Dienstag, 7. Februar 2017

Wie aufgeregt sind Sie?

Dass Medien Meinungsmacher sind, ist eine Binsenweisheit und muss hier nicht weiter vertieft werden. Zwischen Lügenpresse und Freiheit des Wortes klafft oft eine ziemlich große Lücke, und in den allermeisten Fällen haben wir keine Möglichkeit, uns selbst ein Bild zu machen.

Was bedeutet es zum Beispiel, wenn gegen einen Staatschef „massive Proteste“ stattfinden? Heißt es, dass zwanzig Menschen mit Transparenten vor seinem Regierungssitz stehen und „Buh“ rufen? Oder haben sich Tausende zu einem Demonstrationszug versammelt?

Wer bestimmt, ob eine solche Meldung überhaupt in den Medien Verbreitung findet, und welche Zielsetzung steht dahinter?

Wer schon mal Augenzeuge eines pressewürdigen Ereignisses war und am nächsten Tag die mediale Berichterstattung darüber verfolgt hat, wird sich wahrscheinlich verwundert die Augen gerieben haben. Da werden Namen, Daten und Fakten vertauscht, verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt, und das selbst bei politisch ganz unbedeutenden Begebenheiten wie einem Wohnungsbrand oder einer Charity-Gala.

Sogar die letzte Bastion der Objektivität, das Interview, muss mit größter Vorsicht genossen werden. Und damit spiele ich nicht auf die zweifellos technisch immer unaufwendigeren Schnitttechniken an, sondern in erster Linie bringt mich eine verhältnismäßig neue Fragetechnik in Rage, die sich rasant ausbreitet.

„Wie aufgeregt sind Sie jetzt gerade?“, wird der nominierte Regisseur kurz vor der Verleihung des Silbernen Bären gefragt. Oder der Reporter will vom Verkehrssenator wissen: „Wie dringend ist der Ausbau der Umgehungsstraße im Hinblick auf die bevorstehende Autobahnsperrung?“

Objektiv kann man hier nur mit einer Gegenfrage kontern: „Auf einer Skala von 1 bis 10 oder in Prozenten?“ Denn die Emotionen und Einstellungen, die dem Befragten bereits im Vorfeld unterstellt werden, sind nicht messbar, und die Frage dient einzig der Beeinflussung sowohl des Interviewpartners als auch des Zuschauers oder Zuhörers. Völlig unabhängig von der Antwort bestätigt sie die vorgefasste Meinung des Journalisten - und damit leider auch des unbedarften Publikums.


Wie stark lassen Sie sich von plumpen Interviewtechniken manipulieren?

Montag, 30. Januar 2017

Das Ende der O-Lastigkeit

Immer wieder ärgere ich mich über personenintensive Romane, in denen mehrere Figuren ähnlich klingende Namen haben, womöglich noch mit gleichem Anfangsbuchstaben. Es fällt mir schwer, auf 472 Seiten zwischen Leah, Lisa und Lara zu unterscheiden – vielleicht weil ich ein ausgesprochener Viel- und Schnellleser bin und dementsprechend Wörter als grafische Zeichen wahrnehme, anstatt sie jedesmal ganz auszubuchstabieren.

In meinem eigenen Romanprojekt stieß ich nun auf ein ähnliches Problem: die drei wichtigsten männlichen Figuren hießen Lorenz, Johannes und Ronny.

Hä?, höre ich jetzt verschiedene Leser sagen. Die Namen fangen doch gar nicht mit demselben Buchstaben an und sehen sich auch geschrieben gar nicht ähnlich!

Stimmt. Aber sie alle haben ein O an der zweiten Stelle. Und das hat mich tatsächlich gestört, beim Nachdenken über sie und vor allem wenn ich über sie sprechen wollte. Ich stellte fest, dass selbst ich – als ihr Schöpfer sozusagen – über die ungewollte Parallele gestolpert bin und mich immer wieder verstärkt konzentrieren musste, um die drei auseinanderzuhalten.


Also habe ich einen der Namen geändert und fühle mich sehr viel wohler dabei sowie bemüßigt, allen Schreibenden diesen Rat mit auf den Weg zu geben: Achtet bei euren wichtigen Figuren auf möglichst unterschiedliche Vornamen, sowohl was den Klang als was auch die Silbenzahl, die Anzahl der Buchstaben und die Vokale angeht. Ihr erleichtert euch selbst den Umgang mit ihnen, und eure Leser werden es euch danken!

Samstag, 28. Januar 2017

Achtung, Autoren: Das Literaturlabor kommt!

