Samstag, 9. September 2017

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land

Ein fremdes Land – das ist die Deutschschweiz der fünfziger und sechziger Jahre für viele Leser ganz gewiss, aber dies ist das Land, in dem Alain Claude Sulzer heranwuchs, und in seinem gerade erschienenen Buch Die Jugend ist ein fremdes Land bringt er sie uns in bezaubernden Erinnerungen und Anekdoten ein bisschen näher.



Sein jüngstes Buch ist aus einzelnen kleinen Texten entstanden, die Sulzer im Laufe der Jahre notiert, teils auch bereits in anderen Zusammenhängen veröffentlicht hat. Für eine Autobiografie fehlt ihm die chronologische Strenge, stattdessen erhalten wir durch den subjektiven Blickwinkel des Heranwachsenden ein sehr facettenreiches Bild des Umfelds, das ihn prägte. Familienangehörige und Nachbarn spielen darin eine ebenso wichtige Rolle wie Lehrer oder Geistliche und selbstverständlich das gesprochene und geschriebene Wort in all seinen Erscheinungsformen.

Sulzer beschränkt sich auf die Zeit vor seinem zwanzigsten Lebensjahr, denn wie der Autor einräumte, ist er selbst kein häufiger Leser von Biografien und beginnt sich spätestens dann zu langweilen, wenn der Erzähler diese Altersschwelle überschritten hat.



Die Journalistin Elke Schmitter moderierte die Buchpremiere im Literaturforum im Brecht-Haus und ging mit ihren Fragen noch weiter in die Tiefe. Doch Sulzer verfolgt mit seinen Texten weder das Ziel der Selbstentblößung noch der Analyse oder Erklärung seiner späteren Entwicklung. Stattdessen sind sie kleine literarische Kunstwerke, von musikalischer und präziser Sprache und einer gekonnten Balance zwischen dem Erzählten und dem Ausgesparten.

„Mein Großvater vererbte ihnen [den älteren Söhnen] alles, Max, sein dritter Sohn aus zweiter Ehe, erbte ein paar wertlose Grundstücke, auf denen man Kartoffeln pflanzen konnte“ (Szene auf dem Bauernhof, Seite 13).

Ein generationenüberspannendes Familiendrama, urteilsfrei und lakonisch in einen einzigen Satz verpackt – es gibt viele Passagen in Die Jugend ist ein fremdes Land, die ein mehrmaliges Lesen lohnen, um Sulzers ganze schriftstellerische Virtuosität zu erfassen.

Für Schreibende von besonderem Interesse sind natürlich jene Anekdoten, in denen Alain Claude Sulzer – der seinen Berufswunsch schon mit zehn Jahren klar benennen konnte – sich der Literatur annähert, sei es als kindlicher Leser und angehender Kritiker, sei es als jugendlicher Autor mit der rührenden Selbstüberschätzung eines betrunkenen Siebzehnjährigen.



Für die Moderatorin Elke Schmitter, die genau wie ich in Krefeld geboren wurde, blieben die Erinnerungen an die hermetische Sozialstruktur der Schweiz und ihre verkrusteten Regeln und Konventionen nach eigenem Bekenntnis exotisch. In mir brachten sie allerdings vieles zum Klingen, denn ich habe – wenn auch einige Jahre nach Sulzer – einen Teil meiner Jugend in der Innerschweiz verbracht. Für mich war es damals im wörtlichen Sinne ein fremdes Land; heute stoße ich in Alain Claude Sulzers Buch auf Vertrautes und zum Teil Vergessenes.


Auch ohne diesen besonderen Zugang ist Die Jugend ist ein fremdes Land, erschienen bei Galiani Berlin, eine lohnende Lektüre und ein ebenso amüsanter wie berührender Einblick in den frühen Werdegang eines wichtigen deutschsprachigen Autors der Gegenwart.  

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land, Galiani Berlin 2017, 222 Seiten

Freitag, 11. August 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil IV

Im letzten Teil meiner Blogserie zum Lesen vor Publikum geht es um das Signieren von Büchern, also den krönenden Abschluss einer öffentlichen Lesung. Die meisten von uns haben anderen Autoren schon mal dabei zugesehen – immer mit dieser Mischung aus Neid und Bewunderung – oder sich selbst eine Unterschrift vom Meister persönlich geholt. 

