Mittwoch, 16. Dezember 2015

Verräterische Steckdosen - Victoria Schwartz bei #microsoftliest

Dass Internet-Bekanntschaften nicht immer halten, was sie versprechen, weiß so ziemlich jeder, der regelmäßig im Netz unterwegs ist. Hier tummeln sich Betrüger, Abzocker und Hochstapler jeglichen Niveaus. Zum Glück haben sie einige gemeinsame Merkmale, mit deren Hilfe sie sich relativ leicht erkennen und enttarnen lassen. Oder?

Eine Veranstaltung im Rahmen der Lesereihe #microsoftliest, bei der Autoren ihre Bücher mit IT-Bezug vorstellen, ließ daran einige Zweifel aufkommen. In der behaglich eingerichteten Café-Lounge von Microsoft Deutschland Unter den Linden unterhielt sich Radio-Eins-Moderator Sven Oswald gewohnt locker, amüsant und schnodderig mit der Hamburgerin Victoria Schwartz.



Was Victoria mit Kai erlebte, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Dabei fing alles so schön an. Die alleinerziehende Mutter, internetaffin, klug und selbstbewusst, hatte einen Tweet gepostet und erhielt dazu einen netten Kommentar von einem Unbekannten. Es entwickelte sich ein Dialog. Man hatte dieselbe Wellenlänge, sprach dieselbe Sprache, der Smalltalk wurde zu echter Kommunikation mit tief gehenden Themen. Kais Facebook-Profil zeigte einen attraktiven, sympathischen Mann, der seine aktuellen Erlebnisse mit vielen Freunden teilte. Er postete Bilder vom Schwimmen ebenso wie Videos vom Orkan, der soeben über ihn hinwegzog.

Kai lebte in Münster, schrieb er, sei aber gerade für vier Monate in den USA. Er nahm großen Anteil an Victorias Leben, zeigte Interesse, schickte ihr und ihren Kindern Pakete mit Geschenken: ein Traummann! Die beiden führten lange Telefongespräche miteinander. Sie verliebten sich ineinander. Victoria sehnte den Tag herbei, an dem sie Kai endlich persönlich gegenüberstünde.

 


Dann war Kai wieder zurück in der Heimat – doch das Treffen fand nicht statt. Gar nichts fand statt, denn er meldete sich erst wieder aus China, wo er aus beruflichen Gründen weitere vier Wochen verbrachte. Es sei ihm so schlecht gegangen die paar Tage in Münster, entschuldigte er sich, und es tue ihm furchtbar leid. Erneut schickte er Briefe, Karten, Geschenke.

Doch nach seiner Rückkehr aus China wurde das Treffen erneut immer wieder verschoben und abgesagt. Jetzt wurde Victoria misstrauisch. Sie bediente sich desselben Mediums, das ihr diesen Traumtypen beschert hatte, um mehr Informationen über ihn zu finden: Google, Bildersuche, Rückverfolgung von Kontakten. Kais Selfie im Badezimmer brachte einen ersten Beweis: Wenn er in Münster war, wieso hatte sein Bad dann amerikanische Steckdosen?! Seine Antwort kam in Sekundenbruchteilen: Die habe er sich aus den USA mitgebracht und selbst eingebaut.



Längst war Victorias Verliebtheit einer tiefen Skepsis gewichen, aber sie spielte das böse Spiel noch zehn Monate lang mit, um weitere Informationen zu erhalten. Sie fand heraus, wer die Person auf Kais Fotos tatsächlich war und dass seine angeblichen Freunde bei Facebook sämtlich Fake-Accounts waren. Ein Journalist der Zeitschrift Neon, mit dem sie Kontakt aufgenommen hatte, reiste schließlich in die USA, um Kai dort persönlich zu treffen und mit den Erkenntnissen zu konfrontieren.

Was er herausfand, macht fassungslos – und lässt sich in Victoria Schwartz‘ Buch nachlesen. Aber nicht nur das, denn hier gibt die Kommunikationsdesignerin auch Ratschläge für Betroffene. Nach ihren schmerzlichen Erfahrungen war sie, anders als die meisten, offensiv damit umgegangen und hatte einen Blog eingerichtet. Sie hatte nicht geahnt, wie viele Menschen dasselbe erlebt hatten wie sie. Viele davon wendeten sich in ihrer Verzweiflung an Victoria Schwartz und schilderten ihre eigene Geschichte. Inzwischen ist die Hamburgerin inoffizielle Anlaufstelle und investiert ihre Freizeit in die ehrenamtliche Beratung von Betroffenen.



Noch gibt es keine offiziellen Studien über das Phänomen Realfakes, doch die E-Mails, die Schwartz täglich erhält, belegen die erschreckend hohe Anzahl der Fälle. Mindestens 70 Prozent der Opfer, sagt die Autorin, sind weiblich – und übrigens auch 70 Prozent der Täter.