Bald geht's los! In Berlin-Westend eröffnet das Literaturlabor mit einem umfangreichen Angebot an Workshops und Kursen für Autor(inn)en.

Noch sind Böden zu verlegen, Wände zu streichen, Möbel aufzustellen und Technik zu installieren, damit den Teilnehmern alle Annehmlichkeiten moderner Seminarräume zur Verfügung stehen. Beamer, WLAN und Whiteboard gehören ebenso dazu wie bequeme Sitzplätze, großzügige Arbeitsflächen und eine gute Ausleuchtung.

In den Pausen wird eine komplett ausgestattete Küche mit Herd/Backofen, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Wasserkocher und Geschirrspüler allen Komfort bieten. Tee, Kaffee, Wasser und kleine Snacks sind im Preis der Workshops inbegriffen. 

Für Einzelgespräche steht eine bequeme separate Polstersitzecke zur Verfügung. Der 12 Quadratmeter große, sonnige Südwestbalkon ist nicht nur für Raucher ideal, sondern dient bei gutem Wetter auch als Open-Air-Besprechungsraum. 

Die Lage des Literaturlabors im Villenviertel Westend ist absolut ruhig und trotzdem verkehrsgünstig gelegen. Kostenlose Parkplätze sind direkt vor der Tür, Haltestellen von U-Bahn, Ringbahn, Bus und Metrobus nur wenige Gehminuten entfernt. In der Umgebung gibt es ein reichhaltiges internationales gastronomisches Angebot in allen Preiskategorien.

Das Kursangebot startet voraussichtlich im April und umfasst unter anderem einen Workshop "Erfolgreiche Verlagssuche", ein 14-tägig stattfindendes "Schreibwerk" für die fortlaufende Arbeit am eigenen Text sowie die "Filmwerkstatt für Autoren".

Details folgen in Kürze!




Dienstag, 17. Januar 2017

Mann, Frau, Buch


Im traditionellen Buchmarkt herrscht Heteronormativität. Mann liebt Frau, Frau liebt Mann, so haben wir das immer schon gemacht, das lassen wir uns nicht kaputtmachen, da könnte ja jeder kommen.

Und das erstreckt sich nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf deren Produzent(inn)en. Einen Roman zu lesen, in dem ein Mann aus der Perspektive einer Frau schreibt – womöglich noch in der Ich-Form –, wirkt nach wie vor befremdlich, vor allem wohl deshalb, weil es kaum vorkommt. Unweigerlich stellt der Leser sich die Frage, ob der Autor hier wohl geheime Phantasien ausgelebt und das Manuskript möglicherweise in Strapsen und High-Heels getippt hat.

Noch abschätziger ist die Reaktion gegenüber Frauen, die aus der Sicht männlicher Protagonisten schreiben. Was verstehen die denn schon von echten Kerlen? Woher wollen die wissen, wie Männer ticken? Männer reden ja schließlich nicht über ihre Gefühle, schon gar nicht mit Frauen. Wenn also eine Frau über einen Mann schreibt, ist der entweder ein Weichei oder sie eine Lesbe.

Grundsätzlich ist man in der Literaturbranche – und damit meine ich die großen Publikumsverlage – nach wie vor der Meinung, dass jeder über das schreiben soll, womit er sich am besten auskennt. Da die überwiegende Anzahl belletristischer Titel von Frauen gekauft und gelesen wird, ist es auf jeden Fall marktwirtschaftlich sinnvoll, eine weibliche Protagonistin zu haben, mit der die Leserinnen sich identifizieren können.

Meine Agentin berichtete mir von einer Verlagslektorin, die grundsätzlich keine Romane annimmt, in denen die Hauptfigur männlich ist. Und das Manuskript einer Autorenkollegin wurde neulich mit dem Argument abgelehnt, es sei „schwierig, dass Sie als Frau für Frauen schreiben, aber eine männliche Hauptperson haben“.

Wer als Autor(in) von diesem überlieferten Muster abweichen will, muss also zu Tricks greifen. Im Zweifelsfall empfiehlt sich ein Pseudonym: „Viele Frauen lesen Romane. Die meisten Männer nicht. Frauen lesen Romane von Frauen und Männern. Die meisten Männer nicht. Schlägt ein Mann einen Roman auf, hat er gern einen männlichen Namen auf dem Cover, das ist irgendwie beruhigend”, sagt die amerikanische Autorin Siri Hustved.

Von Gender Mainstreaming und Diversity sind wir also auf dem traditionellen Buchmarkt offenbar noch sehr weit entfernt. Das könnten wir jetzt beseufzen, aber letztlich sind wir alle ja Teilnehmer dieses Marktes, als Autor(inn)en wie als Leser(innen), und weil jeder Markt sich über Angebot und Nachfrage reguliert, haben wir es in der Hand, wohin die Entwicklung geht.




