Mittwoch, 28. Oktober 2015

Wahrnehmungsapparate: Ein Abend mit Aljoscha Brell, Inger-Marie Mahlke, Martin Lechner, Nina Bußmann

Autorengespräche und Lesungen im LCB Berlin, Dienstag, 27. Oktober 2015, 20 Uhr

Vier Berliner Autor(inn)en, Jahrgänge 74 bis 80, lernten sich vor zehn Jahren an der FU Berlin bei einer Autorenwerkstatt mit Herta Müller kennen. Zum „Jubiläum“ und weil sie alle auch an der Prosawerkstatt des LCB teilgenommen haben, hat das Literarische Colloquium Berlin sie zu einem gemeinsamen Gesprächs- und Lesungsabend eingeladen. Thorsten Dönges moderierte die Runde unterhaltsam und angenehm unprätentiös.



Die vier Autorenkollegen haben an Herta Müller nicht nur romantisch verklärte Erinnerungen. Bei allem Respekt der späteren Nobelpreisträgerin gegenüber schimmern doch ein paar schlecht verheilte Verletzungen des juvenilen Narzissmus durch. Radikal subjektiv sei sie gewesen und habe ihrem Missfallen gegenüber den meisten Texten sehr deutlich Ausdruck verliehen. „Das ist kein literarischer Satz!“, war eine ihrer Standardaussagen. Eine Begründung für ihre Kritik pflegte sie nicht zu liefern. „Aber sie hat es ja trotzdem immer genau getroffen“, wendet Nina Bußmann ein, und die anderen stimmen ihr uneingeschränkt zu.

Die damaligen Studenten verabredeten sich auch nach Beendigung der Autorenwerkstatt immer mal wieder auf eigene Initiative, um das Feedback der anderen zu ihren literarischen Texten einzuholen oder sich einfach zum Prozess des Schreibens auszutauschen. Der Gastgeber besorgte Wurst oder Käse, alle anderen brachten Alkohol mit – „inzwischen wird vegan gekocht“, beruhigt Nina Bußmann. Ob nun Fastfood oder Pflanzenkost, das Konzept kann als erfolgreich gelten: Alle vier haben mittlerweile Veröffentlichungen vorzuweisen, Mahlke sogar drei; Brells Debüt ist erst vor wenigen Wochen erschienen.



Inger-Maria Mahlke, 1977 geboren, wuchs in Lübeck auf und studierte Rechtswissenschaften. Ihr preisgekrönter erster Roman „Silberfischchen“ erschien 2010 im Aufbau Verlag, zwei Jahre später folgte „Rechnung offen“.

Im März 2015 kam ihr Roman „Wie ihr wollt“ im Berlin Verlag heraus. Inger-Maria verwendet einen historischen Stoff aus dem England der Tudor-Zeit, erzählt jedoch in knappen, oft elliptischen Sätzen. Eine Nachahmung der damaligen Sprech- oder Schreibweise müsse immer misslingen, erklärt sie. Sprache habe insbesondere eine klangliche Funktion. Sie möge harte Konsonanten und habe ihren Text komplett durchrhythmisiert. Das wurde durch Gestik und rhythmisches „Mitgehen“ der Autorin sehr deutlich, als sie eine Passage des Romans vorlas.

Eindrucksvoll war die Szene, in der die Protagonistin sich gedanklich mit ihrer bevorstehenden Hinrichtung auseinandersetzt – in geradezu schmerzlicher Detailgenauigkeit antizipiert sie den Weg des Beils durch Knochen, Sehnen und Muskeln, bis die Zuhörer sich verstohlen den Nacken zu reiben begannen.



Martin Lechner, 1977 geboren und ebenfalls aus Lüneburg, schrieb Lyrik und zwei gescheiterte Romanversuche, ehe er eine irgendwann mal angefangene Erzählung aufgriff und sie zu seinem Debütroman „Kleine Kassa“ ausarbeitete, der 2014 im Residenz Verlag erschien. Letztlich hat die Arbeit an diesem Buch sich über zehn Jahre hingezogen. Schon damals in der Autorenwerkstatt von Herta Müller hatte Lechner Teile daraus vorgestellt.

