Montag, 21. März 2016

"Ich muss gar nichts mehr!" Alice Gabathuler auf der Leipziger Buchmesse

Die Schweizer Autorin Alice Gabathuler hat sich durch ihre realitätsnahen Jugend-Thriller einen Namen gemacht, in denen sie aktuelle Themen wie Cybermobbing, Computerspiele oder Extremsport aufgreift. Am 14. März ist ihr Roman Ich, Onkel Mike und Plan A erschienen, der erstmals eine jüngere Zielgruppe anspricht, nämlich die der 10- bis 14-Jährigen.

Der Ich-Erzähler Leon fühlt sich von seinen Eltern nicht ernst genommen. Als er anstelle des geplanten Männer-Campingurlaubs mit seinem Vater Urlaub in einem Kinderhotel machen soll, ist das Maß voll: Leon haut ab. Und zwar zu seinem coolen Onkel Mike, einem Gangsterrapper, der sich in ein abgelegenes Gebirgskaff zurückgezogen hat, um an seinem neuen Album zu arbeiten.

Bei näherer Betrachtung beginnt Mikes Coolness allerdings rasch zu bröckeln. Er entpuppt sich als versoffener Loser in einer massiven kreativen Krise. Das erhoffte männliche Rollenvorbild ist er definitiv nicht. Stattdessen muss Leon die Dinge in die Hand nehmen – und er ist es schließlich auch, der seinem Onkel klarmacht, warum ein Leben ganz ohne Frauen doch nicht so erstrebenswert ist wie vermutet.

  


Alice Gabathuler war nur für eine kurze Stippvisite in Leipzig und hatte auf der Buchmesse eine gut besuchte Lesung aus ihrem neuen Roman, die von den überwiegend jugendlichen Zuhörern mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt und mit großem Applaus belohnt wurde.

Bei Käsekuchen und Kaffee nahm sie sich anschließend die Zeit, mir einiges über ihre aktuellen und zukünftigen Projekte zu erzählen.

Auslöser für ihren Ausflug in die Welt der Kinderliteratur sei eine Anfrage des Schweizer Radiosenders SRF I gewesen, erzählt Alice. Ob sie sich vorstellen könne, eine Krimiserie für 6- bis 9-Jährige zu schreiben? Zunächst wollte sie ablehnen – das war überhaupt nicht ihre Zielgruppe. Dann ließ sie sich überreden, unter der Voraussetzung, dass sie es zunächst mal ausprobieren dürfe und man ihr ganz offen sage, wenn es den Ansprüchen nicht genüge.

Ihre Texte kamen gut an und werden regelmäßig in sechsminütigen Folgen ausgestrahlt. Für Alice die etwas überraschende Bestätigung, dass sie auch für Kinder schreiben kann. Dieser Erfolg ermutigte sie dann, die Idee zu Ich, Onkel Mike und Plan A auszuarbeiten, die sie schon längere Zeit im Kopf gehabt hatte. Weil sie bei ihrem Hausverlag Thienemann als Jugendbuchautorin einigermaßen festgelegt ist, schlug ihre Agentin vor, das Manuskript auch anderen Verlagen anzubieten, und so erschien Alices erstes Kinderbuch bei ars edition.




Das liebevoll und aufwendig gestaltete Buch enthält auch einen VR-Code, mit dem man einen Song downloaden kann – den Soundtrack des Romans sozusagen. Praktisch jedes ihrer Bücher habe seine eigene Musik, sagt Alice, meist ein bis zwei Songs, die sie während des Schreibens immer wieder gehört hat. In diesem Fall wurde er von einem befreundeten Musiker sogar eigens für ihren neuen Roman komponiert und aufgenommen.

Noch ein weiterer Punkt war Alice wichtig beim Schreiben ihres Romans: Der Schauplatz sollte bewusst nicht einem bestimmten Land zugeordnet werden. Jenes abgelegene Gebirgsdorf, in das Onkel Mike sich zurückgezogen hat, könnte ebenso gut in der Schweiz wie auch in Deutschland oder in Österreich liegen. Auf eine Nennung der Währung beispielsweise wird bewusst verzichtet. So können sich die jungen Leser in jedem Falle der Handlung möglichst nahe fühlen, egal aus welchem deutschsprachigen Land sie kommen.

Inzwischen ist die Schweizerin auf den Geschmack gekommen, sowohl was das Schreiben für Kinder als auch was die Experimentierfreudigkeit angeht. Eins ihrer aktuellen Projekte ist ein Roman für Jugendliche ab 12, den sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Martin Borlik schreibt: „Er den Jungen, ich das Mädchen.“ Zu zweit am selben Text zu arbeiten ist eine neue Erfahrung für Alice, macht ihr aber viel Freude, besonders beim gemeinschaftlichen Plotten – einer Tätigkeit, der sie sonst nur wenig abgewinnen kann.


