Mittwoch, 31. Mai 2017

Den richtigen Verlag finden

„Mein erstes Manuskript ist fertig – wie finde ich jetzt einen Verlag?“


Weg vom Schreibtisch und raus in die reale Welt! 


Suche in stationären Buchhandlungen nach Büchern, die deinem eigenen Projekt ähnlich sind. In welcher Abteilung liegen sie? Wer sind die Autoren, und bei wem veröffentlichen sie noch? Welche Titel findest du ansprechend, welche eher nicht?

Achte auch bei den Büchern, die du zum eigenen Vergnügen liest, immer auf den Verlag. Sind sie professionell gesetzt, gut verarbeitet, frei von Rechtschreibfehlern, und haben sie ein klar gestaltetes, dem Genre entsprechendes Cover?

Auch bei Buchmessen solltest du dir die Produkte der einzelnen Verlage genau ansehen und dich fragen, ob du deinen Namen gerne einmal in einem davon wiederfinden würdest.

Notiere dir alle Verlage, die dir positiv aufgefallen sind und bei denen du dir eine Veröffentlichung vorstellen könntest.
  


Große oder kleine Verlage anschreiben?


Du kannst versuchen, selbst Kontakt mit großen Publikumsverlagen aufzunehmen, solltest dir aber darüber im Klaren sein, dass diese heute fast ausschließlich mit Agenturen zusammenarbeiten. Sehr viel bessere Chancen wirst du bei mittleren und kleinen Verlagen haben, die oft über zu wenige qualitätsvolle Manuskripteinsendungen klagen.

Die folgenden Tipps gelten weitgehend auch für die Bewerbung bei Literaturagenturen. Das Auswahlverfahren ist hier ähnlich rigoros wie bei Verlagen, dafür verbessern sich deine Chancen, dein Manuskript auch bei einem größeren Verlag unterzubringen – und du bekommst von einer Agentur viel Unterstützung bei der Projektplanung, der Vertragsverhandlung und dem Marketing deiner Veröffentlichung.

Schau dir auf den Websites der Verlage sehr sorgfältig ihr Programm an. Gibt es eine bestimmte Programmreihe, in der ein deinem Manuskript ähnelndes Buch erschienen ist? Wie heißt sie? Welche weiteren Titel finden sich darin? Würde dein Roman gut in diese Reihe passen, oder gibt es bei diesem Verlag noch eine andere, die vielleicht sogar besser geeignet wäre?

Skepsis ist geboten, wenn ein Verlag keinerlei Spezialisierung aufweist. Möglicherweise handelt es sich dann um einen sogenannten Druckkostenzuschussverlag, der sich die Veröffentlichung von Büchern teuer bezahlen lässt. Das wirst du unter anderem daran erkennen, dass die Einsendung von Manuskripten explizit erbeten wird. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, wird ein Verlag mit einem unspezifischen, breit aufgestellten Programm dich nur unzureichend fördern und vertreten können. Dein Buch würde darin untergehen. Auch eine Agentur sollte sich auf bestimmte Genres spezialisiert haben, denn nur dann ist gewährleistet, dass sie gezielt mit den richtigen Ansprechpartnern in den Verlagen zusammenarbeitet.

Kann ich ein Paket schnüren und es an möglichst viele Verlage oder Agenturen schicken?


Auf (fast) jeder Verlagswebsite gibt es einen Menüpunkt „Manuskripte“ oder ähnlich. Lies dir genau durch, welche Anforderungen dort gestellt werden.

Versuch nicht, dem Verlag das Denken abzunehmen, indem du statt der geforderten 20 lieber gleich 50 Seiten Leseprobe schickst („Die brauchen einfach mehr Einblick in mein Projekt, um es richtig beurteilen zu können“) oder den Lebenslauf ins Anschreiben packst („Dann sehen sie gleich, wie viele tolle Veröffentlichungen ich schon habe“). Deine Professionalität kannst du am besten beweisen, indem du dich exakt an die Vorgaben hältst. Da sie von Verlag zu Verlag und von Agentur zu Agentur variieren, kannst du keine Standardeinsendung verwenden.

Formuliere ein Anschreiben, das in wenigen Sätzen dein Projekt und dich als Person vorstellt. Benenne klar das Genre und das Thema deines Manuskripts. Beschreibe das Besondere daran (zum Beispiel die Spiegelung einer aktuellen gesellschaftlichen Strömung) und deine persönliche Beziehung zum Thema. Was macht dich zum Experten dafür?