Aber jetzt bist du der Meister, und da kann es nicht schaden, dir ein paar Grundkenntnisse anzueignen!

Wohin mit der Signatur?


Die Diskussions- und Fragerunde zu deinem Buch ist vorüber, der Applaus ist abgeebbt, und dein Blutdruck kehrt allmählich zu einem gesunden Normalwert zurück. 

Im Idealfall sind deine Zuhörer jetzt so begeistert, dass sie dein Buch kaufen und zu Hause komplett lesen wollen. Die meisten Käufer freuen sich besonders über ein vom Autor handsigniertes Exemplar, denn wenn du mal so richtig berühmt bist, können sie es bei eBay zum zehnfachen Preis weiterverkaufen. Oder wenigstens in ihrem Bekanntenkreis damit angeben, dass sie dich schon gekannt und unterstützt haben, als du noch eine ganz kleine Nummer warst.

Aber was zum Henker schreibt man denn nun da rein – und wohin genau?

Die zweite Frage lässt sich etwas leichter beantworten. Normalerweise kommt die Signatur auf das sogenannte Titelblatt, also in den freien Raum unter dem gedruckten Buchtitel. Einige Autoren schreiben auch auf das Vorsatzblatt. Letztlich bleibt das dir überlassen, grundsätzlich gilt aber, dass die Signatur ganz vorne ins Buch gehört und das Cover unangetastet bleiben sollte.

Titelblatt


Vorsatzblatt


Und was schreibt man da so?


Schwieriger ist schon die Frage nach dem Was. Du kannst natürlich lediglich deinen Namen ins Buch schreiben; auch Name, Ort und Datum machen nicht allzu viel Mühe. Je länger die Schlange vor deinem Signiertisch, desto dankbarer bist du für eine zügige Abarbeitung deiner Schreibarbeit. Viele Buchkäufer geben dir auch bereits einen Wunsch an: „Schreiben Sie mal: für Najiyah!“ Hier solltest du unbedingt nach der korrekten Schreibweise des gewünschten Namens fragen, auch wenn es sich nur um eine Katrin, Cathrin oder Kathrin handelt.

Ich wurde auch schon mal gebeten, eins meiner Bücher mit den Worten „Für meine geliebte Mausi von deinem Bärli“ zu signieren, habe dies aber freundlich abgelehnt, da ich ja nicht Bärli bin und Mausi auch nicht unnötig nahetreten wollte.



Unerfahrene Autorinnen und Autoren neigen beim Signieren dazu, noch mal einen weiteren Roman zu verfassen. „Danke, Onkel Michael, dass du mit Ramona und Tante Hildegard zu meiner ersten Lesung gekommen bist. Ich war vorher soooo aufgeregt, aber dank euch hab ich es schließlich doch geschafft. Ihr seid die Besten!“ (Die Kringel anstelle der i-Punkte denkst du dir an dieser Stelle einfach dazu.) Onkel Michael, Ramona und Tante Hildegard werden sich über so eine ausführliche Ansprache sicher freuen, aber hinter ihnen warten noch Mutti, Opa und deine kleine Schwester am Signiertisch – also fass dich lieber etwas kürzer.

Bei Leserinnen und Lesern, die du bereits persönlich kennst (und das werden bei deinen ersten Lesungen die allermeisten sein), ist es schön, ein paar persönliche Worte hinzuzufügen, aber mach es nicht zu kompliziert. „Danke für deine Hilfe“, „Bis bald beim Handballtraining“ und „Für meine liebste Omi“ sind vollkommen ausreichend.


Viel Glück und Erfolg bei all deinen künftigen Lesungen!

Montag, 31. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil III

Im dritten Teil meiner Blogserie über das Lesen eigener Texte wird es konkret: Du erfährst einiges über lebendige Sprache, Geschwindigkeit und die gefürchteten Pannen.


Wer bin ich?

Um einen guten Roman zu schreiben, muss man den Figuren sehr nahe kommen. Man sieht sie genau vor sich, kennt ihre Eigenarten, Tics und Schwächen, ihre Vorlieben und Ängste. 

Zu den Persönlichkeitsmerkmalen eines Menschen gehört auch seine Sprache. Im Roman ist die womöglich nicht so wichtig – es sei denn, eine deiner Figuren stottert, spricht sehr leise oder hat einen ausländischen Akzent –, aber bei einer Lesung gewinnen die Spracheigenheiten an Bedeutung.

