Dienstag, 14. Juni 2016

Exklusive Buchpremiere: Sophie Kinsella in der Britischen Botschaft Berlin

Seit Montag ist Sophie Kinsellas neuer Roman Shopaholic & Family um die konsumfreudige Rebecca in Deutschland verfügbar – und noch am selben Abend begann die Deutschland-Tournee der britischen Erfolgsautorin, die sie von Berlin aus noch nach Hamburg und nach Hannover führen wird. 

In den Genuss einer Original-Lesung auf Englisch kamen aber nur die Berliner, und das im stilvollen Rahmen der Britischen Botschaft nahe dem Brandenburger Tor. Kinsellas deutscher Verlag Goldmann hatte zu dieser exklusiven Premiere eingeladen.


Begrüßt wurden die erwartungsfrohen Zuhörerinnen vom britischen Botschafter Sebastian Wood, der sich als Nicht-Kinsella-Leser outete, aber auf seine besser informierte Ehefrau verweisen konnte. Er selbst, so vermutete er zu Recht, gehöre wohl auch nicht unbedingt zu Kinsellas Zielgruppe. Sollte sie aber jemals einen Roman über einen britischen Botschafter in mittleren Jahren schreiben, der sich bei seinen Heimatbesuchen in London heimlich E-Gitarren kauft und sie an seiner besseren Hälfte vorbeischmuggelt in der Hoffnung, dass sie das Wachsen der Sammlung nicht bemerkt – dann werde er dieses Buch ganz sicher lesen.

Die von der NDR-2-Moderatorin Anouk Schollähn moderierte Veranstaltung kombinierte Leseauszüge mit unterhaltsamem Talk zu persönlichen Erfahrungen, Schreibgewohnheiten und Recherchemaßnahmen der britischen Autorin. 

Einen Abschnitt aus ihrem Roman las Kinsella selbst und auf Englisch, die weiteren Passagen übernahm die deutsche Schauspielerin Wolke Hegenbarth mit guter Artikulation und viel Gespür für die unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen der Figuren.



Ehe sie mit den Verkaufszahlen der Shopaholic-Reihe alle Rekorde brach, war Sophie Kinsella schon lange als Autorin tätig – immerhin 20 Veröffentlichungen hat die fünffache Mutter zu verzeichnen −, allerdings unter ihrem richtigen Namen Madeleine Wickham. Erst für die Romane über die Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood, in die viel von ihrer eigenen Persönlichkeit einfloss, wählte sie das Pseudonym – auch um sich gegen negative Kritik zu schützen. Eine überflüssige Maßnahme, wie wir heute wissen.

Shopaholic & Family führt Rebecca, ihre Familie und ihre Freunde in die unechte Glitzerwelt von Las Vegas. Abgesehen von allerhand turbulenten Verwicklungen, der Jagd nach verschwundenen Freunden und Problemen mit der Drogenfahndung wird in diesem Roman natürlich auch viel Atmosphäre transportiert. Für Kinsella besteht der Reiz eines Casinos in erster Linie in seiner Ästhetik – elegant gekleidete Besucher, Kronleuchter, schwere Teppiche und teure Drinks. Das Spielen als solches habe für sie keinen Reiz, erklärte sie.

Jedem neuen Roman geht für sie eine längere Phase des Nachdenkens voraus, was ihr am besten bei Cafébesuchen gelingt. In dieser Zeit plant sie den Plot, legt Anfangs- und Schlussszene fest und entwickelt ihre Charaktere. Erst danach beginnt sie mit dem eigentlichen Schreiben, für das sie keine festen Arbeitszeiten hat. Gute Ideen, sagt Sophie Kinsella, lassen sich eben nicht in Zeitpläne drängen. Wenn ihr mitten in der Nacht etwas Tolles einfällt, dann steht sie auf, klappt den Laptop auf und schreibt – egal wie spät es ist. Und im Rausch des Schreibens kann es auch schon mal passieren, dass sie vergisst, eins ihrer fünf Kinder vom Fußball abzuholen. Zum Glück ist da noch ihr Ehemann Henry, der sie unterstützt und entlastet.