In Zukunft möchte sie außerdem zunehmend unabhängig arbeiten, also ohne den Umweg über einen Verlag. Alice Gabathuler schwört auf BoD und die qualitativ hochwertigen Produkte des Dienstleisters, und sie genießt es, vom Titel bis zur Umschlaggestaltung alles allein entscheiden zu können. „Ich muss gar nichts mehr“, sagt sie, und: „So glücklich war ich noch nie.“



Alice Gabathuler: Ich, Onkel Mike und Plan A, ars edition, 12,99 Euro

Donnerstag, 10. März 2016

Robert Galbraith: Die Ernte des Bösen


Als dem Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike ein abgetrenntes Frauenbein in einem Paket zugeschickt wird, fallen ihm auf Anhieb mehrere mögliche Absender ein. Drei davon sind ihm aus seiner Vergangenheit bekannt und in übelster Erinnerung: der ehemalige Soldat und Boxer Donald Laing, den Strike ins Gefängnis gebracht hat, der Vergewaltiger und Kinderschänder Noel Brockbank und der frühere Liebhaber und mutmaßliche Mörder seiner Mutter Jeff Whittaker.

Gemeinsam mit seiner Assistentin Robin Ellacott begibt er sich auf die Spuren der drei Verdächtigen. Sie ausfindig zu machen erfordert bereits große Mühe, denn keiner von ihnen geht einem geregelten Tagesablauf nach, und jeder Einzelne hat gute Gründe, sich im Verborgenen zu halten. Auch sie zu observieren und im Auge zu behalten bringt Robin und Strike mehr als einmal an ihre Grenzen. Und wie sollen sie nachweisen, dass einer von ihnen der Versender des Frauenbeins ist?

Inzwischen wird die Leiche der jungen Kelsey gefunden, der (nicht nur) das Bein abgetrennt wurde. In den nächsten Monaten werden immer wieder junge Frauen bestialisch ermordet, verstümmelt und zerstückelt. Strike steht unter Druck, denn der Täter will sich nicht nur an ihm persönlich rächen, sondern bedroht auch seine Assistentin.

Wie bereits in den beiden vorangegangenen Cormoran-Strike-Romanen von Robert Galbraith lebt auch der Plot von Die Ernte des Bösen zu einem Großteil von der erotischen Spannung zwischen dem Detektiv mit der Beinprothese und der jungen Robin, die mitten in den Hochzeitsvorbereitungen steckt, sich dann aber nach einem bösen Streit von ihrem Verlobten trennt. Weder Cormoran noch Robin sprechen die Gefühle aus, die sie füreinander haben – sie gestehen sie sich nicht einmal selbst ein. Dennoch werden ihre Reaktionen und Entscheidungen nur allzu oft weniger von der Vernunft als vom Wunsch geprägt, dem jeweils anderen zu gefallen.

Für zusätzliche Spannung sorgen die Einschübe aus der Sicht des anonymen Mörders, in denen die Überfälle auf die jungen Frauen und die Gewaltexzesse recht drastisch geschildert werden. So erhält der Leser dem Ermittlerduo gegenüber einen Informationsvorsprung und kann sich in Gedanken selbst an der Jagd nach dem Täter beteiligen.

Ein weiteres recht skurriles Spannungs- und Strukturelement sind die Songtitel und Textauszüge der amerikanischen Hardrock-Band Blue Öyster Cult, die jedes einzelne Kapitel einleiten und auch als Verdachtsmoment eine Rolle spielen.

Ähnlich wie die Verweise auf die Band und ihre Texte sind auch die im Roman erwähnten Orte und Ereignisse alle bewundernswert akribisch recherchiert, von der Baustelle auf der Tottenham Court Road über den Pub in Melrose bis hin zur Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton. Natürlich versteht Robert Galbraith alias Joanne K. Rowling sein/ihr Handwerk und schafft es darüber hinaus, alle Sinne des Lesers mit einzubeziehen: Man riecht das aus der Propanflasche austretende Gas, hört das Knacken, mit dem eine Getränkedose aufgerissen wird, und schmeckt das Rinderfilet, das Cormoran sich in einem überteuerten Edelrestaurant in Mayfair bestellt hat. Das macht die Lektüre zu einem authentischen Erlebnis, das den Leser regelrecht in sich aufsaugt.


Die Ernte des Bösen ist ein intelligent konstruierter, spannender und handwerklich gekonnter Kriminalroman, den ich mit Genuss und Gewinn gelesen habe. 