Vielleicht hat dein Roman einen Ich-Erzähler. Versetz dich in ihn hinein. Was ist das für ein Mensch? Ist er ein penibler, risikoscheuer Beamter mit einem festen Tagesablauf? Dann spricht er wahrscheinlich eher langsam, monoton und überdeutlich. Ist er ein drogenabhängiger Jugendlicher? Dann könnte seine Sprechweise schnell, verwaschen und emotional sein. Versuch, diese Art des Sprechens bei der Lesung anzudeuten. Bitte nicht übertreiben!

Wenn der Roman aus mehreren Perspektiven erzählt ist, kannst du das mit ganz leichten Varianten der Sprechweise unterstreichen. Das Top-Model näselt ein bisschen und klingt leicht arrogant, die Stimme des alten Mannes ist heiser und tief, die neugierige Nachbarin spricht schrill und laut.

Um herauszufinden, wo das richtige Maß liegt, kannst du dir gute Hörbücher anhören, die von professionellen Schauspielern gesprochen wurden. Da wird nicht mit verstellten Stimmen gearbeitet, sondern lediglich mit Nuancen – und trotzdem weißt du als Zuhörer immer, welche Figur da gerade spricht.

Stöhnen und Stottern

Gutes Vorlesen ist immer auch ein bisschen Performance. Wenn die Figur in deinem Roman „o nein!“ stöhnt, kannst du das auf der Bühne ruhig zelebrieren. Du kannst deinen ganzen Weltüberdruss in diesen Ausruf legen und dabei die Augen verdrehen. Damit verleihst du deinem Vortrag mehr Lebendigkeit. Achte im Alltag bewusst darauf, wie solche kleinen Gesten aussehen, und übe sie zu Hause, ehe du damit an die Öffentlichkeit gehst. Je natürlicher sie wirken, umso besser. Künstlich einstudierte Gefühlsausbrüche sind eher peinlich.

Schwierig wird es, wenn eine deiner Figuren einen Dialekt spricht oder einen Sprachfehler hat. Das ist übrigens auch für geschriebene Texte nicht unbedingt empfehlenswert. Nichts ist mühsamer, als sich durch seitenlange Dialoge in phonetisch transkribiertem Bayerisch quälen zu müssen, vor allem, wenn es schlecht gemacht ist (und das ist es fast immer).

Falls du nicht zufällig selbst sozusagen Betroffener bist, solltest du bei der Lesung auf die Nachahmung eines Dialekts oder eines Sprachfehlers verzichten.

Lebendige Dialoge

„Hören Sie, ich habe sie nicht getötet! Sie kam am Samstag zu mir, um mir ihren neuen Nagellack zu zeigen, ja, das stimmt. Aber sie blieb nur bis zehn, das müssen Sie mir glauben!“

Die Unsitte, Sätze mit „Hören Sie“ zu beginnen, ist sogar in der gehobenen deutschen Literatur mittlerweile sehr verbreitet – und das, obwohl absolut niemand diese Floskel jemals im täglichen Leben verwendet. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine unzulängliche Übersetzung des englischen „listen“, das im angelsächsischen Sprachraum sehr häufig ist, aber keine adäquate deutsche Entsprechung hat. Wenn es gar nicht anders geht, schreib und sag wenigstens „hören Sie mal“.

„Das müssen Sie mir glauben“ ist eine Erfindung von Heftroman-Autoren und ein fürchterliches Klischee, ohne das kein Fernsehkrimi mehr auszukommen scheint. Verzichte darauf! Echte Verbrecher sagen so was nicht, das musst du mir glauben.

Auch dem Imperfekt wirst du kaum jemals auf freier Wildbahn begegnen. In der gesprochenen Sprache benutzen wir fast ausschließlich das Perfekt. Also: „Sie ist am Samstag zu mir gekommen, aber sie ist nur bis zehn geblieben.“

Natürlich ist im Roman eine gewisse Kunstsprache erlaubt. Trotzdem ist es erfrischend und beweist deine literarischen Qualitäten, wenn du deinen Dialogen Authentizität und Lebendigkeit verleihst. Gerade bei Lesungen zahlt sich das aus. Das Publikum wird deinen wirklichkeitsnahen Stil zu schätzen wissen!