Die nutzen meist eine ebenso perfide wie erfolgreiche Taktik. Sie lassen ihren Zielkontakten nämlich ein ungeahntes Maß an Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen, wie diese es häufig nur aus ihren Tagträumen kennen, und binden sie somit emotional immer enger an sich. Werden die Betroffenen dann „anstrengend“, etwa weil sie auf einem persönlichen Treffen oder einem Videochat bestehen, so ziehen sie sich schlagartig zurück und lassen ihr Opfer mit Gewissensbissen zurück: Was habe ich falsch gemacht? Warum meldet er sich nicht mehr? Wie konnte ich nur so dumm sein, diesen tollen Mann so unter Druck zu setzen? Beim nächsten Mal – und das gibt es immer, denn natürlich kommen die Kais irgendwann zurück – sind sie dann vorsichtiger, stellen keine Forderungen mehr, geben sich zufrieden (und immer mehr von sich preis).



Sie sei auch vielen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, erzählt Victoria Schwartz im Gespräch mit Radio-Eins-Moderator Sven Oswald. Man habe sie beschimpft und ihr die Schuld gegeben. Wenn man sie persönlich erlebt, scheint das abwegig: Sie ist offensichtlich alles andere als ein naives Dummchen mit spätpubertären Träumen von der großen Liebe, sie steht mit beiden Beinen im Leben, kennt sich aus, kann argumentieren und hat Humor. Das macht die Sache nicht besser: Es kann offenbar jeden treffen …


Victoria Schwartz: Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde. Das Phänomen Realfakes, Blanvalet, 319 Seiten, 12,99 Euro.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Philipp Tingler: Schöne Seelen


Das ist die Handlung bis Seite 50: eine Frau stirbt und wird beerdigt.

Allerdings wurden bis hierhin 32 (!) Personen eingeführt und zahlreiche weitere namentlich erwähnt. Wer trotzdem weiterlesen möchte, braucht gute Nerven, denn auch wenn Tinglers Roman durchaus seine Qualitäten hat, so liegen sie doch eher im Verborgenen.

Sie blitzen durch in witzigen Dialogen: „Du weißt, was passiert, wenn man Dinge systematisch unterdrückt und verdrängt …“ – „Ja. Sie verschwinden.“

Sie schimmern aus gelegentlichen Bonmots hervor: „Ich weiß, dass sie mich auf ihre Art liebt. Aber ihre Art passt mir irgendwie nicht.“

Und ab und zu verbergen sie sich auch in Sätzen mit erstaunlichem Tiefgang: „Denn nicht das Glück ist der Sinn der Liebe oder des Lebens überhaupt, das denken nur die Glücksdeppen oder höchstens noch die Gesundheitsapostel, denen jeder Bezug zur Transzendenz verlustig gegangen und für die deshalb das Leben selbst das höchste Gut ist.“

Doch das sind vereinzelte Perlen in einem Ozean voller Miesmuscheln. Denn leider ist Tinglers Witz – ganz unverkennbar orientiert am unerreichten Esprit eines Oscar Wilde – in den meisten Fällen bemüht, die Ironie viel zu dick aufgetragen. Tinglers Sprache, mal salopp, mal von nahezu kleistscher Geschraubtheit, wird selten dem Gegenstand gerecht.

Lassen wir die Handlung am besten außen vor, denn es gibt ja kaum eine. Die originelle Grundidee des Romans – ein Mann macht anstelle seines besten Freundes eine Therapie, damit dieser mehr Zeit für sein Hobby hat – gäbe viel mehr her, als dieser Roman bietet. Denn abgesehen von einer slapstickartigen Verwicklung und einigen mäßig lustigen Dialogen zwischen dem Protagonisten und dem Psychologen verpufft sie wirkungslos.

In erster Linie geht es Tingler um Gesellschaftskritik, und zu diesem Zweck nimmt er die obersten Tausend der Stadt Zürich aufs Korn: ihren Müßiggang, ihre Intrigen, ihre Luxusproblemchen zwischen Facelifting und Erbschleicherei, ihre geistige und emotionale Beschränktheit im Kontrast zu ihren ziemlich unbeschränkten finanziellen Verhältnissen. Fraglich ist, ob wir dafür wirklich alle tausend namentlich und mitsamt ihren hässlichsten Eigenheiten persönlich kennenlernen müssen, denn die meisten Nebenfiguren haben keine erkennbare Funktion.  


Man kann sich Schöne Seelen, reduziert auf vielleicht sieben handelnde Personen, ganz gut als Boulevard-Komödie vorstellen, einschließlich der zu erwartenden Lacher bei platten Gags und ulkigen Grimassen der Schauspieler. Das hätte im Vergleich zum Roman darüber hinaus den entscheidenden Vorteil, dass die betäubende Menge an Orthografiefehlern und die recht lieblose Aufmachung des Buches nicht so stören würden.