Donnerstag, 26. Mai 2016

Adam, Eva und WhatsApp - Berliner Opernpreis 2016

Der Berliner Opernpreis, ausgelobt von der Neuköllner Oper und unterstützt vom Energieunternehmen GASAG, hat die Zielsetzung, junges Musiktheater zu fördern, und stand in diesem Jahr unter der Prämisse „Game over # Go on“ – einer Aufgabenstellung, die viel gestalterischen Freiraum lässt.

Tatsächlich sind die beiden preisgekrönten Beiträge so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann, haben das Thema jedoch gleichermaßen gekonnt umgesetzt. Im Rahmen der Preisverleihung wurden „Post-Nuclear Love“ des deutsch-israelischen Teams Halpern/Bungardten/Kerschkewicz und „Wesendonck-Lieder heute“ des niederländischen Künstlerkollektivs Het Geluid uraufgeführt.


Das Jüdische Museum bot in seinem Glashof genügend Platz für die rund 700 Gäste. Wer den gründlichen Sicherheitscheck im Eingangsbereich bestanden hatte, wurde schon vor der Veranstaltung mit Sekt und Sushi-Häppchen belohnt.




„Post Nuclear Love“ wird von den Künstlern recht treffend als „apokalyptische Musikkomödie“ bezeichnet. Dargestellt ist eine postatomare Dystopie, in der Adam und Eva, zwei Retortenmenschen, den Fortbestand der ausgelöschten Art sichern sollen. Fünfzehn Jahre wurden sie getrennt voneinander mit Daten, Wissen und Eiern gefüttert, nun führen die Android-Wissenschaftler sie erstmals zusammen.


Die Story ist womöglich ein bisschen dünn, die Umsetzung dafür umso gelungener. Drei Cyborg-Hilfswissenschaftler in henkelbewehrten Silberanzügen kommentieren das Geschehen mit großartigen Singstimmen ähnlich wie ein klassischer griechischer Chor, ihr Chef fungiert als Moderator, Erzähler und Leiter des Experiments, die beiden Retortenkinder in ihren sterilen Kachelräumen steuern mit ebenfalls wunderbaren Stimmen musikalische Akzente bei. 


Es kommen Videoprojektionen, Beatboxing und ein flimmernder Fernsehbildschirm zum Einsatz, witzige Details in Text, Handlung und Requisite sorgen für Lacher im Publikum: postmoderne Unterhaltung mit apokalyptischem Charme.

Besonders hervorzuheben sind die Leistungen der Kostümbildnerin Felina Levits, für deren Fantasie die Fotos sprechen, und die des Schauspielers Alexander Merbeth, dem speziell in der Schlussszene mit minimaler Mimik maximaler Ausdruck gelungen ist. 






Selten habe ich in einem Blick, einem Senken des Kopfes so viel Verwirrung, Schmerz und tapfer ertragene Enttäuschung gesehen. Tiefe Verbeugung vor dieser Leistung!







Die „Wesendonck-Lieder heute“ hatten es vielleicht ein bisschen schwer nach diesem Einstieg, denn ihr künstlerischer Ansatz ist ein ganz anderer und vor allem ein minimalistischer. 


Eine junge Frau mit Smartphone steht da auf der Bühne, ganz verloren, und sie beginnt zu erzählen. Sie erwähnt eine Beerdigung, kommt auf ihre Kindheit zu sprechen, auf das Computerspiel, das sie damals so liebte. 

Und dann erzählt sie von der Begegnung mit ihm, der dieses Spiel ebenfalls mochte, und von ihrem weltumspannenden Chatverlauf: Er in Tokio, sie in Rotterdam, er mit seinen Freunden unterwegs, sie auf dem Weg zu einem Meeting, und doch sind sie immer zu zweit, teilen das Leben des anderen, schreiben zärtliche Gute-Nacht-Grüße, vertrauen einander Ängste, Träume und Wünsche an.

Seine letzte Nachricht: Er wolle in den Bergen klettern gehen.

Sie bleibt allein zurück, das Handy schweigt, das Echo ist verhallt, der Bildschirm bleibt leer, die Liebe unerfüllt, sie sendet Nachrichten, die nie durch ein blaues Häkchen als gelesen markiert werden. 

Ihr Schmerz ist spürbar, gerade weil sie ihn so unpathetisch erzählt, mit dieser sympathischen, fast ein bisschen naiven Offenheit. Der Sarg: bunte Blumen im Eisblock, das mitten in der Blüte Erstarrte, ewige Schönheit ohne Leben, ohne Bewegung, ohne Resonanz, ohne Zukunft. 


Die junge Frau liest aus ihrem Chatverlauf vor, die zeitgenössische Variante der Trauerrede.  

Das alles wird begleitet von herzzerreißend traurigem Gesang mit Klavierbegleitung, doch die Musiker interagieren nicht mit der jungen Trauernden, sie sind die anderen, haben vielleicht eigene Verluste zu beklagen, leiden unter eigenem Kummer. Sie spenden keinen Trost, sondern sie spiegeln und akzentuieren den Schmerz.

