Samstag, 2. April 2016

"Mein Volk liebt mich!"

Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel im Renaissance-Theater, Regie: Tina Engel

Drei Diven treffen nach und nach mit ihren Limousinen vor dem Renaissance-Theater ein, erwartet von einem beflissenen, leicht gelangweilten Mann mit Schirm, der sie ins Innere des Hauses und auf die Bühne begleitet.



Es sind die Dikatorengattinnen Margot, Imelda und Leila, und Gottfried fungiert als ihr Dolmetscher. Die Damen haben sich zu einer Pressekonferenz versammelt, denn ihr Leben soll verfilmt werden. Doch bis dahin bleibt noch ein bisschen Zeit – für Selbstdarstellung, für Zickenterror, für Grabenkämpfe und überraschende Koalitionen, für Träume, Realitätsverleugnung und späte Erkenntnis.

Handlung gibt es kaum und Action noch weniger, aber dennoch wird dem Zuschauer nicht eine Minute langweilig. Denn mit jedem Wort, mit jeder Geste enthüllen die drei entthronten First Ladys und ihr traumatisierter Dolmetscher mehr von ihren grotesken Persönlichkeiten.

Margot (herrlich kaltschnäuzig: Corinna Kirchhoff) im schlichten, herben Businesskostüm und mit Big-Size-Lederbeutel weigert sich, nach der Flugreise ihre Armbanduhr umzustellen, und will auch nicht den vorgegebenen Weg zur Bühne zurücklegen: „Ich bin noch nie im Leben von links nach rechts gegangen.“ Sie erinnert sich immer noch voller Begeisterung und Verblendung an die guten alten Zeiten, an Abendeinladungen bei Stalin und an die Fichtendämmerung von Wandlitz. Sie habe immer alles richtig gemacht, beharrt sie unnachgiebig. „Sollen die sich doch bei mir entschuldigen!“




Die sinnenfrohe, schönheitsliebende Imelda dagegen (brillant und bezaubernd: Imogen Kogge) sieht sich nach wie vor im bejubelten Mittelpunkt. „Mein Volk liebt mich!“ Begeistert erzählt sie von blumengeschmückten Bühnen und Makrönchen, von ihren „Schuhen, die Weltgeschichte geschrieben haben“, und dass demnächst eine Oper über ihr Leben aufgeführt werden soll, hält sie für die einzig angemessene Umsetzung. Natürlich konnte sie es nie jedem recht machen, deshalb waren ja auch 500 von ihren 800 BHs schusssicher – das macht zwar fett, kann aber auch das Leben retten, denn: „Zu jedem bedeutenden Leben gehört auch ein Attentat. Die Bedeutung eines Lebens wächst mit seinen Feinden.“

Leila (raffiniert naiv: Judith Rosmair) ist die einzige der drei Damen, deren Mann noch lebt – allerdings muss er sich gerade vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechtfertigen. Unbegreiflich für Leila, die sich mit ganz anderen Problemen herumplagt: „Plötzlich war ich auf allen Tittenblättern. Als ob ich das gewollt hätte!“ Und dabei wirft sie die Haare zurück, schlägt die langen Beine übereinander und klimpert mit dem Goldschmuck an ihrem Handgelenk wie ein beleidigtes Supermodel. Geltungssucht und Weinerlichkeit prägen jedes ihrer Worte, es sei denn, es gibt ein paar Spitzen gegen eine der anderen beiden Damen zu platzieren.

Gottfried (quirlig und ausdrucksstark: Boris Aljinovic) ist mit dem Dolmetschen zwischen diesen schwierigen Parteien leicht überfordert, und das nicht nur, weil er vormittags noch auf einer Fischzüchterkonferenz über Quarantänebecken und Karpfenläuse sprechen musste, sondern auch, weil ihn mit Margot – oder dem, für das sie einmal stand – eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Beinahe erliegt er wieder ihren stählernen Parolen („Es gibt eben Zeiten, da muss man auf eine Kindheit verzichten!“), doch schließlich setzen sich die Verletzungen durch: Was war so falsch an ihm, dass er nie dazugehören durfte, obwohl er doch in der Schule nicht schlechter war als die anderen?

Verständlich also, dass er nicht alles wortgetreu übersetzt, was die drei befehlsgewohnten Damen so sagen, und damit einige vorprogrammierte Konflikte entschärft, andere jedoch erst auslöst. Und wie (wenig) überraschend solidarisch sich die geballte Frauenpower erweist, wenn es darum geht, den servilen, nervösen Übersetzer abzukanzeln und zum Teufel zu jagen!