Beschreibe deine Erfahrungen im Literaturbetrieb, auch wenn sie dir noch so unbedeutend erscheinen. Hast du schon mal eine Kurzgeschichte in einer Anthologie veröffentlicht? Einen Wettbewerb gewonnen? Bist du Mitglied in einem Autorenverein? Hattest du schon Lesungen mit eigenen Texten? Hast du Seminare, Kurse oder Workshops besucht, die mit Schreiben und Literatur zu tun hatten? Bist du Gründer oder aktiver Teilnehmer einer (Online-)Schreibgruppe?
Wenn möglich, sprich den Empfänger mit Namen an. Dazu kannst du zuvor beim Verlag anrufen: „Wer ist denn eigentlich bei Ihnen für die Reihe XY zuständig?“ Lass dir den Namen notfalls buchstabieren, um peinliche Fehler zu vermeiden, und frag auch nach, wenn nicht deutlich ist, ob es sich um eine Lektorin oder einen Lektor handelt.

Dein Manuskript ragt heraus!


Bereite deine Unterlagen sorgfältig auf! Dazu gehören die Einhaltung der Normseite, einseitig bedruckte, nicht gelochte oder geheftete Blätter, eine klare Trennung von Manuskript, Anschreiben, Lebenslauf und Exposé, ein gut lesbares Schriftbild und vieles mehr.

Versetz dich in die Lage der Empfänger, also des Lektors oder der Agentin, die täglich einen ganzen Stapel solcher Einsendungen erhalten. Womit kannst du es ihnen leichtmachen, deine zu bevorzugen? Wie kannst du dich positiv von der Konkurrenz abheben, indem du beweist, dass du dich in ihre Situation hineingedacht hast? Das gilt gleichermaßen für postalische wie für digitale Sendungen.

Wenn du deine Unterlagen per E-Mail schickst, achte darauf, jede in einer eigenen Datei zu speichern – und verwende deinen Autorennamen in der Dateibenennung! Auf der Festplatte einer Lektorin oder eines Agenten wimmelt es von Dateien namens Exposé.doc. Sie werden sehr dankbar sein, wenn eine mit der Bezeichnung Felix_Schreiber_Exposé.doc dabei ist!

Wandle deine Dokumente keinesfalls in PDF um. Damit kann ein Verlag nichts anfangen. Und wenn du jetzt schon Angst hast, dass jemand in deinen Texten herumpfuschen könnte, solltest du das mit der Veröffentlichung ohnehin noch mal gründlich überdenken.

Was nicht in deine Unterlagen gehört: Originalillustrationen, Honorarvorstellungen, Coverideen, Sonderwünsche für die Vertragsgestaltung, Zeugnisse und Zertifikate, Belegexemplare bisheriger Veröffentlichungen, Links auf deine E-Books oder ein Empfehlungsschreiben deiner Deutschlehrerin. Wenn du eine Autorenhomepage hast, kannst du die Adresse im Anschreiben nennen. Dann sollte sie aber auch professionell gemacht und gut gepflegt sein.

Schütz dich vor dem Absage-Blues




Im eigenen Interesse ist es sinnvoll, mehrere Verlage zeitgleich anzuschreiben. Eine Absage – und du wirst viele davon bekommen! – ist dann weniger schmerzhaft, weil du noch weitere Eisen im Feuer hast. Die Enttäuschung kannst du durch die Hoffnung auffangen.

Du wirst keine differenzierten Rückmeldungen erhalten. Die Standardbegründung für eine Verlagsabsage lautet: „Ihr Manuskript passt leider nicht in unser Programm.“ Dahinter kann sich vieles verbergen, es kann aber auch die reine Wahrheit sein. In diesem Fall hast du vielleicht nicht gründlich genug recherchiert.

 
Wenn du dich lieber gleich bei Literaturagenturen bewirbst, solltest du das Maschinengewehr deiner Bewerbungen auf Einzelfeuer umstellen. Viele Agenturen möchten im Vorfeld wissen, mit welchen anderen Agenturen oder Verlagen du bereits Kontakt aufgenommen hast. Diese Frage solltest du ehrlich beantworten. Damit du nicht den Überblick verlierst, warte mit jeder neuen Bewerbung am besten ab, bis du auf die vorherige eine Rückmeldung bekommen hast.