Ich muss gestehen, dass die gelesenen Passagen mich nicht allzu sehr fesseln konnten: viel zu viele Figuren, die ich nicht auseinanderhalten konnte, und eine Handlung, die von einer turbulenten Verwicklung in die nächste geriet. Aber ich kenne auch nicht die vorangegangenen sieben Shopaholic-Romane, und, was vermutlich das noch größere Problem ist: Ich bin ein Mann. Als solcher gehörte ich unter den Zuhörern dieser Veranstaltung zu den exotischen Ausnahmeerscheinungen, muss aber zu unserer Ehrenrettung darauf hinweisen, dass wir uns ausnahmslos sehr wohlerzogen verhalten und keine Fußball-Diskussion vom Zaun gebrochen haben.


Auf die weiblichen Fans dagegen hatte die Veranstaltung ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie mutierten zu Shopaholics, kauften den druckfrischen Roman und standen in einer langen Schlange an, um ihn von der geduldigen, freundlichen und entspannten Autorin signieren zu lassen. 




Auch Wolke Hegenbarth blieb noch für das eine oder andere Foto mit ihren Bewunderinnen und zeigte keine Berührungsängste.




Trotzdem kann ich zum Schluss eine traurige Nachricht für die Damen nicht verschweigen: Zumindest vorläufig ist die Buchreihe mit Shopaholic & Family zu einem Abschluss gekommen. Mrs. Kinsella möchte sich nun auch wieder anderen Projekten zuwenden. Wer könnte es ihr verdenken!




Sonntag, 12. Juni 2016

Wer nicht liest, geht unter – Euro Pride Convention in Berlin, Tag 2



Auch der zweite Tag der Euro Pride Con 2016 bot mehr interessante Diskussionsforen, Workshops und Autorenlesungen, als man wahrnehmen konnte – er war prall gefüllt mit leckeren Häppchen, die teilweise parallel stattfanden und sich im Programmheft alle verlockend anhörten.

Gerade die Lesungen der Autoren hätten mich sehr gereizt, doch fanden sie immer zeitgleich mit Gesprächen über ebenso reizvollen Themen rund um die LGBT-Literatur statt.


Die Diskussionsrunde zum Thema Übersetzungen mit Julia Schwenk, Neus Casas und Feliz Faber (v. l. n. r.) bot Einblicke aus zwei verschiedenen Perspektiven. 



Julia als Inhaberin des Cursed-Verlags wies auf einen eklatanten Mangel an wirklich guten Übersetzern hin. Gerade jene mit einer abgeschlossenen Ausbildung oder einem Studium lieferten häufig die mangelhafteste Arbeit, weil sie viel zu technisch an die Aufgabe herangingen. Spätestens bei Sexszenen versagten die meisten kläglich, denn hier ist besonderes Feingefühl verlangt.

Der Dreamspinner-Verlag dagegen kann mit Neus und Feliz zumindest zwei begabte Übersetzerinnen vorweisen. Während Neus sich ganz offiziell auf ein Stellenangebot beworben hat, verlief Feliz‘ Weg zu diesem (Neben-)Job ein bisschen verschlungener: Sie hatte dem Verlag zunächst selbst verfasste Texte angeboten.  

Einig waren sich alle drei, dass es für einen guten Übersetzer unerlässlich ist, außerordentlich viel zu lesen, und zwar in beiden Sprachen. Denn übersetzen heißt nicht nur, ein Buch in eine andere Sprache zu übertragen, sondern auch die Stimme des Autors sowie die Besonderheiten der Ausgangssprache zu berücksichtigen.



Originell, aber nicht allzu inhaltsschwer gestaltete sich die Frage- und Antwortstunde mit dem amerikanischen Autor Andrew Grey und seinem Ehemann Dominique. Auch hier ging es wieder hauptsächlich um Trivia, reizend, aber nicht unverzichtbar. Immerhin wissen wir nun, dass die beiden seit 20 Jahren glücklich verheiratet sind, Antiquitäten sammeln und sich auch die Arbeit an Andrews Romanen teilen, denn Dominique schreibt sie sozusagen ins Reine.

Für Autoren gilt übrigens, wie Andrew auf die Frage nach seiner eigenen Lektüre erklärte, dasselbe wie für Übersetzer: Wer nicht lese, auch und gerade außerhalb des eigenen Genres, der stagniere und gehe unter. 

Mich persönlich hat der Einblick in Andrews Arbeitsalltag fasziniert. Er beschränkt die Zeit zur Beantwortung von Mails oder für Online-Aktivitäten auf rund anderthalb Stunden am Morgen. Danach schaltet er seinen Internetzugang ab und widmet sich, einem recht festen Zeitplan folgend, ausschließlich dem Schreiben. Beneidenswert – und konsequent!