Die gelegentliche Übersteigerung zum Slapstick, etwa wenn Gottfried in den Kühlschrank gesperrt wird, Leila ihre Leitungswasserphobie in Gebärdensprache erläutert oder Margot die Urne entrissen wird und Erichs Asche auf die Darsteller herabregnet, ist grenzwertig, tut aber dem Vergnügen keinen Abbruch. „Es kommt eine Zeit, da wird mein Mann wieder gebraucht!“, ist Margots unerschütterliche Überzeugung. Bis dahin sollten wir dieses wunderbare Stück von Theresia Walser aber noch genießen!


Freitag, 1. April 2016

Prügelei auf Zottelteppich: Martin Schult auf der Leipziger Buchmesse

Flokati oder mein Sommer mit Schmidt – so heißt der Debütroman des Berliners Martin Schult, der Mitte März bei Ullstein erschienen ist. Aber eigentlich ist der 49-Jährige kein Neuling in der Literaturszene. Immerhin arbeitet er seit über zehn Jahren für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels und betreut die Vergabe des Friedenspreises.

Meine Rezension des Romans findet sich hier. Am Ullstein-Stand auf der Leipziger Buchmesse war ich mit Martin Schult verabredet, um über sein erstes Buch zu sprechen.




Natürlich drängt sich die Frage nach biografischen Bezügen bei einem Coming-of-Age-Roman wie diesem, der 1974 in Frankfurt am Main spielt, geradezu auf, auch wenn ich grundsätzlich nicht zwischen jedem Romanhelden und seinem Schöpfer eine unmittelbare Verbindung wittere. Martin Schult bestätigt diese Vermutung.

Auch er hat in Frankfurt gelebt und bezeichnet 1974 sogar als sein „Goldenes Jahr“. Nach zahlreichen Umzügen mit der Familie fühlte er sich endlich in einer Heimat angekommen, schloss Freundschaften und genoss das Gefühl der Sesshaftigkeit. Zwar war er fünf Jahre jünger als sein Protagonist, der zwölfjährige Paul, aber die zahlreichen zeitgeschichtlichen Details vom David-Cassidy-Starschnitt über Balla-Eis bis hin zu den Ereignissen der Fußball-WM sind authentisch und erkennbar selbst erlebt. Die Letztere hat übrigens auch beim Autor – genau wie bei Paul – das Interesse am Fußball geweckt; zuvor konnten beide diesem Sport nicht viel abgewinnen.


Ausgangspunkt für den Roman war ein Gespräch mit dem Friedenspreis-Träger Péter Esterházy, dem Schult die ebenfalls authentische Prügelei seiner Eltern auf dem Flokati-Teppich schilderte. Bei diesem handfesten Streit ging es tatsächlich um Zettels Traum von Arno Schmidt, jenes Buch, das auch für den Roman eine maßgebliche Rolle spielt. Esterházy fand die Anekdote so charmant, dass er den Börsenvereins-Mitarbeiter ermunterte, sie aufzuschreiben.

Und das tat Schult. Er druckte sie sogar aus und verpasste ihr einen Einband aus Flokati, um sie seiner Frau zu schenken. Das handgefertigte Stück Literatur stand jahrelang im Regal und geriet in Vergessenheit. Erst als es Schult bei einer Aufräumaktion auf den Kopf fiel, erinnerte er sich wieder an die Szene von damals, und in ihm erwachte der Wunsch, sie zur Grundlage eines Romans zu machen.  

Auf meine Frage nach der ungewöhnlichen Struktur des Romans – er besteht sowohl aus Briefen als auch aus erzählenden Passagen, die aber ebenfalls in der Ich-Form verfasst sind – erklärt der Autor, dass es in älteren Versionen ursprünglich nur die Letzteren gegeben habe. Später habe er dann noch die Erzählebene der Briefe eingeführt, um den Protagonisten vielschichtiger reflektieren zu lassen.


Bei Romanen mit so viel Zeitkolorit besteht die Gefahr, dass sie ihre Wirkung ausschließlich aufgrund der nostalgischen Erinnerungen entfalten, die sie in ihren Lesern wachrufen. Flokati reicht darüber hinaus, und dass das Manuskript auch seine Lektorin bei Ullstein begeistern konnte, die 1974 noch gar nicht auf der Welt war, hat Schult sowohl gefreut als auch bestätigt.