Flüche und Kraftausdrücke

Der Ich-Erzähler meines ersten Romans ist ein 17-Jähriger, der in einer Jugendwohngruppe lebt. Nachdem ich meine allererste öffentliche Lesung gehalten hatte, kam eine ältere Dame aus dem Publikum zu mir und sagte: „Ich hab mitgezählt. Sie haben dreizehn Mal Scheiße gesagt.“


Auch wenn ich mich bis heute frage, ob die Dame trotz dieser anspruchsvollen mathematischen Leistung irgendwas vom Inhalt mitbekommen hat, muss ich doch zugeben, dass sie mich nachdenklich gemacht hat. Nein, mehr noch: Sie hatte Recht. Die Sprache, die ich in meinem Romanmanuskript verwendet hatte, war zwar authentisch, aber man kann es eben auch übertreiben. Gerade bei Lesungen ist die Geschmacksgrenze schnell erreicht. Was auf dem Papier vielleicht nur ein leises Stirnrunzeln auslöst, kann in ausgesprochener Form wirklich, äh, zum Kotzen sein.

Überprüf deinen Lesetext auf Flüche und Kraftausdrücke. Wenn es mehr als drei sind, streich die restlichen einfach weg.

Lesegeschwindigkeit und Pausen

Ein wichtiges Thema haben wir noch gar nicht behandelt: die Lesegeschwindigkeit. Praktisch alle Anfänger neigen dazu, ihre Texte herunterzurasseln, als hätten sie anschließend noch einen Termin beim Jobcenter. Das ist durchaus verständlich, denn der unerfahrene Autor fürchtet, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu verlieren, sobald er auch nur die kleinste Pause einlegt. Er hat so viel zu sagen, und er will es ganz rasch loswerden, ehe die Leute wieder davonlaufen! Wann kriegt er schließlich schon mal die Chance, ununterbrochen reden zu dürfen?

Keine Sorge: Die Leute laufen nicht weg. Sie haben sich für deine Lesung Zeit genommen, und auf fünf Minuten mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. Viel wichtiger ist, dass sie ganz genau verstehen, was du ihnen zu sagen hast, und dazu musst du deutlich, laut und vor allem langsam sprechen.

Denk daran: Das Publikum kennt deinen Text noch nicht! Es hört ihn gerade zum ersten Mal und muss die Möglichkeit haben, jeden einzelnen Satz noch mal im Kopf nachhallen zu lassen.

Als Faustregel gilt: Wenn du selbst das Gefühl hast, in Zeitlupe zu lesen, ist es für deine Zuhörer gerade richtig.

Und achte auf kurze Pausen zwischen den Absätzen, im Anschluss an wörtliche Rede und so weiter. Alles, was in einem gedruckten Buch die Typografie übernimmt, musst du den Zuhörern durch deinen Vortrag liefern. Sie haben den Text nicht vor Augen und wissen nicht, an welcher Stelle die Perspektive wechselt oder ein anderer Sprecher auftritt. Hilf ihnen durch Pausen, dich zu verstehen!

Mit Pannen zum Erfolg

Das war eine Menge an Informationen, und vielleicht denkst du jetzt resigniert: Das schaff ich nie. Nur Mut! Es tut nur beim ersten Mal weh. Von Mal zu Mal wirst du besser und routinierter, legst mehr Ausdruck in deine Stimme, beherrschst deinen Text wie ein Schauspieler seine Rolle und kannst das Publikum immer stärker faszinieren.

Vor einem umgekippten Wasserglas, einem kaputten Mikrofon oder einem abgesprungenen Hosenknopf musst du keine Angst haben. Gerade solche kleinen Pannen machen dich menschlich und sympathisch. Sie beweisen den Zuhörern, dass du – obwohl Autor! – letztlich doch mit den gleichen Problemen zu kämpfen hast wie alle anderen auch. Pannen schaffen Verbundenheit und sorgen dafür, dass man sich lange an dich erinnert.

Also, wer weiß – vielleicht baust du sie ganz gezielt in deine Lesungen ein?

Dienstag, 18. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil II

Im zweiten Teil meiner Blogserie zum öffentlichen Lesen eigener Texte geht es um kleine, aber nicht unbedeutende Feinheiten.