Es ist sinnlos, nach konkreten Gründen für eine Ablehnung zu fragen. Große Verlage oder Literaturagenturen müssten mehrere Vollzeitkräfte einstellen, um diese Aufgabe erfüllen zu können. Nimm jede Absage als Ansporn! Es gibt fast 2.000 Verlage und rund 150 Agenturen in Deutschland, auch für dich ist das Passende dabei!


Dienstag, 25. April 2017

Ein fauler Gott: Stephan Lohse im LCB am Wannsee

Ein fauler Gott erzählt die Geschichte des elfjährigen Benjamin, dessen jüngerer Bruder ums Leben kommt. Der Roman ist angesiedelt im Hamburg des Jahres 1972, die Fragestellung jedoch zeitlos: Gibt es einen angemessenen Umgang mit dem Tod? Welchen Regeln folgt Trauer, und wie können wir Kindern bei der Bewältigung helfen?

Stephan Lohse las Passagen seines Debütromans Ein fauler Gott im Literarischen Colloquium Berlin. Begleitet wurde die Lesung durch die Kinder- und Jugendtherapeutin Magdalena Manker, eine langjährige enge Freundin des Autors und Schauspielers.

Kinder trauerten anders als Erwachsene, erklärte die Psychologin, weil sie Zeit noch nicht abstrahieren, sondern sie eher an Erlebnisinhalten festmachen. Deshalb seien sie in der Lage, sich selbst in einer akuten Trauerphase immer wieder in kleine Inseln oder Blasen des Trostes zu retten.

Benjamin gelingt dies zum Beispiel, wenn er sich in das alte, ausgeschlachtete Auto im Vorgarten von Herrn Gäbler setzt und so tut, als fahre er. Das hilft ihm besonders deshalb, weil Herr Gäbler ihm dabei Gesellschaft leistet. Die Unterhaltungen der beiden machten einen Großteil der gestrigen Lesung aus.

Herr Gäbler stellt seine eigene Lebensgeschichte in den Hintergrund. Ernst, respektvoll und aufmerksam begleitet er Benjamin auf seinen mentalen Ausflügen, hört seinen kindlichen Theorien über das Leben und den Tod zu und versorgt ihn mit Proviant. Ein Roadmovie in einem still stehenden Auto – das ist ein anrührendes Bild für den Trauerprozess.



Als „wissenden Zeuge“ bezeichnete die Erziehungswissenschaftlerin Alice Miller einen solchen zuverlässigen, am Ereignis unbeteiligten Begleiter, der sich weder aufdrängt noch Ratschläge erteilt, sondern eher im Hintergrund agiert – Präsenz und Mitgefühl statt Überfürsorge und „Schongang“.

Benjamin hilft allein schon das Gefühl, wahrgenommen zu werden, so wie es auch dem Autor Stephan Lohse ging, als er ungefähr im selben Alter mal einige Stunden zu einer Therapeutin geschickt wurde. Diese Erinnerungen, so erzählte er, gehörten zu den schönsten und entspannendsten seines Lebens.

Im Gespräch verwies er an mehreren Stellen auf autobiografische Elemente, die in seinen Erstlingsroman eingeflossen sind – vielleicht ist das der Grund für dessen einzige Schwäche: Benjamin wirkt für einen Elf-, später Zwölfjährigen sehr kindlich. Zwar zeichnet Lohse ein gelungenes und stimmiges Psychogramm, aber die gesamte Gefühls- und Gedankenwelt Benjamins sowie auch der mütterliche Umgang mit ihm passen aus meiner Sicht eher zu einem Sieben- oder Achtjährigen. (Mich hätte mit zwölf jedenfalls definitiv niemand mehr in eine Strumpfhose zwingen können!)


Eine der Erkenntnisse dieser Veranstaltung war, dass die Arbeit des Psychotherapeuten und die des Schriftstellers viel gemeinsam haben. Grundlage ihres Berufs, erläuterte Magdalena Manker, sei das Handwerkszeug, die Technik – was ohne Zweifel auch für Schreibende gilt. Der nächste Schritt sei dann das Sortieren und Analysieren der Fakten – im Schreibprozess vergleichbar mit der Recherche und dem dramaturgischen Aufbau. Die Wirksamkeit einer Therapie jedoch, betonte Manker, hänge von der therapeutischen Beziehung ab, also von der Gefühlsebene, und auch hier ist die Parallele mit dem gelungenen Roman, der fesselnden Erzählung offensichtlich: Erst wenn der Leser sich in seinem emotionalen Erleben widerspiegeln kann, hat die Literatur ihre ganze Wirkung entfaltet.