Nun arbeitet er auch schon an seinem zweiten Projekt: einem Krimi, der in Österreich spielt – sicherlich nicht zufällig in jenem kleinen Ort, in dem er seit acht Jahren regelmäßig mit der Familie Urlaub macht. Und ebenso wenig Zufall dürfte es sein, dass ausgerechnet ein Berliner Polizist mit der Aufklärung des Falles beauftragt wird. Auf diesen Culture Clash darf man sich bereits freuen, und ich verrate exklusiv auf „Schreib, so laut du kannst“ das Geheimnis, dass der Tod der Weinhaus Emmi darin eine Rolle spielt.

Die „Promotion“ für seinen Erstlingsroman hat gerade erst begonnen, aber bei seinen ersten Lesungen hat Schult bereits ein interessantes Konzept entwickelt: Er lässt das Publikum entscheiden, welche Passagen des Romans er vorträgt. Das funktioniert bei Flokati gut, denn das Buch ist sehr anekdotisch aufgebaut und wartet mit allerhand skurrilen Charakteren auf.


Wer sich das in Berlin gern mal ansehen und selbst mitentscheiden möchte, hat dazu die Möglichkeit am Donnerstag, 14. April. Da ist Martin Schult um 19.30 Uhr in der Buchhandlung amNonnendamm zu Gast.



Martin Schult: Flokati oder mein Sommer mit Schmidt



Paul ist fast dreizehn und lebt mit seinen Eltern in Frankfurt am Main. Im Sommer des Jahres 1974 sorgt die Fußball-Weltmeisterschaft überall für Aufregung, aber Paul interessiert sich kaum für Sport, sondern eher für Zettels Traum, jenes Opus magnus von Arno Schmidt, in dem sein Vater mit Vergnügen liest. Einer spontanen Idee folgend hat Paul im Deutschunterricht versprochen, über die Sommerferien eine Zusammenfassung davon zu schreiben – und nun muss er allerhand Tricks und Finten anwenden, um des Buches überhaupt habhaft zu werden, denn es liegt immer ganz oben auf dem Regal. 

Außerdem sorgt er sich um die nette alte Nachbarin Frau Schellack, die ihre Handtasche verloren hat und die er schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hat.

Viele alltägliche kleine Ereignisse bestimmen Pauls Leben, und die sind wirklich amüsant und mit viel zeitgeschichtlicher Detailfreudigkeit erzählt: Die pubertierende ältere Schwester sammelt den Bravo-Starschnitt von David Cassidy, der RAF-Sympathisant Bruder Kolja spricht nur in Kleinschreibung (wegen der Gleichberechtigung), Onkel Rolf geht allen mit seinen infantilen Scherzen auf die Nerven, und sonntags muss die ganze Familie im Wohnzimmer den Flokati kämmen.

Einige Passagen sind in Form von Briefen erzählt, die Paul aus nicht weiter genannten Gründen ausgerechnet an seine Deutschlehrerin schreibt, und andere werden einfach als Rückblenden wiedergegeben, allerdings ebenfalls vom Ich-Erzähler Paul. Es gibt eine Reihe von wirklich originellen, amüsanten und unterhaltsamen Szenen, die den bundesdeutschen Alltag der siebziger Jahre gelungen aufs Korn nehmen.

Was mir beim Lesen gelegentlich fehlte, war jedoch der Spannungsbogen, jener wirklich massive Konflikt, der die Geschichte trägt und vorantreibt. Denn weder Pauls Verlangen, das Buch von Arno Schmidt zu lesen, noch seine Schuldgefühle in Bezug auf Frau Schellack sind bis ins Letzte nachvollziehbar. Besonders die Angst des Zwölfjährigen, wegen eines vermeintlichen Verbrechens ins Gefängnis zu müssen, wirkt angesichts seiner ansonsten durchaus altersgerechten geistigen Entwicklung etwas aufgesetzt.


Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt ist eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die in den Siebzigern jung waren. Sie werden sich in vielen Details wiederfinden und über manches schmunzeln, weil sie es so oder ähnlich erlebt haben. Die eingebettete Coming-of-Age-Geschichte kommt dabei stellenweise etwas zu kurz, hinterlässt aber gleichwohl ihre Spuren und bringt uns Paul und seine skurrile Welt näher.

Martin Schult: Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt, Ullstein Verlag, 224 S., 18 Euro