Am Anfang, sagt Martin Lechner, habe er gar nicht gewusst, wohin der Weg führen solle. Er hatte einen Einstieg, aber keine Vorstellung vom weiteren Handlungsverlauf, geschweige denn von einem Ende. So wichtig war das auch gar nicht, denn Martin ist ein Sprachtüftler, einer, der stundenlang an einem Satz feilen kann, bis er das Optimum erreicht hat. Nicht immer zur Begeisterung seiner Autorenkollegen: Das „lichtdurchstoßene Wipfeldach“ aus der von ihm vorgelesenen Romanpassage hat Nina Bußmann seinerzeit als „kitschig“ bezeichnet, erinnert sich Lechner. Inzwischen findet sie es gar nicht mehr so schlimm.

In diesem „Heimatroman auf Drogen“, wie Aljoscha Brell Lechners Debüt charakterisiert, flüchtet ein junger Mann mit einem Koffer voller Geld – wohin und warum ist dabei viel weniger wichtig als das Wie. Hier bewährt sich Lechners Ringen um sprachliche Perfektion. Der Fluchtweg des Protagonisten durch sommerliche Wiesen und Wälder sowie der Fund eines Toten sind temporeich, plastisch und sinnlich erfahrbar geschildert.



Nina Bußmann, geboren 1980, stammt aus Frankfurt/Main. Bereits 2012 erschien bei Suhrkamp ihr erster Roman „Große Ferien“ über einen Physiklehrer, der nach einem Vorfall mit einem Schüler vom Unterricht freigestellt wird. Zurzeit arbeitet sie an einem Nachfolger mit dem Arbeitstitel „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“, der bereits andeutet, dass geografische und geologische Themen eine Rolle spielen. Aber es geht auch um das spurlose Verschwinden einer jungen Frau und die Bemühungen ihrer Freunde und Bekannten, damit umzugehen.

Nina Bußmann wirkt autarker als ihre Autorenkolleg(inn)en, weniger suchend und tastend nach Form und Inhalten, zielstrebiger vielleicht. Ihre schriftstellerische Arbeit ist erkennbar längst Teil ihres Alltags, sie muss nicht hinterfragt werden.

Die Manuskriptpassage, die Bußmann vorstellt, besticht vor allem durch erzählerische Details. Ganz deutlich hat der Zuhörer die magere Straßenhündin vor Augen, die, von einem einzigen achtlos weggeworfenen Speiserest angelockt, ihre unfreiwillige neue Freundin nicht mehr aus den Augen lässt und sogar bis zum Versagen ihrer Kräfte dem Motorrad hinterherrennt, das sie aus der Stadt trägt.



Aljoscha Brell, 1980 in Wesel geboren, hat ähnlich lange wie Martin Lechner um die endgültige Form seines ersten Romans gerungen, doch im Gegensatz zu seinem Kollegen stand der Plot schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt fest. Sein Problem, so berichten die drei Werkstattfreunde, habe eher darin bestanden, die Figuren mit Leben zu erfüllen und sich von der anfangs allzu satirischen, stark überzeichneten Darstellung zu lösen. Aljoschas Debütroman „Kress“, im September bei Ullstein erschienen, lässt von diesem Kampf nichts mehr erkennen. Die skurrile Titelfigur und auch die Nebencharaktere sind wunderbar plastisch und – was noch wichtiger ist – werden an keiner Stelle der Lächerlichkeit oder Entwürdigung preisgegeben.

Nein, er habe nicht nächtelang an einem einzelnen Komma herumgefeilt, erklärt Aljoscha Brell. Stattdessen habe er immer wieder ganze Passagen komplett gestrichen und neu geschrieben. Immerhin acht Jahre hat dieser Prozess in Anspruch genommen. „Ich trainiere meinen Willen wie einen Muskel“, das habe Aljoscha damals gesagt, verrät Martin Lechner.