Das Feintuning


In jedem Fall wirst du die ausgewählten Buchpassagen für eine Lesung überarbeiten müssen. Geh sie sorgfältig durch und streiche alles, was störend, unwichtig oder verwirrend sein könnte. Bei Dialogen musst du vielleicht gelegentlich ein „sagte er“, „sagte sie“ ergänzen, denn das Publikum kann sich ja nicht anhand der Typografie orientieren. Versetze dich in die Zuhörer hinein, die keinerlei Vorwissen haben, und sorge dafür, dass der von dir vorgelesene Abschnitt auch ganz für sich stehen kann, dabei aber im besten Falle überaus neugierig auf das gesamte Buch macht.

Lies dir die ausgewählten Abschnitte einmal selbst laut vor. Dabei merkst du zum Beispiel, ob du die korrekte Aussprache bestimmter Begriffe noch mal nachschlagen musst, ob Dialoge lebendig klingen und wo du einen Satz umstellen musst, weil er sich dann besser anhört.

Manuskript oder gedrucktes Buch?


Sicher ist es viel einfacher, diese ganzen Arbeiten mit dem PC am Manuskript vorzunehmen. Dann brauchst du zur Lesung nur ein paar ausgedruckte Seiten mitzunehmen. Aber das Lesepublikum hat eine bestimmte Erwartungshaltung, und dazu gehört nun mal, dass der Autor ein Exemplar seines eigenen Buches in den Händen hält! Du machst ihnen damit auch mehr Appetit auf dein Werk.

Ich rate dazu, die Streichungen, Ergänzungen und Änderungen direkt im Buch vorzunehmen und mit kleinen Haftnotizzetteln die Stellen zu markieren, an denen du es aufschlägst. Geh dabei sehr sorgfältig und systematisch vor, damit du während der Lesung nicht hektisch herumblättern musst! Du kannst zum Beispiel mit verschiedenen Farben arbeiten oder die Haftnotizzettel nummerieren, um die ausgewählten Passagen in der richtigen Reihenfolge vorzulesen (die nicht zwangsläufig der im gedruckten Buch entsprechen muss).

Wenn du mehrere Lesungen aus deinem Buch gehalten hast, merkst du an den Publikumsreaktionen, an welchen Stellen du noch etwas ändern solltest. Nach und nach kannst du dein Leseexemplar so zum optimalen Werkzeug perfektionieren. Und irgendwann brauchst du es kaum noch, weil du deinen Text beinahe auswendig aufsagen kannst.

Ich hatte einmal mein überarbeitetes Vorleseexemplar von Klassenziel zu Hause vergessen und musste die Lesung aus einem nagelneuen Buch ohne meine gewohnten Markierungen und Streichungen halten. Zu meiner Überraschung hat das tadellos geklappt, denn ich kannte die Stellen, an denen ich Veränderungen vorgenommen hatte, und sah die handschriftlichen Anmerkungen vor meinem inneren Auge. Nach einer gewissen Zahl von Lesungen aus demselben Buch greift offenbar ein gewisser Automatismus.



Dienstag, 11. Juli 2017

Antaris 2017: Flashback!

Noch keine zwei Wochen ist es her, dass wir uns von der Antaris 2017 in eine andere Dimension katapultieren ließen: in ein schlammig-feuchtes, aber glückliches und friedvolles Anderswo. Nun sind wir alle mehr oder weniger holprig wieder auf dem Planeten Erde gelandet und müssen uns bis zum nächsten Raumflug ein ganzes Jahr lang an unseren Erinnerungen festklammern.

Um euch und uns das zu erleichtern, hatte ich an dieser Stelle bereits letzte Woche meinen Textbeitrag mit Fotos gepostet.

Heute möchte ich euch noch einmal mit auf die Reise nach Antaris nehmen: Katja Kirseck hat ein Video gemacht, das die herrlichsten Flashbacks auslöst, und Astrix hat uns erlaubt, seinen großartigen Deep Jungle Walk als Soundtrack zu verwenden. Beiden ein riesengroßes Dankeschön!



Jordan T. A. Wegberg, Schriftsteller, und Katja Kirseck, Medienproduzentin, sind überzeugte Antarianer. Der eine denkt in Texten, die andere in bewegten Bildern, und gemeinsam sind sie das Literaturlabor Berlin, in dem du deine Texte zu optimieren und dich in bewegten Bildern zu präsentieren lernst.


Wenn dich das neugierig gemacht hat: Am kommenden Sonntag, 16. Juli, hat das Literaturlabor Berlin ab 16 Uhr seine Türen zu einer Info-Veranstaltung geöffnet! Nussbaumallee 26 (bei Nemitz), 14050 Berlin-Westend.