Stephan Lohse: Ein fauler Gott, Suhrkamp Verlag, März 2017

Montag, 3. April 2017

Anne Kuhlmeyer im Interview

Am Stand ihres Verlags Argument Ariadne traf ich die Autorin Anne Kuhlmeyer zu einem Interview.

Anne Kuhlmeyer mit ihrem jüngsten Roman
Gibt es einen Ort, an dem du jetzt lieber wärst als hier auf der Leipziger Buchmesse?

Ich freu mich wirklich, hier zu sein. Aber noch lieber liefe ich den Malecón entlang, links die Altstadt von Havanna und rechts die Karibik.

Dein Roman Drift ist soeben bei Ariadne erschienen. Wie bist du beim Schreiben vorgegangen – Plotter oder Pantser (= ausführliche Planung oder aus dem Bauch heraus)?

Zuerst widmete ich mich den Figuren, sie bekamen eine ausführliche Biographie. Das mache ich immer so. Bei Drift hatte ich einen vielleicht zu groben Plot, denn ich habe ihn während des Schreibens mehrfach angepasst, um zum Schluss vieles erneut umzustellen. Tatsächlich gehe ich bei jedem Buch anders vor. Vielleicht finde ich eines Tages einen Weg, der mir dann dauerhaft brauchbar erscheint. Es wird sich zeigen.

Wie motivierst du dich, wenn dir beim Schreiben die Luft ausgeht?

Gar nicht. Ich warte. Wenn mir die Luft ausgeht, wird es einen Grund haben. Ich vertraue darauf, dass ich wieder zu Atem komme. Aber ich schreibe eher zeitbezogen. Das heißt, nach meinem Arbeitstag schlafe ich kurz, esse, mache die Wäsche ... Dann setze ich mich gegen 20 Uhr an mein Laptop und arbeite bis Mitternacht. Welche Art von Arbeit das ist, zeigt sich. Ob ich voranschreibe, recherchiere, überarbeite oder den Monitor anstarre – egal. Ich tue es jeden Tag, bis die Rohfassung des Romans fertig ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Verlag bisher? Welche Unterschiede gab es zu KBV oder Ullstein?

Die Zusammenarbeit mit Argument Ariadne ist großartig. Ich hatte viel Freude beim Lektorat. Unterschiede kann ich schwer benennen, jeder Verlag hat ja sein Spektrum und seine Prioritäten, deswegen finde ich Vergleiche schwierig.

Mut sammeln für die Bühne


Du hast im Rahmen der LBM einige Lesungen. Fühlst du dich wohl auf der Bühne, oder ist das für dich Pflichtprogramm?

Für die Bühne muss ich üben und meinen Mut zusammensammeln. Ich bin keine, die lässig öffentlich agiert. Ich denke auch, Lesungen sind ein ganz spezielles Format. Sie sagen wenig über ein Buch, mehr über die darstellerischen Fähigkeiten der Autorin. Was mir Freude macht, ist, wenn ich mit dem Publikum ins Gespräch komme.

Welches Ereignis im Zusammenhang mit deinem neu erschienenen Buch hat dich bisher am meisten gefreut?

Der Moment, als ich das erste gedruckte Exemplar in der Hand hielt.

Hast du von Anfang an mit einer Agentur zusammengearbeitet, oder hast du auch einige deiner Bücher selbst bei Verlagen platziert?

Meine ersten beiden Bücher fanden ihren Weg allein in einen Verlag, Prolibris in Kassel damals. Inzwischen bin ich froh, mit Anna Mechler und ihrer Agentur Lesen & Hören zusammenarbeiten zu können.

Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen oder deinem Beruf als Traumatherapeutin fließt in deine Romane ein?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe in meinem Kopf ja keine Kästchen, auf denen „Beruf“ oder „Literatur“ steht. Fakt ist, dass sich beides stark und hilfreich beeinflusst, und zwar in beide Richtungen. Seit ich mich intensiv mit Literatur befasse, verstehe ich besser und schneller, was Patienten über sich und ihre Lebensumstände erzählen. Umgekehrt hilft mir das psychoanalytische Denken bei der Erarbeitung von Biographien meiner Figuren und bei der Plausibilität ihres Handelns.
 
