Mittwoch, 30. September 2015

David Levithan: Two Boys Kissing





Zweiunddreißig Stunden, zwölf Minuten und zehn Sekunden soll er dauern, der Kuss von Harry und Craig. Die beiden Teenager wollen damit nicht nur den Weltrekord brechen, sondern auch ein Zeichen setzen. Auch die Geschichten von Neil und Peter, Ryan und Avery, Tariq und Cooper werden erzählt, schwule Jungs in amerikanischen Kleinstädten, jeder von ihnen mit einem individuellen und berührenden Schicksal.

Gäbe es einen Preis für die ungewöhnlichste Erzählperspektive, dann müsste Two Boys Kissing ihn bekommen, denn das Geschehen wird von den Toten erzählt und kommentiert – von den Tausenden namenloser Aids-Opfer der vergangenen Jahrzehnte, die wie Geister über uns schweben, die zuschauen und Anteil nehmen und vieles wissen, das die Jugendlichen erst noch schmerzlich erfahren müssen, aber dazu verdammt sind, es für sich zu behalten.

Während die Protagonisten des Romans also ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe machen, ziehen die erzählenden Toten Parallelen und registrieren die Unterschiede zu ihren eigenen Gehversuchen vor dreißig, vierzig Jahren. Seither hat sich viel getan; die Akzeptanz von Homosexuellen ist größer geworden. Und doch gibt es immer noch entsetzte Eltern (Neil und Cooper), Gewalt (Tariq), Hänseleien von Gleichaltrigen (Ryan). Es gibt immer noch schiefe Blicke, Beleidigungen und Ausgrenzung.

Damit werden auch Harry und Craig bei ihrem Dauerkuss konfrontiert, ebenso wie mit sengender Hitze und nächtlicher Kälte, Durst, Hunger, schmerzenden Beinen, drückender Blase, verspannten Muskeln. Aber ihre Botschaft geht um die Welt. Am Ende wird ihre Aktion von Tausenden Zuschauern live im Internet verfolgt, und die Ermutigung ist groß.

Vielleicht wird sich das auch auf die anderen Jungs auswirken, vielleicht wird Schwulsein irgendwann so selbstverständlich, dass es keiner besonderen Erwähnung mehr bedarf, genau wie blaue Augen oder Sprachbegabung. Für die Aids-Toten kommt dies zu spät, aber die homosexuellen Jugendlichen der Gegenwart – und die im Roman – können möglicherweise auf bessere Bedingungen hoffen.

Two Boys Kissing ist nicht der erste Roman von David Levithan, den ich gelesen habe, aber definitiv der beste. Er ist nicht belehrend, tiefschürfend oder philosophisch und enthält trotzdem zahlreiche kluge Sätze, die weit über die erzählten Geschichten hinausreichen und von einer universellen Bedeutsamkeit sind. „Die Liebe tut so weh, wie kann man sie jemandem wünschen?“ ist einer davon, oder: „Wenn man die Wahrheit sagen will, ist der erste Satz immer der schwerste.“

Beeindruckend und ungewöhnlich ist auch die Konstruktion: der Kussrekord als Hintergrund verschiedener Einzel- (oder Paar-)Schicksale und über allem wie ein Himmelszelt die Sichtweise und die klugen Kommentare der Verstorbenen, die wie liebevolle Väter oder große Brüder betrachten, was die nächste Generation umtreibt.

Und schließlich noch ein Wort zum Cover: Es ist in schlichtem Schwarz gehalten, Autorenname und Titel in einfachen weißen Buchstaben, und wie zufällig verstreut sieben knallbunte kleine männliche Paare, die sich an den Händen halten – den internationalen Symbolen an WCs nachempfunden. Erst bei genauem Hinsehen sieht man, dass sie durch die Farbe herausgehoben werden aus einer endlosen Reihe von glänzend schwarzen Pärchen auf dem mattschwarzen Hintergrund, von denen einige auch aus zwei weiblichen Figuren bestehen. Die Schlichtheit und die subtile Aussagekraft des Buchumschlags stehen der ästhetischen Wirkung nicht im Wege – Kompliment an den Grafiker.

Montag, 28. September 2015

Achtung, arbeitende Autoren!



Schön ist es da in Birkenwerder, ruhig und doch zentral gelegen. Ideal für einen Autorenkongress, wie wir vom Freien Deutschen Autorenverband Berlin ihn organisiert hatten. Von Freitag bis Sonntag hatten sich 14 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet und sogar aus dem europäischen Ausland zusammengefunden, um sämtliche Schriftstellermuskeln zu trainieren.



In insgesamt vier Workshops erarbeiteten wir die Fähigkeit zum Selbstcoaching und eine bessere Vortragstechnik, einigten uns auf die besten Methoden zur Manuskriptüberarbeitung und schrieben spontan poetische Texte zu Überraschungsthemen.