Brell gesteht, dass dieses Übermaß an Selbstbewusstsein seinen Zweck nicht erfüllt habe, und zeigt sich überhaupt selbstkritisch und bescheiden genug, um die vollständige Überwindung seiner jugendlichen Fehleinschätzung glaubhaft zu machen. Ehe man diese Demut für eine Pose zu halten geneigt ist, gibt er dann auch unumwunden zu, dass er ein ausgesprochenes Talent für das Schreiben von Dialogen hat. Erfrischend ehrlich – und Recht hat er!

Seine Leseprobe liefert dafür gleich den besten Beweis. Die Szene, in der Kress die Sprechstunde von Professor Schleicher aufsucht, besticht nicht nur durch den wunderbar authentischen Dialog, sondern auch durch eine Vielzahl an großartig beobachteten, entlarvenden Details, die für jenes amüsierte Dauergrinsen sorgen, mit dem man seinen Roman liest.




Der Abend im Literarischen Colloquium Berlin war ebenso informativ wie unterhaltsam. Ganz besonders Schreibende werden sich in den unterschiedlichen Positionen der vier befreundeten Autor(inn)en wiedererkannt haben. Viele der besprochenen Herangehensweisen, Irrtümer, Erfolgserlebnisse und Anekdoten kennt jeder Schriftsteller so und ähnlich aus seinem literarischen Alltag. „Nur-Lesern“ bot die Veranstaltung ungewohnte Einblicke in den Schreibprozess. Und vor allem machte sie neugierig auf die vier jungen Autor(inn)en und ihre Texte!

Dienstag, 20. Oktober 2015

Emma Haughton: Mein fremder Freund




Hannah ist dreizehn und hat vor kurzem ihre Mutter verloren. Ihre ganze Kindheit hindurch war Danny ihr bester Freund gewesen, nur in letzter Zeit hat sich irgendetwas verändert – und plötzlich ist er spurlos verschwunden. Nach drei Jahren geschieht das Unglaubliche: Danny kehrt zurück! Aber warum ist er so verändert? Wo war er? Was hat er erlebt? Die Thematik klingt spannend und hat zweifellos viel Potenzial; angeblich liegt ihr eine wahre Begebenheit zugrunde.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Umsetzung bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der erste Teil des Romans beschreibt lediglich, wie Hannah und Dannys Familie verzweifelt nach ihm suchen, auf ein Lebenszeichen von ihm hoffen und einander Halt geben. Dabei bleibt die Ich-Erzählerin Hannah farblos und uninteressant. Sie hat keine Hobbys, keine Freunde, keine Besonderheiten. Den Großteil ihrer Zeit verbringt sie damit, sich um Dannys behinderte kleine Schwester Alice zu kümmern. Sie ist angepasst und äußert nur selten eine eigene Meinung – nur wenig Identifikationsmöglichkeiten für lesende Teenager also.

Leider bleiben alle Figuren so blass. Über die Umrisse geht die Charakterisierung an keiner Stelle hinaus. So wird an keiner Stelle deutlich, was die am Down-Syndrom erkrankte Alice von gesunden Kindern unterscheidet: Jeder liebt sie, der Alltag mit ihr ist offensichtlich total unproblematisch – wozu dann überhaupt die Erwähnung ihrer Behinderung?

Es dauert geschlagene 150 Seiten, bis überhaupt mal ein bisschen Spannung aufkommt. Plötzlich ist Danny nämlich wieder da. Aber alle Hoffnung, dass die Story nun in Fahrt kommt, bleibt vergebens. Danny ist seltsam, verhält sich verdächtig, hat sich auch äußerlich sehr verändert. Fast schon mit dem Holzhammer wird der Leser auf die Spur gebracht, dass dieser Danny nicht derselbe ist, der vor drei Jahren verschwunden ist, und man wundert sich bloß, warum seine engsten Angehörigen (mit Ausnahme der kleinen Alice und des Familienhundes) das nicht kapieren.