In der Diskussionsrunde zu Originalität des Schreibens waren L. A. Witt, Meraki P. Lyhne, Monika de Giorgi und T. J. Masters (v. l. n. r.) überwiegend auf Fragen des Publikums angewiesen, denn zum Einstieg in das Thema konnten sie keine allzu neuen Erkenntnisse vermitteln: dass Originalität vom Genre abhänge und sich auf Figur, Setting oder Szene beziehen könne; dass man sich beim Schreiben keine Beschränkungen von außen auferlegen lassen darf; dass oft jahrelange Recherche notwendig ist, um tief genug in ein Thema einzutauchen oder dass der unbedingte Wille, für den Markt zu schreiben, in aller Regel zu schlechten Büchern führe.

Eine Leserin hielt dagegen, dass nicht jeder Text zwangsläufig originell sein müsse. Manchmal wolle man doch auch einfach nur unterhalten werden und sich womöglich gar nicht auf Experimente einlassen.

Wie gehen die vier Autor(inn)en denn nun vor, um Originalität in ihre Romane zu bringen? L. A. Witt macht ihren Figuren gerne das Leben zur Hölle, um die Story in Gang zu setzen, Meraki beobachtet Menschen auf Bahnhöfen und schreibt Kurzgeschichten mit ihren Figuren, um sich ihnen zu nähern, Monika verwertet scheinbar nebensächliche Alltagseindrücke, und T. J.s Figuren basieren oft auf Menschen, die er persönlich kennt. 

Sehr viele Details aus dem Autorenleben, die in dieser Fülle vielleicht nicht mehr aufgenommen werden konnten – darauf deutete zumindest ein Blick ins Publikum hin, das zu dieser fortgeschrittenen Stunde ganz überwiegend mit Laptops oder Handys beschäftigt war.



Zur Abschlussveranstaltung kamen dennoch fast alle noch einmal zusammen, was ich ebenso erfreulich wie überraschend fand; immerhin haben viele eine sehr weite Heimreise vor sich. Vielleicht war die angekündigte Verlosung der Grund dafür, aber zuvor war eine fleißige und engagierte Beteiligung bei der Evaluation zu verzeichnen.

Kritikpunkte waren in erster Linie solche, die ich uneingeschränkt teile: fehlende Informationen über die Teilnehmer der Diskussionsrunden, keine Kennzeichnung der Schwerpunkte dieser Foren (eher für Autoren oder eher für Leser?) und die mangelhafte Koordination der Vorab-Informationen über die Website.

Mich persönlich hat zudem gestört, dass die von mir im Vorfeld abgegebenen Swag-Bag- und Verlosungsmaterialien des Dead Soft Verlags entweder gar nicht oder erst auf sehr nachdrückliche Bitte ihrem Zweck zugeführt wurden. Die rund 100 Kugelschreiber und der Stapel Flyer sind in nicht nachvollziehbaren Kanälen verschwunden, aber die Umhängetasche und zwei Bücher fanden nach meiner Intervention doch noch ihren Platz auf dem Losgewinner-Tisch.

An dieser Stelle danke ich Simon Rhys Beck und dem Dead Soft Verlag sehr herzlich dafür, mir die Teilnahme an der Euro Pride Con zu ermöglichen!

Es gab verdientes Lob und eine Reihe bemerkenswerter Tipps und Anregungen für die Organisatoren: eine Diskussion mit Lesern, eine mit Bloggern, Namensschilder für die Redner, eine deutlichere Kennzeichnung jener Teilnehmer, die nicht fotografiert werden wollen, und eine Blogliste im Programmheft. Eine spontan durchgeführte Abstimmung ergab, dass eine große Mehrheit der Teilnehmer gerne wieder mit der Gesprächsrunde zum Thema Vielfalt beginnen möchte.  


Unter großem Applaus konnten Dani Elle, Marc Fleischhauer und T. J. Masters verkünden, dass die nächste Euro Pride Con definitiv am 24. und 25. Juni 2017 wieder im Hotel Berlin, Berlin stattfinden wird. 

Save the date! 