Wer neuere Buchveröffentlichungen hatte, konnte diese seinen Kolleginnen und Kollegen in einem 5-Minuten-Buchpitch vorstellen - das schult die Präzision und die Beschränkung aufs Wesentliche.



Höhepunkt war dann die musikalische Lesung im Rathaus Birkenwerder. Das Gebäude alleine ist schon imposant genug, aber die sechs gänzlich unterschiedlichen Beiträge der Autorinnen und Autoren sowie die wundervolle Musik von Jonas Wilfert (Klavier) und Joachim Weigert (Trompete) setzten dem noch ein Glanzlicht auf. 



Dieser samstagabendliche Leckerbissen hatte auch viele Gäste angelockt. 



Damit die üblichen Vorurteile ("Schriftsteller saufen und feiern die ganze Zeit") nicht unbedient blieben, saßen wir abends noch lange in der Lobby des Andersen Hotels zusammen und erarbeiteten uns unseren Ruf.



Inspiriert, seelisch bereichert und mit vielversprechenden neuen Kontakten kehrten wir am Sonntag nach Hause zurück, und ich zumindest werde noch sehr lange von diesem Wochenende zehren. Eine zweite Auflage ist übrigens auf vielfachen Wunsch bereits in Planung!


Mittwoch, 16. September 2015

Hackevoll ...



... war nicht ich, sondern die Berlin Rock Photo Gallery anlässlich der Buchpremiere von "Grenzverletzungen". Mit so viel Zuspruch und Interesse haben weder ich noch der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf gerechnet! Jeder verfügbare Quadratzentimeter wurde genutzt, und einige Zuhörer machten es sich sogar auf Kissen am Boden einigermaßen bequem. (Ich weiß gar nicht, wann mir meine Leser zuletzt so wunderbar zu Füßen gelegen haben.)



Trotzdem kamen einige einfach nicht mehr rein. Wegen möglicher Lärmbelästigung der Anwohner konnten wir aber auch nicht einfach die Fenster öffnen und somit der Akustik freien Zugang zum Hof gewähren. Tut mir sehr leid für alle, die keinen (Steh-)Platz mehr bekommen haben!



Trotz der drangvollen Enge herrschte während der gesamten Lesung aufmerksame Stille. Das hat mich umso mehr gefreut, als ich aus diesem gerade erst erschienen Buch ja zum ersten Mal öffentlich gelesen habe. Da weiß man noch nicht so recht, ob man die richtigen Textpassagen gewählt hat, ob an den passenden Stellen gelacht wird oder ob zunehmendes Füßescharren wachsende Ungeduld signalisiert. Aber alles war genau so, wie es sein soll.



Auch die anschließende Diskussionsrunde zeigte, wie groß das Interesse am Thema Borderline ist, ob bei Betroffenen, bei Angehörigen oder einfach bei Menschen, die mehr über eine weit verbreitete und sehr belastende Krankheit wissen wollen. Und dann spielt im Roman ja auch der Aspekt der Freundschaft noch eine ganz wichtige Rolle.

Verleger, Autor und Agentin waren mit dieser Book Release Party erkennbar zufrieden.




Alle anderen auch, hoffe ich.

Ein großes Dankeschön an die Besucher und an das Superteam hinter den Kulissen!


Montag, 14. September 2015

Buchpremiere und Party!


Ich hab da mal was vorbereitet ...



Am Dienstag ist es nämlich so weit: "Grenzverletzungen" wird der Öffentlichkeit präsentiert! Meine allererste Lesung aus diesem Buch findet in der Berlin Rock Photo Gallery statt, die lange Zeit nicht zugänglich war und etliche Original-Fotografien von Mick Rock ausstellt.

Abgesehen von den üblichen autorverlesenen Appetithäppchen aus dem Roman gibt es auch ein kurzes Interview, kühle Getränke, Knabberzeug und vor allem viel sehr, sehr gute Musik. Mal sehen, ob Platz zum Tanzen da ist!

Herzlichen Dank an Oliver Schwarzkopf und das gesamte Team des Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlags für die Vorbereitung und Unterstützung!

Book Release Party "Grenzverletzungen"
The Berlin Rock Photo Gallery
Kastanienallee 32, 1. Hof, 10435 Berlin-Prenzlauer Berg
Beginn: 20 Uhr
Eintritt frei


Donnerstag, 10. September 2015

Radiointerview zu meinem nächsten Buchprojekt


Am 4. September wurde auf Transgender Radio ein Interview gesendet, das meine Autorenkollegin Ria Klug zu meinem neuen Buchprojekt mit mir geführt hat. Es soll übrigens im Herbst 2017 erscheinen - und ich bin auch schon bei der Arbeit!

Wer es ganz eilig hat: Ab Minute 4:20 geht es los.

Hier ist der Link zum Interview: Transgender Radio Berlin