Weitere zähe 130 Seiten später findet auch Hannah endlich die notwendigen Beweise: Der angebliche Danny ist ein Schwindler. Man hofft also zumindest auf ein grandioses Finale, eine tolle Geschichte, die hinter diesem Lügenspiel steckt – und wird erneut enttäuscht. Die Auflösung ist so haarsträubend unrealistisch, platt und konstruiert, dass man sich eigentlich nur über die vergeudete Zeit ärgern kann.

Emma Haughton: Mein fremder Freund, cbj-Verlag, 348 Seiten, 8,99 Euro


Samstag, 17. Oktober 2015

Buchmesse-Report, Teil II

Donnerstag, 15.10.2015

11.00 Uhr: Wieder zur Messehalle. Mich gruselt jedes Mal, wenn ich an diesem Kerl mit dem Hammer vorbeimuss. Ich hoffe nur, es ist kein Buch, auf das er da einschlägt. Und wenn, dann wenigstens keins von meinen.


Heute sind die Frankfurter Messehallen schon etwas besser gefüllt. Es ist allerdings immer noch ein Fachbesucher-Tag. Man möchte sich also lieber nicht vorstellen, wie es aussieht, wenn die Buchmesse am Wochenende auch für das Publikum geöffnet wird.


12.00 Uhr: Besprechungstermin mit meiner Rowohlt-Programmleiterin Christiane Steen. Wir klären ein paar Details meines aktuellen Romanprojekts, und ich bekomme einen guten Tipp für die Gestaltung einer der Nebenfiguren.

14.00 Uhr: Mittagessen mit meiner Frankfurter Freundin Brigitte, die ich 2010 bei der Entgegennahme der "Goldenen Leslie" kennengelernt habe. Sie hat ein ausgezeichnetes thailändisches Restaurant ausfindig gemacht, in dem wir sehr entspannt essen und reden können.

17.00 Uhr: Erst am Dienstag habe ich seinen Debütroman Kress zu Ende gelesen und an dieser Stelle rezensiert, heute stellt er ihn im Dommuseum vor: Aljoscha Brell (Mitte). Neben ihm präsentiert auch Janko Marklein (rechts) sein Erstlingswerk Florian Berg ist sterblich.


Die Moderatorin hat sich leider nicht vorgestellt, aber inhaltlich ging es vor allem um die Parallelen und Unterschiede der beiden Protagonisten, und natürlich hatten beide Autoren auch Gelegenheit, Passagen ihrer Romane vorzulesen.


Im Anschluss an die Veranstaltung erfuhr ich von Aljoscha Brell, dass er acht Jahre lang an seinem Roman geschrieben hat und dann bei einer öffentlichen Lesung von einer Agentin angesprochen wurde, die ihn im Handumdrehen an den Ullstein Verlag vermittelt hatte. Kein Wunder! Auch wenn diese Erfolgsgeschichte nicht unbedingt repräsentativ und Aljoscha ein Ausnahmetalent ist, sollte sie doch Mut und Hoffnung machen.

20.00 Uhr: Auf dem Weg zum Abendessen-Treffpunkt sehe ich voller Freude jene Brücke, die in meinem Roman Ich kannte kein Limit eine Nebenrolle spielt. Beim Schreiben des Manuskripts hatte ich mich auf die Erinnerung und das Internet verlassen müssen - zum Glück hat mich beides nicht getrogen, wie ich jetzt sehe.


20.30 Uhr: Der perfekte Ausklang für einen Buchmesse-Tag ist ein Abendessen mit Freunden und Kollegen, und Stephanie Walter hat dafür auch noch den perfekten Ort gefunden: Im Herzen Afrikas ist Erlebnisgastronomie im positivsten Sinne!


Köstliches Essen, außergewöhnliches Bier, gut gelaunte Bedienung, liebevolle Innenarchitektur und obendrein noch erfreulich günstige Preise sind wohl die besten Empfehlungen.