Anne Kuhlmeyer lächelt nicht nur im Garten
Bekommst du manchmal auch Rückmeldungen von deinen Klientinnen und Klienten?

Ja, manchmal. Wenn das passiert, utilisiere ich es in der Therapie, selbstverständlich. Etwas in dem Buch hat mein Gegenüber ja auf eine Weise angesprochen, dass er es für nötig hält, mit mir darüber zu sprechen. Also tun wir das.

Was bringt dich zuverlässig zum Lächeln?

Ganz winzige Kräutlein, die sich mit dem Blühen abmühen.

In zwei Sätzen: Welche Leser sollten Drift kaufen und warum?

Menschen, die offen sind für unkonventionelle Kriminalliteratur, die mit Magischem und Bildhaftem etwas anfangen können. Sie nimmt Drift gewiss mit hinaus in die Welt.


Sonntag, 12. März 2017

Die ersten Rezensionen zu "Meine Mutter, sein Exmann und ich"

Erst vor drei Tagen ist mein neuer Roman im Rowohlt Verlag erschienen, und schon gibt es eine Reihe von wunderbaren Rezensionen, die mir sehr viel Freude gemacht haben.

Die wohl ausführlichste stammt von der Buchhändlerin und Bloggerin Kasimira - schon beinahe eine Textanalyse. Herzlichen Dank dafür und für die zahlreichen weiterführenden Informationen zum Thema Transidentität in der Literatur!


Joschka, der Protagonist von "Meine Mutter, sein Exmann und ich", ist (zufälligerweise genau wie ich 😏) ein überzeugter Nutzer von BVG-Bussen. In seiner Freizeit fährt er gerne die kompletten Strecken ab, weil man dabei so wunderbar nachdenken kann. Es kommt also nicht von ungefähr, dass auch das BVG-Kundenmagazin PLUS in seiner März-Ausgabe eine Rezension des Romans veröffentlicht hat:


Sehr feinfühlig geschrieben ist die Buchbesprechung in der Goslarschen Zeitung vom 8. März 2017. Und wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ist es gar nicht so einfach, das Thema Transsexualität aufzugreifen, ohne in sprachlich-ideologische Fettnäpfchen zu treten. Dafür ein besonderes Dankeschön!






Dienstag, 21. Februar 2017

Nummer acht ist da!



Heute lag es im Briefkasten: das erste, druckfrische Vorab-Exemplar meines neuen Romans Meine Mutter, sein Exmann und ich. Traditionell werde ich es wieder für alle kommenden Lesungen nutzen, von denen bereits einige auf dem Terminplan stehen.

Bald sieht es also nicht mehr so makellos aus wie auf dem Foto, sondern ihm wachsen kleine bunte Zettelchen aus den Seiten, und überall hat es handschriftliche Streichungen, Anmerkungen und Notizen.

Doch auch beim achten Buch ist man noch stolz und glücklich. Übrigens: Es ist wieder ein Junge! Diesmal einer, der eine ungewöhnliche Familiensituation erlebt. Denn Joschkas Mutter ist ein Transmann, heißt jetzt Frederik und trägt einen Bart. Wie soll Joschka das seinen Freunden klarmachen?! Verheimlichen erweist sich als keine besonders praktikable Idee.

Für alle, die nicht bis zum Verkaufsstart am 10. März oder bis zu meinen ersten Live-Lesungen warten wollen, hier schon mal eine Leseprobe:



In der ersten Stunde haben wir Deutsch, und Frau Schramm-Bassermann erzählt uns was von einem landesweiten Schulwettbewerb zum Thema „Toleranz“. Emma ist natürlich direkt hellwach. So was ist genau ihr Ding. „Wir könnten doch eine Inforeihe über LGBT machen“, schlägt sie vor.


„Über was?“, fragt Niklas.