Samstag, 11. Juni 2016

Vielfalt als Programm – Euro Pride Convention in Berlin, Tag 1


Die Euro Pride Convention ist eine jährliche Zusammenkunft von Autoren, Lesern und Verlagen mit dem Themenschwerpunkt LGBT – also lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender-Literatur. Zwei weit verbreitete Missverständnisse möchte ich dabei gleich von vornherein ausräumen: Erstens ist dies alles andere als ein Nischengenre, und zweitens sind rund 80 Prozent der Leser ebenso wie der Autoren weiblich (und heterosexuell).

Die Convention fand in diesem Jahr erstmals in Berlin statt – genauer gesagt in Berlin, Berlin, einem 700-Zimmer-Hotel am Lützowplatz mit freundlicher, lichtdurchfluteter Architektur. 





Die Teilnehmerliste war bunt und international, nur knapp die Hälfte kam aus Deutschland. Viele waren aus den USA angereist, andere aus Holland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Skandinavien, Österreich und der Schweiz. Daher wurde die Veranstaltung komplett auf Englisch abgehalten.






Jeder wurde vom Organisationsteam Dani Elle, T. J. Masters und Marc Fleischhauer freundlich willkommen geheißen und erhielt ein Regenbogen-Lanyard mit Namenskärtchen.






Pünktlich um 9 Uhr begann nach der offiziellen Begrüßung durch die vier Organisator(inn)en das erste Diskussionsforum zum Thema Vielfalt.



Osiris Brackhaus, L. A.Witt, Matthew J. Metzger und Ana J. Phoenix (v. l. n. r.) bezogen dabei aus ihrer jeweiligen Sicht als Autor(inn)en Stellung und stellten sich den Fragen des Publikums.

Ganz so einfach, wie es das griffige Kürzel LGBT nahelegt, ist die Sache nicht. Immerhin muss man unterscheiden zwischen sexueller Anziehung, romantischer Liebe und dem geschlechtsspezifischen Selbstverständnis, und diese drei Komponenten müssen keineswegs alle unter denselben Oberbegriff fallen. Biologische wie soziale Elemente spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Dass die entsprechende Genre-Literatur dennoch relativ eindeutig etikettiert wird, hat eher praktische Gründe. Leser(innen) sollen ja finden, was Autor(inn)en zu bieten haben. In der Realität jedoch sind die Grenzen fließend.

Besondere Erwähnung, auch in den Fragen des Publikums, fanden die „Gay-for-you“-Romane, in denen der bisher heterosexuelle männliche Protagonist sich unerwartet in einen Mann verliebt. Sie haben derzeit einen großen Marktanteil. 

Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.



M/M Writing war der Titel der zweiten Diskussionsrunde an diesem Tag. Auf dem Podium saßen vier männliche Gay-Romance-Autoren: Andrew Grey, Brad Vance, Christian Baines und T. J. Masters (v. l. n. r.) – sozusagen die Einhörner der schwulen Literatur, deren Klarnamen oft für die Pseudonyme weiblicher Verfasserinnen gehalten werden.

Sowohl Masters als auch Baines gaben unumwunden zu, wie überrascht sie gewesen seien, als das Feedback auf ihre ersten Bücher praktisch ausschließlich von Frauen kam. Auch ihre Kollegen gaben sich nicht der Illusion hin, mit ihren schwulen Plots in erster Linie schwule Männer zu erreichen. Doch die Erwartungen folgen nicht den gendertypischen Klischees, wonach Frauen eher von romantischer Liebe und Männer eher von explizitem Sex lesen wollen. Wichtig sei eine realistische Schilderung, betonte T. J. Masters, also eine gut recherchierte Geschichte, und fügte augenzwinkernd hinzu: „Porn is not research!“



Verlag oder Selfpublishing? Eine auch unter deutschen Autoren heiß diskutierte Frage, deren sich Andrew Grey, Hans M. Hirschi, Jay Northcote und Julia Schwenk (v. l. n. r.) im Folgenden annahmen – wenn auch ohne große Überraschungen. Wir alle wissen schließlich, dass Verlage (im besten Falle) professioneller arbeiten, eine größere Vertriebsreichweite haben und dem Autor zahlreiche Nebentätigkeiten abnehmen, was ihm mehr Zeit zum Schreiben lässt.  

Und wir kennen auch die Argumente der Selfpublisher, die lieber die vollständige Kontrolle über ihr Produkt behalten, Deadlines und Erscheinungstermine selbst bestimmen, Preise flexibel gestalten und mit dem Verkauf ihrer Bücher mehr verdienen wollen. 