Nur wofür die anheimelnd beleuchtete Badewanne im Untergeschoss dient - diese Frage konnte keiner aus unserer neunköpfigen Buchmenschen-Runde wirklich überzeugend beantworten. Nehmen wir einfach mal an, dass ein gemeinsames Bad vor dem Essen in Eritrea zum gastfreundlichen Standard gehört. Wir können ja nächstes Jahr wiederkommen und es ausprobieren.


Buchmesse-Report, Teil I

Mittwoch, 14.10.2015

8.30 Uhr: Der Fernbus nach Frankfurt verlässt beinahe pünktlich den ZOB in Berlin. Er ist nur zu drei Vierteln besetzt, wir bekommen einen Platz in der zweiten Reihe und haben zwar keine eigene Steckdose, dafür aber genügend Beinfreiheit.

9.30 Uhr: Was sind das für komische Schlieren auf der Windschutzscheibe?

9.45 Uhr: Was sind das für weiße Tupfen auf den Wiesen rechts und links? Blühen da noch ein paar Herbstblumen?

10.15 Uhr: Oh. Dein Ernst, Petrus? An meinem Geburtstag?! Ich nehm das ziemlich persönlich.



15.20 Uhr: Die Ankunft in Frankfurt ist nahezu termingerecht, und hier liegt auch zum Glück nichts Weißes mehr herum. Ich werfe mich auf dem Bahnhofsklo in Businessschale, putze mir die Zähne, deponiere meine Reisetasche im Schließfach und fahre zur Messehalle.



16.00 Uhr: Es ist vergleichweise leer auf der Messe, teils wegen der vorgerückten Stunde, teils weil sie heute nur für Fachbesucher geöffnet ist. So lässt es sich gut aushalten.



Am Stand von Harper Collins treffe ich die Berliner AJUM-Vorsitzende und Autorenkollegin Tania Krätschmar, gleich neben ihr stehen meine Agentin Anna Mechler und deren Kollegin Alexandra Link. Es wird Wein herumgereicht. Kaum habe ich den Stand verlassen, treffe ich meine Kollegin Desirée Simeg, die wie ich als freie Lektorin arbeitet.

Gemeinsam gehen wir zur Happy Hour der Münchner Verlagsgruppe, treffen dort die Lektoren Michael Wurster, Georg Hodolitsch und den Autor Kishor Sridhar, dessen erstes MVG-Buch ich seinerzeit lektoriert habe. Hier gibt es herrlich kaltes Bier und Laugenbrezel.

Desirée und ich wandern weiter in Halle 4 zum Stand des Campus Verlags, der seinerseits zur Happy Hour mit Wein und Häppchen lockt.



Wiedersehen mit der Campus-Lektorin Stephanie Walter, bei der wir beide übernachten dürfen. Weiteres lustiges Geplauder mit Verlegern, Vertrieblern und Kollegen.

21.00 Uhr: Ich bin pünktlich am Römer. Nette Gegend!



Es ist klirrend kalt und nieselt. Vor dem Schirn-Café frösteln bereits die ersten Gäste. Zur Rowohlt-Messefeier wird man nur mit der erforderlichen Eintrittskarte vorgelassen, so ähnlich wie im Berghain, nur dass die Türsteher anders aussehen. Wir erhalten einen Stempel, geben die Jacken an der Garderobe ab und wärmen uns mit Sekt auf.

22.30 Uhr: Gute 600 Personen sind der Einladung gefolgt - eindeutig zu viele für diese Location. Obwohl das Bar- und das Servicepersonal sein Äußerstes gibt, kommt es hier zu Sardinenerfahrungen. Die Kommunikation ist nicht nur durch die schallverstärkende Akustik gehemmt, sondern scheitert auch ein bisschen an der mangelnden Gesprächsbereitschaft vieler Gäste. Man hat so seine Grüppchen, die kennt man, das soll genügen.


Aber eins muss man sagen: Das Bier ist wirklich mit Bedacht ausgewählt!



