ein Novum, mir hat es gefallen.

Die Glanzleistung des Vollmonds, der den zweiten Teil der Aufführung mit seiner enormen Bühnenpräsenz stark prägte, soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.


In diesem Jahr war unsere Berliner Fangemeinde bereits auf elf Personen angewachsen, und ich glaube, dass ich nächstes Jahr noch einige Tickets mehr besorgen muss. Es wird mir ein Vergnügen sein!




Mittwoch, 27. Juli 2016

Tara Beier & The Silverthorns live @ Junction Bar


Ein Geheimtipp von Freunden war das Konzert von Tara Beier in der Kreuzberger Junction Bar

Schon lange vorher versammelte sich eine wachsende Zahl von Menschen – interessanterweise aus sämtlichen Altersgruppen – auf dem breiten Gehweg der Gneisenaustraße. Der Tag war heiß gewesen, jetzt trieb es viele nach draußen, und zum allgemeinen Aufatmen war es in den Kellerräumen der Bar sogar noch ein bisschen kühler als unter freiem Himmel.

Der junge schottische Singer/Songwriter Martin Kelly eröffnete den Abend mit eigenen Songs an der Akustikgitarre, sympathischem Lächeln und erstaunlich guten Deutschkenntnissen. Der ruhige, oft auch wehmütige Grundton seiner Songs – wie etwa „Far away from home“ – bot eine gute Einstimmung auf das Programm des Headliners. 


Tara Beier lebt in Los Angeles und tritt dort mit ihrer eigenen Band auf. Wegen einer Familienfeier war sie kurz zu Besuch in Berlin, doch ihren Auftritt in der Junction Bar hat sie akribisch vorbereitet. Über das Internet hat sie sozusagen eine deutsche Filiale erschaffen, bestehend aus fünf Musikern, die sie erst wenige Tage vor dem Konzert persönlich kennenlernte. Bis dahin hatten die Jungs allerdings schon Gelegenheit, ihr Songmaterial einzuüben, und überraschenderweise hat diese Methode hervorragend funktioniert.



Nicht nur Taras bemerkenswerte Stimme, sondern auch die musikalische Begleitung durch zwei Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug waren professionell, soundtechnisch hervorragend eingestellt und perfekt geeignet, um dem aufmerksam lauschenden Publikum die Songs des neuen Albums „Heros & The Sage“ zu präsentieren.






Eine ruhige Mischung aus Folk, Pop, Indie und Hippiemusik, dazu nachdenkliche, kritische und emotionale Texte, ergänzt durch verträumte und hypnotische Visuals, die auf eine improvisierte Bettlaken-Leinwand projiziert wurden – kein Wunder, dass Tara Beier & The Silverthorns ein Publikum zwischen 18 und 80 angelockt hatten. 

Und das ließ sie nicht einfach so wieder gehen: Ganz ausdrücklich wurde „Forever Mine“, der folkpoppige Opener ihres neuen Albums, als Zugabe gefordert und auch bereitwillig gegeben.


Sonntag, 24. Juli 2016

Oded Kafri beim Christopher Street Day in Berlin

Lassen wir mal den historisch-politischen Aspekt beiseite: Inzwischen ist der Christopher Street Day in erster Linie ein großes, buntes Straßenfest mit einem karnevalesken Umzug durch die Innenstadt, mit Musik, Imbissständen und Getränkebuden, mit Dixiklos, Sanitäterzelten und jeder Menge Partyvolk. Schwul, lesbisch, trans, hetero oder Tourist – hier kann jeder mitfeiern.



Was auf den ersten Blick an öffentliche Hinrichtungen erinnern mochte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ultimativer Adrenalinkick: Für 50 Euro konnten sich Freunde des Nervenkitzels hier von der Firma Upgrundtief aus 70 Metern Höhe schubsen lassen. 









Und das lief wie geschmiert: Während der eine noch kopfüber am Bungeeseil baumelte, stand der oder die Nächste bereits mit umgeschnallten Gurten am Boden bereit, um in den Fahrkorb zu steigen.









Die gesamte Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor war flankiert von Cocktail-, Würstchen-, Bier- und Partybedarf-Buden. Kein Grund also, hungrig oder durstig zu bleiben, und mehr oder weniger gute Musik wummerte auch aus zahlreichen großen Boxen.



Mein absolutes Highlight inmitten dieses bunten Getümmels war Oded Kafri, ein israelischer Straßenmusiker, der mit recht bescheidenen Mitteln allerfeinste Festival-Stimmung verbreitet. Ein uralter Generator versorgt seine Soundmachine, die schlichte Samples und Loops produziert, und er spielt dazu live die Percussions – und zwar mit allem, auf dem man nur trommeln kann, von der Alu-Trittleiter über Kuhglocken und Heliumflaschen bis zu Ölfässern, wobei er zusätzlich noch ein „richtiges“ Schlagzeug verwendet.




Seine Performance in Worte zu fassen ist schwer, die muss man erleben. Kafri bearbeitet seine Gerätschaften mit einer derartigen Energie, dass man damit die Stromversorgung einer Kleinstadt sicherstellen könnte. Es ist kein Zufall, dass seine Drumsticks auf sämtlichen Fotos trotz kurzer Belichtungszeiten verschwommen sind! 




Die Präzision und Geschwindigkeit seiner Beats ist überwältigend und kann stellenweise nicht mehr getanzt, sondern nur noch gezittert werden.





Es dauerte nicht lange, bis er seine Zuhörer in einen wahren Rausch getrommelt hatte. Stillstehen war praktisch unmöglich, selbst bei den größten Bewegungsverweigerern zogen sich wenigstens die Mundwinkel nach oben. Absolut umwerfend! Ab sofort bin ich Kafri-Fan. Übrigens: im Dezember soll er wieder in Berlin spielen … Ich hab’s mir vorgemerkt!



Mag sein, dass die Künstler auf der Hauptbühne direkt vor dem Brandenburger Tor – hier Culcha Candela – größere Massen mitreißen konnten. Selbst die peinlichen, einstudiert wirkenden Jubelreden der Moderatoren („Ihr seid die Gesellschaft, die wir wollen!“) sorgten ja für Applaus und Freudengeheul. Das sei allen, die vor der Bühne Spaß hatten, sehr herzlich gegönnt. Mein Star des diesjährigen CSD in Berlin bleibt trotzdem Oded Kafri.