Oft genannte Gründe, sich für das Selfpublishing zu entscheiden, sind auch die Furcht vor dem rigiden Auswahlverfahren und einer möglicherweise vom Verlagslektorat geforderten Manuskriptüberarbeitung (insbesondere Kürzungen), wobei ich persönlich beides für wichtige Maßnahmen der Qualitätssicherung halte und glaube, dass Selfpublisher sich durch deren Umgehung und den daraus entstehenden Niveauverlust keinen Gefallen tun.

Dass mehr Kontrolle immer auch mit mehr Verantwortung und Eigeninitiative einhergeht, war den Diskutierenden bewusst. Gänzlich unerwähnt blieben dagegen beispielsweise Honorarvorschüsse, wie sie bei Publikumsverlagen üblich sind, oder – am anderen Ende der Skala – jene Verlage, die tatsächlich dreist genug sind, ihre Autoren für die Veröffentlichung bezahlen zu lassen. Hier hätte ich mir eine stärkere Differenzierung im Hinblick auf die große Bandbreite von Optionen gewünscht.

Einigkeit herrschte im Hinblick auf die notwendige aktive Beteiligung des Schreibenden, sei er nun Verlagsautor oder Selfpublisher. „Nobody is going to sell yourself but you“, brachte es Hirschi auf den Punkt: Ohne Netzwerkarbeit, Fleiß und Ideenreichtum bleiben auch die besten Autoren weitgehend unsichtbar und können sich nicht gegen die aktivere Konkurrenz behaupten.

Welche Veröffentlichungsvariante also nun zu bevorzugen ist, blieb auch diesmal ungeklärt: „It really depends on what makes you happy“, bemerkte Andrew Grey ebenso diplomatisch wie plausibel.



Das letzte Diskussionsforum des Tages rückte die Nebenfiguren in den Mittelpunkt. Andrew Grey, K. C. Wells und L. A. Witt (v. l. n. r.) schilderten, wie sie zu ihren „secondary characters“ gefunden haben, was sie tun, wenn ihre Figuren ein Eigenleben entwickeln, und warum diese gelegentlich später zu Hauptfiguren von neuen Büchern werden. Über weite Strecken glitt dieses Gespräch allerdings in Anekdoten über Haustiere ab und war zu stark an den Romanfiguren und den persönlichen Erfahrungen der drei Schreibenden auf dem Podium orientiert, um von allgemeinem Interesse zu sein.

Die Versorgung ließ an diesem ersten Tag der Euro Pride Convention nichts zu wünschen übrig und war sowohl auf amerikanische Bedürfnisse (Weißbrot-Sandwiches und fettgebackene Donuts) als auch auf kontinentale Essgewohnheiten (frisches Obst, Tee und Kaffee) abgestimmt. 

Das mittägliche Büfett bot eine reichhaltige Salatauswahl, Fleisch, Fisch, Geflügel, Gemüse und verschiedene Beilagen sowie Desserts, und während der ganzen Zeit standen in den Seminarräumen Getränke zur Verfügung.  
Aber eine Frage hat mich den ganzen Tag beschäftigt: Warum nur hat – mit Ausnahme von Hans M. Hirschi während seiner Keynote – niemand von Beamer und Leinwand Gebrauch gemacht? Immerhin wurden alle Veranstaltungen in einem fensterlosen Raum abgehalten, der optisch nur wenig Abwechslung bot. 

Es wäre so leicht und so wirkungsvoll gewesen, auf die leere Fläche hinter dem Podium ein paar Bilder (vielleicht von früheren Euro Pride Conventions) zu projizieren, noch besser: die Namen der jeweiligen Redner, am allerbesten: ihre Namen, die Cover ihrer Bücher und ihre Webadressen.

Sei’s drum – es muss ja fürs nächste Mal noch Steigerungspotenzial geben!


  

Samstag, 4. Juni 2016

Liebe, Verbrechen und Herrschaft

Eine wenig bekannte Novelle des Romantikers E. T. A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi, stand im Mittelpunkt dieser Veranstaltung des Berliner Instituts fürPsychotherapie und Psychoanalyse (BIPP). Den Einstieg ins Thema erleichterte die Aachener Schauspielerin Petra Welteroth, die einige zentrale Passagen der Novelle vortrug – insbesondere jene natürlich, in denen es um den talentierten Goldschmied und Juwelier Cardillac geht.