Als wir kurz nach eins aus dem Schirn-Café schwanken, liegt Frankfurt bereits im Tiefschlaf. Es ist kein Mensch mehr unterwegs, U- und S-Bahnen haben den Betrieb eingestellt, und ich weiß nicht so recht, wie ich jetzt noch zu Steffi nach Neu-Isenburg kommen soll, bin aber dankbar, dass wenigstens noch nicht alle Lampen ausgeschaltet wurden.




Dienstag, 13. Oktober 2015

Aljoscha Brell: Kress




Wann hat es das zuletzt gegeben? Ein Newcomer, erst 35 Jahre alt und bisher ohne Veröffentlichungen, der einen Roman liefert, gegen den man so gut wie gar nichts einwenden kann. Nein, nennen wir es ruhig beim Namen: den man lieben muss! Denn mit Kress bietet Aljoscha Brell ein Lesevergnügen, das alle erforderlichen Ingredienzen aufweist: eine ebenso witzige wie tragische Story, einen außergewöhnlichen, präzise charakterisierten und ziemlich antiheldischen Helden und eine sehr nuancenreiche, kraftvolle Sprache.

Kress ist Student. Seit sieben Jahren. Er haust in einer heruntergekommenen Neuköllner Bude, ernährt sich von Toast mit Ketchup, besitzt weder Computer noch Telefon, und sein einziger Gesprächspartner ist ein Täuberich, der täglich auf seinem Fensterbrett landet und den Kress mit „Gieshübler“ (und „Sie“) anspricht – eine zauberhafte kleine Reminiszenz an Fontane. Auch wenn Kress sich schwerpunktmäßig mit Goethe beschäftigt.

Kress fühlt sich der gesamten Welt, insbesondere aber seinen Kommilitonen, haushoch überlegen. „Der ganze Punkt daran, er, Kress, zu sein, der Punkt an der Art und Weise, wie er sein Leben eingerichtet hatte, das war doch die Vorstellung, besser zu sein als die anderen: sich nicht in irgendeine dahinplätschernde Seichtigkeit zu ergeben, sondern tiefer zu sein, mit tieferen Einsichten, tieferen Gefühlen.“

Auf diese zumindest unkonventionelle Weise verwandelt Kress seine himmelschreiende soziale Inkompetenz in eine Art Auserwähltheit. Die Verachtung, die er seinen Mitmenschen entgegenbringt – jenen, die Partys feiern, Handys oder Laptops benutzen und miteinander in Beziehung stehen –, sublimiert er durch seine Eigenwahrnehmung. Das ermöglicht ihm, die Schuld für alles, was in seinem Leben nicht optimal läuft, im Hedonismus und der Oberflächlichkeit der anderen zu suchen.

Dennoch ist Kress kein glücklicher Mensch. „Unzufrieden“ ist wohl das meistverwendete Adjektiv in diesem Roman, denn es läuft keineswegs immer so, wie Kress das gerne hätte. Zu seinem Verdruss haben diese plappernden, geist- und sendungslosen Wesen um ihn herum häufig einfach bessere Karten, sei es bei der Bewerbung um eine Stelle als studentische Hilfskraft, sei es in der Liebe.

Ja, Liebe spielt auch für Kress eine Rolle, wie er widerstrebend erkennen muss; sie trifft ihn genau genommen wie ein Blitzschlag, als eine blonde junge Studentin zu spät ins Seminar kommt und den Platz neben ihm einnimmt. „Die Verspätung“, wie er sie von nun an nennen wird, bringt seinen wohlgeordneten und völlig isolierten Alltag ins Schwanken. Er lässt sich herab, an einem Zeltausflug ins Brandenburgische teilzunehmen, findet sich unversehens in einem Technoclub wieder und haust schließlich sogar wochenlang in einer leer stehenden alten Schule. Er wird zum Ladendieb, zum Betrüger, zum Einbrecher und zum Stalker – alles aus Liebe. Dass diese unerwidert bleibt, dürfte kaum überraschen. Jedenfalls … aber ich will nicht zu viel verraten.