„LGBT“, wiederholt sie, langsam, zum Mitschreiben. „Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender.“


Für eine Sekunde herrscht Stille, dann reden alle durcheinander. „Über Lesben und Schwule?“ – „Und was sollen wir da machen?“ – „Müssen wir da alle in Rosa kommen?“ – „Was heißt das denn genau?“ – „Da hab ich keinen Bock drauf.“ Tom und Luca tun so, als würden sie einander verliebte Kusshändchen zuwerfen, Svenja und Charlene beugen sich kichernd über ein unter der Bank verborgenes Handy, Jan kritzelt gelangweilt auf einem Blatt Papier herum, und Lea kreischt total hysterisch: „Mann, du Arsch!“, und schiebt mit dem Unterarm Mesuds Hefter vom Tisch. Der Geräuschpegel ist kurz vor der Schmerzgrenze.


Ist mir nur recht. So habe ich ein bisschen Zeit, den Schock zu verarbeiten. Ich kenne dieses Kürzel nicht, das Emma da genannt hat, aber „Transgender“ hab ich verstanden. Und das genügt, dass mir der Schweiß ausbricht. Wenn ich an so einem Projekt teilnehme, sieht mir garantiert jeder sofort an, dass ich persönlich von dem Thema betroffen bin. Noch ehe überhaupt irgendeine Entscheidung gefallen ist, grüble ich schon darüber nach, wie ich mich rausziehen kann.


„Wir könnten doch eine Rednerin oder einen Redner einladen“, schlägt Emma vor. „Persönlich Betroffene, die aus ihrer eigenen Erfahrung berichten. Entweder reden sie frei, oder wir machen mit ihnen ein vorbereitetes Interview.“


„Und wo kriegen wir die her?“, fragt Charlene mit skeptischem Stirnrunzeln.


„Na, das wird doch wohl nicht so schwer sein!“ Kimberley hat sich bereits von Emmas Schwung mitreißen lassen. „Jeder kennt doch wohl einen Schwulen oder eine Lesbe!“


Zustimmendes Nicken und Murmeln. Dann sagt Steven: „Ja, aber eine Transe? Also, ich kenn keine!“


„Deine Mudda“, sagt Tom und erntet einen allgemeinen Lacher, während sich mir der Hals zusammenschnürt.


„Achtet mal bitte ein bisschen auf eure Wortwahl“, ermahnt uns Frau Schramm-Bassermann. „Eine Transe ist ganz schön abwertend, Steven. Und es impliziert eine weibliche Person.“


„Wieso, die wollen doch Frauen sein, oder?“, verteidigt Steven sich.
Emma verdreht die Augen und schüttelt resigniert den Kopf.


„Es geht überhaupt nicht ums Wollen“, erklärt Frau Schramm-Bassermann mit angestrengter Geduld. „Transsexuelle Menschen fühlen sich nicht ihrem biologischen, sondern dem anderen Geschlecht zugehörig. Das kann übrigens ohne Weiteres auch das männliche sein.“


Hab ich mir das jetzt eingebildet, oder hat sie mir dabei einen ganz schnellen Seitenblick zugeworfen? Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Das kann sie doch nicht wissen, oder? Hat sie mich mal mit Frederik zusammen gesehen? Verdammt. Verdammt. Verdammt!


„Ich hab gelesen, dass es auch so was wie ein drittes Geschlecht gibt“, wirft Lea ein. „In Dänemark gibt es das sogar ganz offiziell.“


„Schweden“, korrigiert Michelle.


„Hä? Und wieso nur da?“, fragt Boris.


Ich sehe ihn überrascht an. Dass Boris sich für die flächendeckende Einführung eines dritten Geschlechts einsetzt, ist ja echt eine Überraschung. Oder macht er das mir zuliebe? Weiß er etwa auch was? Mein Kopf wird noch heißer. Ich sehe bestimmt aus wie ein Feuerlöscher.


Aber sein Einwand war gar nicht so von Toleranz geprägt, wie ich angenommen hatte, denn er präzisiert: „Ich meine, Transen gibt’s doch überall auf der Welt, oder?“ Unter dem strafenden Blick unserer Deutschlehrerin verbessert er sich hastig: „Transsexuelle Menschen“, woraufhin Niklas albern kichert.


„In Schweden ist die Gesetzgebung eben fortschrittlicher als anderswo“, erklärt Frau Schramm-Bassermann.


„Wieso Gesetzgebung?“ Mesud guckt total verwirrt. „Ist das da Pflicht, oder wie?“



Dienstag, 7. Februar 2017

Wie aufgeregt sind Sie?