Dieser Mann ist verantwortlich für eine unheimliche Mordserie im Paris des Jahres 1680, also zur Zeit Ludwigs XIV. Immer wieder tötet und beraubt er Männer, die sich nachts heimlich mit Juwelengeschenken zu ihren Geliebten schleichen. Den von ihm selbst gefertigten Schmuck kann und will er mit niemandem teilen. 

Hoffmanns Forschung nach den Motiven des mordenden Juweliers geht ungewöhnlich tief. Eine pränatale Prägung, hier: ein traumatisches Erlebnis der Mutter Cardillacs während ihrer Schwangerschaft, wird für seine verbrecherische Neigung verantwortlich gemacht. Kein Wunder also, dass die Psychologie noch heute vom Cardillac-Syndrom spricht, wenn es um ein pathologisches Festhalten von Künstlern an ihren Werken geht.




Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Andreas Gehrlach hat die Novelle aus dem Jahr 1819 vor allem auf ihren gesellschaftlichen Kontext hin untersucht. Sie spiegelt, so sagte er, ein Bild der Angst und der überall lauernden Bedrohung. Die Menschen sind verunsichert, sie ergreifen zahlreiche Maßnahmen zu ihrem Schutz, das gegenseitige Misstrauen wächst. Immer neue Polizeieinheiten werden ins Leben gerufen, um der Verbrechensserie Herr zu werden.

In dieser gefahrvollen Situation wächst das Bedürfnis nach Sichtbarkeit, der Wunsch, „das Innerste der Häuser zu erspähen“ – wir erleben also hier erste Entwürfe eines Überwachungsstaates.

Gehrlach berichtete, dass er sich der Hoffmann’schen Novelle zunächst mithilfe von Michel Foucault und seinem Panoptikon zu nähern versucht habe, einem Konzept der totalen Beobachtung von Strafgefangenen, dann habe er auch bei dem französischen Polizeikritiker Jacques Rancière und schließlich in Hannah Arendts Theorie der Feindangstbestimmtheit nach Aufschluss gesucht.

Den entscheidenden Zugang zum Fräulein von Scuderi fand er jedoch bei dem Philosophen Roland Barthes und dessen Bemerkung, in der Literatur gehe es darum, „zu sehen, wie jemand nicht sieht“. Als Leser beobachten wir also, wie die Protagonisten Dinge und Situationen nicht erkennen, die uns klar vor Augen stehen. Dies macht den Reiz der Literatur aus.

Man könne dieses Konzept auch auf die Literaturwissenschaft erweitern, meinte Andreas Gehrlach, denn auch diese bemühe sich ja zu erkennen, was wiederum der Leser nicht sieht, also die Metaebenen des Textes. Und sogar der Psychoanalytiker arbeite nach diesem Prinzip, wenn er sieht, was sein Patient nicht sieht – und vor allem, wie er es nicht sieht.



Es fällt nicht schwer, von dieser „Gesellschaft des verwilderten Blicks“, wie E. T. A. Hoffmann sie in seiner Novelle beschreibt, einen Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Ob nun wirklich „jedes Handy eine Wanze“ ist, wie Gehrlach sagte, lassen wir dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass Facebook, Selfie-Wahn und YouTube-Clips eine größtenteils freiwillige und selbstinduzierte Sichtbarkeit schaffen, die unser soziales Miteinander massiv beeinflusst und verändert.



Die Veranstaltung bot auch noch eine interessante Interpretation aus psychoanalytischer Perspektive durch Bernd Heimerl und eine anschließende Diskussion, bei der Themen wie Objektbeziehung, Narzissmus, Physiognomik, die beiden Verfilmungen des Scuderi-Stoffes und ödipale Strukturen eine Rolle spielten. Erfreulich war, wie viel Interesse das literarische Thema bei den überwiegend psychotherapeutisch orientierten Zuhörern erregte – die Leselust war geweckt!




Mittwoch, 1. Juni 2016

T. R. Richmond: Wer war Alice

Ein ansprechend gestaltetes Cover mit dem Bild eines ertrunkenen Mädchens, das frappierend an David Lynchs Twin Peaks erinnert, und die Platzierung des Buches auf den besten Flächen der großen Buchhandlungen haben mich neugierig gemacht. Wer war Alice? Die Idee, das Leben und die Persönlichkeit eines Menschen aufgrund seiner digitalen Fußspuren zu rekonstruieren, hat ein hohes Potenzial.