Dazu ist es viel zu unterhaltsam, Kress dabei zu begleiten, wie er unbeholfen, selbstgerecht und mit mühsam konstruierter Würde durch das Chaos seines Lebens stolpert, wie er immer wieder von jenen überholt wird, die ihm so aus tiefster Seele zuwider sind, und wie sein harter Schutzpanzer zahlreiche Schrammen und Risse bekommt. Man möchte Kress nicht persönlich kennenlernen, aber trotzdem kann man einfach nicht anders, als ihn gern zu haben, weil er einen mit seiner Steifheit, mit seinen gelegentlichen Ausbrüchen ungeregelter Gewalt und seiner absurden Selbstüberschätzung eben doch irgendwie rührt.


Aljoscha Brell ist für mich die Entdeckung des Jahres, und ich kann sein nächstes Buch kaum erwarten!

Sonntag, 11. Oktober 2015

Neues von der BVG

Wirklich, ich habe keine Ahnung, wann und wohin dieser Bus fährt:



Aber das hier ist eine großartige Idee, damit Pfandflaschensammler endlich nicht mehr in den Mülleimern rumstochern müssen:



Einfach kreativ, die BVG. Danke!

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Alain Claude Sulzer: Postskriptum



Mit seinem Erfolgsroman Aus den Fugen hat Alain Claude Sulzer einen Maßstab gesetzt, der nur schwer zu erreichen sein konnte. Tatsächlich ist ihm dies mit Postskriptum nur bedingt gelungen.

Anders als Titel und Buchcover suggerieren, handelt es sich bei Postskriptum nicht um einen Briefroman. Vielmehr thematisiert der Roman das Scheitern – ein Scheitern auf mehreren Ebenen, über mehrere Jahrzehnte hinweg und verkörpert durch mehrere Personen.

Lionel Kupfer ist zu Beginn der dreißiger Jahre ein Star. Er ist aus zahlreichen Spielfilmen bekannt, immer noch im besten Alter und genießt ein paar drehfreie Tage im Hotel Waldhaus im schweizerischen Sils Maria. Ein Mann, der alles erreicht hat, könnte man meinen – doch eigentlich sehnt er sich nur nach seinem Geliebten Eduard, einem etwas windigen Kunsthändler, der mit einer bekannten Opernsängerin verheiratet ist und Lionel am ausgestreckten Arm verhungern lässt.

Walter ist Posthalter in Sils Maria und betet Kupfer schon seit langer Zeit an. Er sammelt Bilder und Berichte über ihn wie Reliquien. Nun, da sein Idol in greifbarer Nähe ist, nutzt er die Chance, sich ihm zu nähern – und tatsächlich verbringen die beiden einige gemeinsame Nächte. Dann reist Eduard an, und Walter ist vergessen.

So wie Kupfer sich ihm entzieht, entzieht auch Walter sich seiner Mutter, einer Wäscherin aus einfachsten Verhältnissen, die weder lesen noch schreiben, dafür aber sehr intensiv lieben kann. Den Großteil diese Liebe schenkt sie ihrem Sohn, dem das ein bisschen peinlich ist. Theres denkt noch immer liebevoll, ohne Groll an ihren Mario zurück, den Italiener, der sie noch vor der Geburt des Sohnes verlassen hat, und Walters Werdegang verfolgt sie voller Stolz, denn er hat es ja schon viel weiter gebracht als sie selbst.

Für alle drei bringt das Leben entscheidende Wendungen. Kupfer gerät in Vergessenheit und bekommt keine Filmangebote mehr. Er geht in die USA und trauert seinem vergangenen Ruhm hinterher. Ein Engagement von Visconti lässt ihn auf ein Comeback hoffen – doch seine ohnehin winzige Rolle wird aus dem Film herausgeschnitten. So muss er sich mit Nebenrollen in Broadway-Aufführungen begnügen.