Robert Galbraith: Die Ernte des Bösen, blanvalet, 661 Seiten

Freitag, 4. März 2016

Thomas Hettche über Pfauen und andere Vögel

„Hessen zeigt Kultur“, so heißt eine Veranstaltungsreihe der Hessischen Landesvertretung in Berlin, bei der in loser Folge hessische Autoren und ihre Werke vorgestellt werden. Mit Thomas Hettche, dem Verfasser des Romans Pfaueninsel, war diesmal ein besonders prominenter Gast eingeladen, der erwartungsgemäß für einen vollen Saal sorgte. Moderiert wurde der Abend charmant, wenn auch gelegentlich etwas stockend von der Literaturkritikerin Verena Auffermann.



Das Thema der Körperlichkeit, so Auffermanns Einstieg in das Gespräch, ziehe sich als roter Faden durch Hettches Gesamtwerk. Auch in Pfaueninsel spielt der Körper mit seinen Versprechungen, Bedürfnissen und Schwächen eine zentrale Rolle. Schließlich ist die Protagonistin Marie eine Kleinwüchsige. Sie unterscheidet sich also (nicht nur körperlich) von ihrem gesamten höfischen Umfeld und stößt im Verlaufe ihrer wechselvollen Biografie oft an ihre Grenzen.

Ungewöhnlich für Hettches Oeuvre ist dagegen das Genre des historischen Romans. Darauf sei seine Wahl nur gefallen, weil er so das Motiv und die Geschichte bestmöglich habe vermitteln können, erklärte der 51-Jährige und fügte mit verschmitztem Lächeln hinzu: „Für einen Künstler ist die Gattung so unwichtig wie für einen Vogel der Ornithologe.“

Entstanden ist der Roman aus einer einzigen Szene, die er schon zwanzig Jahre früher geschrieben habe und in der die gealterte Marie im Mittelpunkt stand. Damals verbrachte der Schriftsteller einige Zeit als Stipendiat im Literarischen Colloquium am Wannsee. Von dort ist es nur ein Katzensprung zur Pfaueninsel. Die Figur ließ Hettche keine Ruhe und wurde schließlich zur ambivalenten Heldin des 2014 erschienenen Bestsellers, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Mit der Kleinwüchsigkeit hat Hettche sich intensiv beschäftigt und viel darüber gelesen, vor allem aber auch Gespräche mit Betroffenen geführt: „Es geht nichts über die persönliche Begegnung.“

Eine Vielzahl von Themen hat der in Hessen geborene Autor in die Lebensgeschichte Marie Strakons eingeflochten. Natürlich geht es um Außenseitertum und soziale Akzeptanz, aber auch um die Landschaftsgärtnerei und den Wunsch nach Exotik, um verschmähte, hoffnungslose und unerwiderte Liebe, die, wie der Autor sagt, in direktem Zusammenhang mit dem Schönheitsbegriff zu sehen ist, und immer wieder um das Werden, die Vergänglichkeit und das Bleibende.

Fiktion und Authentizität sind in Hettches Pfaueninsel eine vielgestaltige, facettenreiche Verbindung eingegangen, ohne dass Nahtstellen zu erkennen wären. So ist das Grabmal der Maria Dorothea Strakon bis heute erhalten, und viele der Romanfiguren – von der Königin Luise bis zum Landschaftsgärtner Lenné – sind historische Persönlichkeiten. Doch wer die Pfaueninsel besucht, um die konkreten Schauplätze zu besichtigen, wird vergebens suchen, was nur zum Teil daran liegt, dass sie neuen landwirtschaftlichen Konzepten weichen mussten.
  
Natürlich hat Hettche selbst unzählige Ausflüge zur Pfaueninsel unternommen, meist mit seinen beiden Kindern, und den von Verena Auffermann als misstönend beschriebenen Schrei dieser Tiere findet er gar nicht so unangenehm, sondern eher interessant: „Das klingt so, als käme es aus einem sehr tiefen Raum.“

Zwei Textpassagen stellte der mehrfach ausgezeichnete Autor an diesem Abend vor. Neben dem Anfangskapitel las er auch jene Szene mit Marie und dem Koch, der für sie ein exquisites Menü zubereitet. Diese Begegnung habe er eigens konstruiert, um Marie auch einmal in die Stadt Berlin zu führen, erklärte Hettche augenzwinkernd. Der Detailreichtum, mit dem die Zutaten und Speisen des Liebesmahls geschildert werden, wirkte unvermeidlich appetitanregend, und so kam es wohl den meisten Zuhörern sehr gelegen, dass sie die knurrenden Mägen beim anschließenden Empfang mit hessischen Spezialitäten füllen konnten.


Thomas Hettche: Pfaueninsel, Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 19,90 Euro