Eine Aufführung mit sehr viel Tiefgang, die frei ist von Kitsch und Sentimentalität und gerade deshalb unter die Haut geht. Bewundernswert vor allem die Leistung der holländischen Schauspielerin Laila Claessen, die dieser trauernden jungen Frau so viel Authentizität verleiht – und das mit einem komplexen, sehr umfangreichen Text in einer Fremdsprache.

Die fünfköpfige Jury des Berliner Opernpreises brauchte nicht sehr lange für die Beratung und trat schließlich mit der absehbaren Entscheidung auf die Bühne: erster Preis und 4.000 Euro für „Post Nuclear Love“, zweiter Preis und 2.500 Euro für „Wesendonck-Lieder heute“.


Beiden Künstlergruppen kann man nur den verdienten Erfolg wünschen, sie haben großartige Leistungen erbracht und den Abend hochgradig professionell und beeindruckend gestaltet.




Beim anschließenden Büfett im „Garten der Diaspora“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es bei experimentellen Köstlichkeiten wie schwarz gefärbter Polenta oder Gemüse im Tempura-Teig jedenfalls genügend Gesprächsstoff.







  

Dienstag, 24. Mai 2016

Jobst Mahrenholz: Haus aus Kupfer


Dieser Roman entführt den Leser nach Italien, an den Wohnsitz einer wohlhabenden Familie, die durch den Handel mit Kupfer zu Macht und Reichtum gekommen ist. Zur Beerdigung des alten Lu, der bisher die Zügel fest in der Hand gehalten hatte, reisen alle Pedettis an – nicht nur, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, sondern auch, weil es die Pfründe neu zu verteilen gilt.

Für den 17-jährigen Giacomo ist der Verlust seines Vaterersatzes bitterer als für die meisten anderen Verwandten. Doch er wird von seiner Trauer abgelenkt, als seine Cousine und liebste Spielgefährtin aus Kindertagen Felia mit ihren Eltern eintrifft – nun allerdings als Felice und mit eindeutig männlichem Erscheinungsbild.

Felices neue Identität sorgt innerhalb der Familie Pedetti für mehr Aufruhr als der Tod des greisen Oberhauptes. Es scheint, als sei Giacomo der Einzige, der sich für Felice einsetzt und ihn verteidigt. Durch geschicktes Taktieren und das Ausspielen der machthungrigen Erben gegeneinander gelingt es ihm schließlich, Felices Position innerhalb der Dynastie zu stärken – und sein Herz zu gewinnen.

Haus aus Kupfer erzählt abwechselnd aus Giacomos und Felices Perspektive und erzeugt damit eine Identifikation mit beiden Protagonisten. Felices Transidentität und die Widerstände seiner Mitmenschen gegen seine „Verwandlung“ werden eindringlich und nachvollziehbar geschildert. Auch Giacomos Verwirrung ist glaubwürdig dargestellt: Der erklärtermaßen schwule Junge hatte sich schon zu Felice hingezogen gefühlt, als dieser noch im Körper eines Mädchens lebte.

Die Ränke und Intrigen rund um die Erbfolge geben dem Roman seinen Rahmen, doch aufgrund der Vielzahl der Verwandten und ihrer geschlossen negativen Grundhaltung fällt es streckenweise schwer, sie als Individuen wahrzunehmen und auseinanderzuhalten. Die grantige Zita und ihr Schatten Eva bilden da eine angenehme Ausnahme.

Die Erzählperspektive wechselt häufig und in unregelmäßigen Abständen; ein Wechsel wird jeweils durch den Namen desjenigen Protagonisten angekündigt, der im Folgenden berichtet. Da beide Ich-Erzähler im selben Alter sind und auf derselben Seite der Ereignisse stehen, habe ich dabei gelegentlich den Überblick verloren. Auch sprachlich unterscheiden sich die Passagen nicht erkennbar voneinander.

Dennoch liest der Roman sich gut: Der Stil ist flüssig, die Formulierungen frei von abgedroschenen Klischees, es gibt kurze, prägnante Sätze und elegante, verschachtelte Konstruktionen, welche die traditionsbewusste, etwas dekadente Atmosphäre im Stammsitz der italienischen Kupferdynastie gelungen widerspiegeln.

Der Roman gibt einen umfassenden und sehr persönlichen Einblick in die Transidentität. Bei einem derart komplexen Thema kann zwangsläufig nur ein Teil aller damit verbundenen Dilemmata angesprochen werden, doch dies hat Jobst Mahrenholz sensibel, nachvollziehbar und authentisch getan. Felices schwieriger und oft schmerzlicher Weg in sein wahres Ich wird auch diejenigen Leser packen, die sich mit Transgender-Fragen bisher nicht beschäftigt haben, und die zarte, fragile Liebesbeziehung zwischen ihm und Giacomo ist berührend.


Jobst Mahrenholz: Haus aus Kupfer, Dead Soft Verlag, 244 Seiten, 11,99 Euro