Walter gibt die Stelle bei der Post auf und wird Steward bei der Swissair. Man respektiert und achtet ihn für sein untadeliges Verhalten, seine Disziplin und Haltung, aber innerlich bleibt er unberührt, ein einsamer Mann, immer unterwegs, ohne Wurzeln. Er vergisst Lionel Kupfer nicht, einmal sieht er ihn sogar im Flugzeug wieder, doch es kommt zu keinem persönlichen Kontakt.

Theres geht nach Bern und findet in ihrer Zimmervermieterin die erste Freundin ihres Lebens. Per Zufall sieht sie ihren Sohn mit einem anderen Mann in einem Gartenlokal sitzen. Die beiden kommen sie später auf Kaffee und Kuchen besuchen, woraufhin die vermeintliche Freundin sich als bigotte Spießerin entpuppt und Theres das Zimmer kündigt, weil ihre Wohnung nicht zum „Hort der Unzucht“ werden dürfe.

Scheitern also, immer und überall, jede dieser ganz unterschiedlichen Personen führt ein Leben der enttäuschten Hoffnungen, der missglückten Versuche und unerfüllten Wünsche. Sulzer fragt nicht nach dem eigenen Anteil daran, er schildert die Schicksale wertfrei und beinahe schmerzhaft neutral, was die besondere Qualität seines Schreibens ausmacht. Wie ein Chirurg legt er Schicht um Schicht seiner Charaktere bloß, zeigt ihre Unzulänglichkeiten und Verletzungen, nimmt den einen oder anderen Schnitt vor – aber zugenäht wird hier nicht.

Das entwickelt einen starken Sog und ist auch sprachlich größtenteils sauber gelöst. Etwas unklar bleibt die Funktion des Prologs, in dem geschildert wird, wie der kleine Lionel Kupfer den Unfalltod seines älteren Bruders erlebt. Dieses eher psychoanalytische Element wird im späteren Verlauf des Romans nur halbherzig wieder aufgegriffen und wäre aus meiner Sicht verzichtbar; der Versuch, hiermit den Berufswunsch Kupfers zu begründen, wirkt arg bemüht.

Die Spannung, die Sulzer in seinem Vorgängerroman Aus den Fugen erzeugt hatte, erreicht er in Postskriptum nicht. Dazu sind die geschilderten Lebenswege zu weit voneinander entfernt, es gibt kaum verbindende Elemente, selbst der optimistischste Leser erwartet kein furioses Happyend. Stattdessen sehen wir den Charakteren dabei zu, wie sie sich immer weiter von ihren Hoffnungen entfernen. Das ist psychologisch interessant, aber nicht atemberaubend aufregend.

Gänzlich unverständlich ist mir die Rolle des Lektorats bei dieser Veröffentlichung. Immer wieder bin ich beim Lesen über etwas unbeholfene Formulierungen gestolpert, wie sie jedem – auch dem besten – Autor gelegentlich unterlaufen und die ein guter Lektor mit minimalen Eingriffen bereinigen kann. Doch das ist hier unterblieben, und deshalb ärgern allein die ersten vier Seiten mit:
·         „… und macht sich mit einem schneidenden Geräusch davon, das die zitternden Halme des spärlichen Grases erzeugten, das da und dort büschelweise aus dem Sand ragte …“
·         „… alle die, die das sommerliche Leben mit Lion teilten …“ und
·         „… abwechselnd grau oder schwarz oder bunt oder beides“.


So geht das bis zum Ende des Romans weiter, und von den unzähligen Interpunktions-, den häufigen Grammatik- und den gelegentlichen Flüchtigkeitsfehlern wollen wir dabei gar nicht erst reden. Eine derartige Schludrigkeit ärgert mich, immer und überall, ganz besonders aber bei Romanen, die auf der letzten Umschlagseite so vollmundig gepriesen werden wie dieser: „… gehört dieser Schweizer Autor zum Besten, was die deutschsprachige Literatur bieten kann, nicht zuletzt aufgrund seiner sprachlichen Brillanz“ – da hätte der Galiani Verlag sicherlich auch einen annähernd ähnlich brillanten Lektor zum Einsatz bringen können.