Dass Medien Meinungsmacher sind, ist eine Binsenweisheit und muss hier nicht weiter vertieft werden. Zwischen Lügenpresse und Freiheit des Wortes klafft oft eine ziemlich große Lücke, und in den allermeisten Fällen haben wir keine Möglichkeit, uns selbst ein Bild zu machen.

Was bedeutet es zum Beispiel, wenn gegen einen Staatschef „massive Proteste“ stattfinden? Heißt es, dass zwanzig Menschen mit Transparenten vor seinem Regierungssitz stehen und „Buh“ rufen? Oder haben sich Tausende zu einem Demonstrationszug versammelt?

Wer bestimmt, ob eine solche Meldung überhaupt in den Medien Verbreitung findet, und welche Zielsetzung steht dahinter?

Wer schon mal Augenzeuge eines pressewürdigen Ereignisses war und am nächsten Tag die mediale Berichterstattung darüber verfolgt hat, wird sich wahrscheinlich verwundert die Augen gerieben haben. Da werden Namen, Daten und Fakten vertauscht, verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt, und das selbst bei politisch ganz unbedeutenden Begebenheiten wie einem Wohnungsbrand oder einer Charity-Gala.

Sogar die letzte Bastion der Objektivität, das Interview, muss mit größter Vorsicht genossen werden. Und damit spiele ich nicht auf die zweifellos technisch immer unaufwendigeren Schnitttechniken an, sondern in erster Linie bringt mich eine verhältnismäßig neue Fragetechnik in Rage, die sich rasant ausbreitet.

„Wie aufgeregt sind Sie jetzt gerade?“, wird der nominierte Regisseur kurz vor der Verleihung des Silbernen Bären gefragt. Oder der Reporter will vom Verkehrssenator wissen: „Wie dringend ist der Ausbau der Umgehungsstraße im Hinblick auf die bevorstehende Autobahnsperrung?“

Objektiv kann man hier nur mit einer Gegenfrage kontern: „Auf einer Skala von 1 bis 10 oder in Prozenten?“ Denn die Emotionen und Einstellungen, die dem Befragten bereits im Vorfeld unterstellt werden, sind nicht messbar, und die Frage dient einzig der Beeinflussung sowohl des Interviewpartners als auch des Zuschauers oder Zuhörers. Völlig unabhängig von der Antwort bestätigt sie die vorgefasste Meinung des Journalisten - und damit leider auch des unbedarften Publikums.


Wie stark lassen Sie sich von plumpen Interviewtechniken manipulieren?

Montag, 30. Januar 2017

Das Ende der O-Lastigkeit

Immer wieder ärgere ich mich über personenintensive Romane, in denen mehrere Figuren ähnlich klingende Namen haben, womöglich noch mit gleichem Anfangsbuchstaben. Es fällt mir schwer, auf 472 Seiten zwischen Leah, Lisa und Lara zu unterscheiden – vielleicht weil ich ein ausgesprochener Viel- und Schnellleser bin und dementsprechend Wörter als grafische Zeichen wahrnehme, anstatt sie jedesmal ganz auszubuchstabieren.

In meinem eigenen Romanprojekt stieß ich nun auf ein ähnliches Problem: die drei wichtigsten männlichen Figuren hießen Lorenz, Johannes und Ronny.

Hä?, höre ich jetzt verschiedene Leser sagen. Die Namen fangen doch gar nicht mit demselben Buchstaben an und sehen sich auch geschrieben gar nicht ähnlich!

Stimmt. Aber sie alle haben ein O an der zweiten Stelle. Und das hat mich tatsächlich gestört, beim Nachdenken über sie und vor allem wenn ich über sie sprechen wollte. Ich stellte fest, dass selbst ich – als ihr Schöpfer sozusagen – über die ungewollte Parallele gestolpert bin und mich immer wieder verstärkt konzentrieren musste, um die drei auseinanderzuhalten.


Also habe ich einen der Namen geändert und fühle mich sehr viel wohler dabei sowie bemüßigt, allen Schreibenden diesen Rat mit auf den Weg zu geben: Achtet bei euren wichtigen Figuren auf möglichst unterschiedliche Vornamen, sowohl was den Klang als was auch die Silbenzahl, die Anzahl der Buchstaben und die Vokale angeht. Ihr erleichtert euch selbst den Umgang mit ihnen, und eure Leser werden es euch danken!