Sonntag, 15. Januar 2017

Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne



Rund dreizehn Jahre lang teilen die Zwillinge Noah und Jude alles außer ihrem Körper. Dann kommt es zu ersten Zerwürfnissen. Beide beanspruchen die Position als Lieblingskind der Mutter, und während der sensible Noah sich fast ausschließlich mit dem Malen beschäftigt und sich in den Nachbarjungen Brian verliebt, wird Jude zu einem oberflächlichen, frühreifen Partygirl. Dann trennen sich ihre Eltern. Ehe die Mutter sich zu ihrer neuen Beziehung bekennen kann, verunglückt sie tödlich. 

Erneut verschieben sich die Positionen der Zwillinge grundlegend. Jetzt wird Noah der Oberflächliche: Er gibt das Malen auf, schließt sich einer sportbegeisterten Clique an und leugnet seine Homosexualität. Jude dagegen zieht sich ganz in sich selbst zurück, lässt sich von Ängsten und Aberglauben lenken und tut alles, um den schrulligen Bildhauer Guillermo als Mentor zu gewinnen.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was die beiden Geschwister so verändert hat, welchen Verrat beide am jeweils anderen, an den Eltern und sogar an sich selbst begangen haben. In dieser verwickelten Geschichte kreuzen sie immer wieder die Wege bestimmter Personen, die auch untereinander auf mehreren Ebenen verbunden sind. Erst als Jude und Noah ihre neue Position gefunden und einander ihre Verfehlungen eingestanden haben, können sie wieder aufeinander zugehen, und am Ende findet jeder sein ganz persönliches Glück.

„Ich gebe dir die Sonne“ erzählt in der Ich-Form in längeren Kapiteln abwechselnd aus Noahs und aus Judes Perspektive, und zwar auf allerhöchstem sprachlichen Niveau. Die Dialoge sind lebendig und altersgerecht, die Formulierungen ungewöhnlich, originell und sehr poetisch. Sowohl in Noah als auch in Jude kann man sich so gut hineinversetzen, dass es schwer fällt, den jeweiligen Ich-Erzähler zu verlassen, wenn die Perspektive erneut wechselt. 

Der Leser begleitet die Zwillinge über einen Zeitraum von drei Jahren, in denen sie von einer eng verbundenen Einheit zu ganz unterschiedlichen, rivalisierenden Geschwistern werden, die nicht nur zahlreiche Geheimnisse vor einander verbergen, sondern auch viel Schuld auf sich laden. Kleine, spontane Gehässigkeiten ziehen unabsehbare Konsequenzen nach sich, an denen beide fast zerbrechen. Das ist sehr eindrucksvoll geschildert, und auch die Nebenfiguren sind plastisch und lebendig beschrieben.

Auf den letzten 100 Seiten werden dann alle Verwicklungen und Missverständnisse geklärt, doch leider erhält der Roman dadurch einen hohen Kitschfaktor, der mein zuvor sehr großes Lesevergnügen stark getrübt hat. Die geheimen Wünsche aller Beteiligten werden erfüllt, die Konflikte lösen sich auf, strahlende Zukunftsperspektiven eröffnen sich, Liebende finden zueinander, es wird mutig bekannt und großzügig verziehen – das war mir zu viel Happy End für einen ansonsten so starken, ehrlichen und emotional bewegenden Roman.


Trotzdem bleibt „Ich gebe dir die Sonne“ ein empfehlenswertes Buch, ganz besonders wegen seiner außergewöhnlich kreativen Sprache und der vielen witzigen Ideen, die gut zu den künstlerisch begabten, vielschichtigen und nicht alltäglichen Figuren des Romans passen.

Sonntag, 8. Januar 2017

Kongress für Schreibende

Der Freie Deutsche Autorenverband Berlin e.V. veranstaltet vom 31. März bis 02. April 2017 einen Kongress für Schriftsteller(innen) in Birkenwerder bei Berlin. 

Folgende Workshops werden angeboten:

  • Vom Roman zum Drehbuch (Katja Mischke, Berlin)
  • Systemisches Schreiben. Genogramme und Aufstellungen zur Entwicklung von Figuren und Plots (Helga Rattay, Braunschweig)
  • Journalistisches, biografisches und literarisches Schreiben (Abini Zöllner, Berlin)
  • Dramaturgie (Olaf Wielk, Berlin)


Darüber hinaus können die Teilnehmer Buchpräsentationen vornehmen, es gibt einen szenisch-literarischen Spaziergang durch das Tagungshotel Andersen, ein Buchquiz und einen Poetry Slam.