Freitag, 7. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil I

Auf diesem Blog werde ich in den folgenden Wochen ein paar Tipps zum Lesen eigener Texte vor Publikum geben, die ich bei meinen eigenen rund 350 öffentlichen Lesungen in den letzten Jahren zusammengetragen habe. Für viele davon wäre ich in meiner Anfangszeit sehr dankbar gewesen!

Ich hoffe, dass ich dir damit helfen kann, deine ersten Lesungen vor Zuhörern und -schauern lebendig, locker und liebenswert zu gestalten.


Teil I: Die Auswahl der Lesepassagen


Wer einen Roman geschrieben hat, freut sich über die Möglichkeit, sein Buch bei einer öffentlichen Lesung zu präsentieren. Der persönliche Kontakt zum Publikum ermöglicht ein ganz direktes Feedback, und im günstigsten Fall verkaufst du anschließend sogar noch ein paar Buchexemplare.

Damit eine solche Lesung zum Erfolg wird, sind allerdings einige Vorbereitungen erforderlich.


Welche Teile meines Buches soll ich vorlesen?


Die wichtigste Überlegung ist natürlich: Welche Passage(n) meines Buches wähle ich für die Lesung aus? Länger als 45 Minuten sollte das reine Vorlesen keinesfalls dauern, denn sonst erlahmt die Aufmerksamkeit der Zuhörer und schlägt möglicherweise in Ablehnung um, weil sie sich überfordert fühlen.

Wie viel Zeit habe und nutze ich?


Um die Lesezeit zu bestimmen, gibt es eine einfache Methode, die zudem schneller ist als die gute alte Stoppuhr-Variante. Wähle die Passage im Word-Manuskript deines Romans aus, markiere sie und lass Word die Zeichen zählen. Wenn es so um die 45.000 sind (einschließlich Leerzeichen), entspricht dies ungefähr 45 Minuten mündlicher Wiedergabe.

Welche Buchpassagen eignen sich für öffentliche Lesungen?


Der Leseauszug soll entscheidende Schlüsselszenen enthalten, neugierig machen und nicht zu viel vorwegnehmen. Du kannst mehrere kurze Abschnitte auswählen, die du aneinanderreihst, oder eine längere zusammenhängende Passage, die besonders spannend, ausdrucksstark oder für den Roman entscheidend ist. In jedem Fall musst du darauf achten, dass   die wichtigsten Charaktere, aber nicht zu viele Nebenfiguren darin vorkommen,  keine verwirrenden Nebenhandlungen geschildert werden und  im Text enthaltene Hinweise auf Personen oder Sachverhalte entfallen oder erklärt werden.

Bei einem Krimi könntest du zum Beispiel eine Stelle auswählen, in der das Ermittlerteam auf der Fahrt zur Vernehmung eines Verdächtigen allerhand Spekulationen anstellt und dabei die bisherigen Fakten zur Entführung noch mal durchspricht. An dem alten Bauernhof angekommen, sehen sie den mutmaßlichen Täter auf dem Motorrad flüchten. Es gibt eine spektakuläre Verfolgungsjagd, bei der einer der Ermittler leicht verletzt wird. Der Verdächtige kann schließlich gefasst werden und legt ein Teilgeständnis ab – das aber wieder neue Rätsel aufgibt, denn er hat das Lösegeld aus einem Auto geklaut und weiß nicht, wo das Opfer ist.  

Soll ich lieber mehrere Szenen auswählen?


Wenn es in deinem Roman eine solche zusammenhängende Passage nicht gibt, musst du einzelne Stellen auswählen, die möglichst charakteristisch für deine Erzählweise sind und einen guten Überblick über die wichtigsten Personen und Ereignisse liefern. Im Allgemeinen wirst du dabei chronologisch vorgehen. Eventuell musst du bei der Lesung kurze Übergänge schaffen, in denen du frei formulierst, was die Zuhörer an Informationen brauchen, um den Anschluss zu finden.


Gut geeignet zum Vorlesen sind Action-Szenen, Dialoge zwischen nicht mehr als zwei Personen und Passagen, in denen dein Protagonist charakterisiert wird, zum Beispiel durch besonders typische Verhaltensweisen oder durch ein aufschlussreiches Gespräch mit seiner Frau, seinem besten Freund oder einem Tatzeugen.