Was die Umsetzung angeht, bleibt der Roman allerdings weit hinter den Erwartungen zurück. Denn er scheitert an zahlreichen Details: dem Fehlen eines Protagonisten, sympathischer Figuren und einer Erzählperspektive, den bröckeligen und viel zu kurzen Spannungsbögen, der Zersplitterung in zahlreiche unsortierte Fragmente aus Briefen, E-Mails, SMS, Tweets und Forenbeiträgen sowie nicht zuletzt der mangelhaften Übersetzung und überdurchschnittlich hohen Fehlerquote (die beiden letzteren Punkte vermutlich einem hohen Zeitdruck geschuldet).

Die Frage, ob die junge, aufstrebende Journalistin Alice verunglückt ist, ermordet wurde oder Selbstmord begangen hat, schafft es nicht, das Leserinteresse über diesen ermüdenden Wirrwarr von Textschnipseln und Stellungnahmen hinwegzutragen, denn Alice war eine egoistische, unreife und haarsträubend selbstgerechte Person, die schlechte Reportagen schrieb, zu viel trank und anderen auf die Nerven ging. Auch mir. Als möglichen Täter kann ich mich also nicht ausschließen.

Kaum besser kommen die Personen weg, die in Alice‘ Leben eine Rolle gespielt haben und deren schriftliche Äußerungen hier relativ wahllos zusammengetragen sind. Ihre beste Freundin Meg ist eine männerhassende Egozentrikerin, die von Eifersucht gepeinigt wird, und ihr ehemaliger Uni-Professor Jeremy Cooke ein alternder Jammerlappen mit dominanter Libido, der sich in Briefen an einen längst verstorbenen Freund endlos für seine Unzulänglichkeiten rechtfertigt.

Andere wie Alice‘ Exfreund Luke, ihre Eltern oder Geschwister bleiben einfach nur blass, aber sie alle scheinen ebenso unoriginell und durchschnittlich zu sein wie die tote junge Frau.

Viele schöne Ideen werden hier komplett verschenkt: etwa die „15 minutes of fame“, die manch einer sich zu sichern versuchen mag, der die Tote als Letzter gesehen oder gesprochen hat, die erbitterten Streitereien der Online-Community über die diversen Theorien zu Alice‘ Ableben oder das symptomatische Aneinander-Vorbeireden in digitalen Kommunikationskanälen. All dies wird zwar angedeutet, aber nie literarisch überzeugend genutzt.

Stattdessen dauert es ewig, bis man überhaupt ein bisschen „reinkommt“ in die Geschichte, die wie ein 450-seitiger Coitus interruptus immer wieder neue Anläufe nimmt, aber nie zum Höhepunkt kommt. Die Figuren, kaum hat man sie kennen- und auseinanderzuhalten gelernt, werden plötzlich aus einem anderen Blickwinkel geschildert und in ihr Gegenteil verkehrt, was den Roman aber nicht facettenreicher, sondern einfach nur anstrengend macht.

Die stark fragmentierte Struktur soll sicherlich „unsere schnelllebige Zeit“ (Gott, wie ich diese Floskel hasse) spiegeln, die ja angeblich auch geprägt wird von vielen kurzen Informationsbruchstücken. Allerdings kann ich als Teilnehmer der digitalen Welt wenigstens selbst entscheiden, welche Puzzlestücke ich lesen möchte – und auf die allermeisten in diesem Buch versammelten würde ich dabei verzichten. Alice‘ selbstmitleidige Tagebucheinträge, Jeremys weitschweifige Altmännerbriefe und Megs undifferenzierte Hassattacken gegen männliche Mitmenschen sind öde, vorhersehbar und nur sehr bedingt relevant für die Antwort auf die eponyme Frage.

Deren Auflösung ist übrigens keine Überraschung und psychologisch so ausgefeilt wie ein Jerry-Cotton-Roman. Und der schmalzige Schnörkel, der die letzten Buchseiten füllt (vermutlich weil der Verleger gesagt hat: „Hier muss noch ein bisschen was Versöhnliches rein“), löst dann endgültig das dringende Bedürfnis aus, all diesen nährstoffarmen Fastfood-Kram so schnell wie möglich wieder auszuscheiden und rasch ein GUTES Buch zu lesen.

Who the fuck is Alice?


Who the fuck cares!

T. R. Richmond: Wer war Alice, Goldmann, 448 S., 14,99 Euro