Der Kongress richtet sich ebenso an Berufsautor(inn)en wie an Amateure. Grundkenntnisse werden vorausgesetzt.

Die Teilnahme am gesamten Kongress kostet im EZ 210 €, im DZ 190 €, einschl. 2 x Frühstück, 1 x Mittagessen und 2 x Abendessen)

Tagesgäste bezahlen für den Samstag (Workshop 1 bis 3) 85 € inkl. Mittagessen, für den Sonntag (Workshop 4) 35 € ohne Verpflegung). 

Anmeldeschluss ist der 1. Februar 2017.

Alle weiteren Infos und Anmeldeformulare unter http://www.fda-berlin.de/aktuelle-projekte/fda-autorenkongress-2017/

Dienstag, 20. Dezember 2016

Im eigenen Saft

Die deutsche Literaturlandschaft hat einen wachsenden Drang zur Zerstückelung. Damit meine ich nicht blutrünstige Thriller, in denen die Opfer scheibchenweise tranchiert werden – zumal die nach wie vor meist aus den USA kommen –, sondern die Aufteilung in Genres, Untergenres und Unter-Untergenres.

Jedes Buchmanuskript, das deutsche Autoren am Markt platzieren und veröffentlicht sehen wollen, muss sich so kleinteilig wie möglich kategorisieren lassen. „Roman“ genügt nicht − wer soll denn so was kaufen? Wir kaufen ja schließlich auch keinen Saft. Wir wollen Ananas-Guave-Nektar, Johannisbeer-Rhabarber-Schorle, Papaya-Direktsaft oder Minze-Spinat-Mango-Smoothie, kalorienarm gesüßt, ohne Konservierungsstoffe, frisch gepresst, aus biologischem Anbau, in der Glasflasche, in PET mit und ohne Pfand oder im Tetrapak.



Im Lebensmittelhandel ist die Kennzeichnungspflicht längst Alltag, im Buchhandel beginnt sie sich gerade durchzusetzen. Krimi? Was heißt denn hier Krimi? Schweden, Ostsee oder Eifel? Blutig, literarisch oder satirisch? Kapitalverbrechen oder Kleinkriminalität? Frauen-, Männer-, Jugend- oder Kinderkrimi? Alternder einsamer Ermittlerwolf, junges, durchgestyltes Duo oder zehnköpfiges Spezialistenteam? Oder wird der Fall von Katzen, Schafen oder Heuschrecken gelöst?

Die Verlage haben zu kämpfen. Sie sehen sich einer unkontrollierbaren Welle von Selfpublishern, kostenlosen Online-Plattformen, Audioformaten und Push-Story-Anbietern für das Smartphone gegenüber, und denen müssen sie etwas entgegensetzen, um ihr Geschäftsmodell – den guten alten Verkauf von Büchern – in die Zukunft tragen zu können und weiterhin saftige Gewinne zu erzielen.

Der Endverbraucher will genau wissen, was drin ist, ehe er kauft. Auch das Buch ist ein Konsumgut, und der Kunde möchte sich gründlich informieren, ob es in seinen Lifestyle passt oder unerwünschte Zutaten enthält, auf die er allergisch reagiert, zum Beispiel männliche Protagonisten, Rückblenden oder Kapitel von mehr als zwanzig Seiten. Andere Zutaten dagegen sind besonders begehrt, darunter Gestaltwandler, Morde vor der eigenen Haustür, raffinierte Mädchen, dominante Männer (sofern sie sehr, sehr gut aussehen), antriebsarme Ich-Erzähler, historische Landschaften und Berghain-Partys.


Die Verlage haben das längst verstanden. Nur die Autoren hinken da ein bisschen hinterher. Die glauben immer noch, Literatur folge denselben Gesetzen wie die Saftherstellung vor dreihundert Jahren: Sie pflanzen den Kern ihrer Idee ein, verfolgen über Jahre hinweg ihr Wachsen und Gedeihen, pflegen ihr kleines Bäumchen, düngen und wässern, beschneiden seine Äste, wenn es zu wild wuchert, und trägt es endlich Früchte, dann wählen sie die schönsten davon aus, pflücken sie, legen sie behutsam einzeln in einen gepolsterten Korb, tragen sie nach Hause, waschen, schälen und entkernen sie und pressen sie sorgfältig zu einem süßen, dickflüssigen, köstlichen Getränk.

Liebe Autoren, ihr habt Recht. So entsteht Literatur.

Aber wollt ihr nun Romane schreiben oder Bücher verkaufen? Da müsst ihr euch schon entscheiden!