Mittwoch, 27. Juli 2016

Tara Beier & The Silverthorns live @ Junction Bar


Ein Geheimtipp von Freunden war das Konzert von Tara Beier in der Kreuzberger Junction Bar

Schon lange vorher versammelte sich eine wachsende Zahl von Menschen – interessanterweise aus sämtlichen Altersgruppen – auf dem breiten Gehweg der Gneisenaustraße. Der Tag war heiß gewesen, jetzt trieb es viele nach draußen, und zum allgemeinen Aufatmen war es in den Kellerräumen der Bar sogar noch ein bisschen kühler als unter freiem Himmel.

Der junge schottische Singer/Songwriter Martin Kelly eröffnete den Abend mit eigenen Songs an der Akustikgitarre, sympathischem Lächeln und erstaunlich guten Deutschkenntnissen. Der ruhige, oft auch wehmütige Grundton seiner Songs – wie etwa „Far away from home“ – bot eine gute Einstimmung auf das Programm des Headliners. 


Tara Beier lebt in Los Angeles und tritt dort mit ihrer eigenen Band auf. Wegen einer Familienfeier war sie kurz zu Besuch in Berlin, doch ihren Auftritt in der Junction Bar hat sie akribisch vorbereitet. Über das Internet hat sie sozusagen eine deutsche Filiale erschaffen, bestehend aus fünf Musikern, die sie erst wenige Tage vor dem Konzert persönlich kennenlernte. Bis dahin hatten die Jungs allerdings schon Gelegenheit, ihr Songmaterial einzuüben, und überraschenderweise hat diese Methode hervorragend funktioniert.



Nicht nur Taras bemerkenswerte Stimme, sondern auch die musikalische Begleitung durch zwei Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug waren professionell, soundtechnisch hervorragend eingestellt und perfekt geeignet, um dem aufmerksam lauschenden Publikum die Songs des neuen Albums „Heros & The Sage“ zu präsentieren.






Eine ruhige Mischung aus Folk, Pop, Indie und Hippiemusik, dazu nachdenkliche, kritische und emotionale Texte, ergänzt durch verträumte und hypnotische Visuals, die auf eine improvisierte Bettlaken-Leinwand projiziert wurden – kein Wunder, dass Tara Beier & The Silverthorns ein Publikum zwischen 18 und 80 angelockt hatten. 

Und das ließ sie nicht einfach so wieder gehen: Ganz ausdrücklich wurde „Forever Mine“, der folkpoppige Opener ihres neuen Albums, als Zugabe gefordert und auch bereitwillig gegeben.


Sonntag, 24. Juli 2016

Oded Kafri beim Christopher Street Day in Berlin

Lassen wir mal den historisch-politischen Aspekt beiseite: Inzwischen ist der Christopher Street Day in erster Linie ein großes, buntes Straßenfest mit einem karnevalesken Umzug durch die Innenstadt, mit Musik, Imbissständen und Getränkebuden, mit Dixiklos, Sanitäterzelten und jeder Menge Partyvolk. Schwul, lesbisch, trans, hetero oder Tourist – hier kann jeder mitfeiern.



Was auf den ersten Blick an öffentliche Hinrichtungen erinnern mochte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ultimativer Adrenalinkick: Für 50 Euro konnten sich Freunde des Nervenkitzels hier von der Firma Upgrundtief aus 70 Metern Höhe schubsen lassen. 









Und das lief wie geschmiert: Während der eine noch kopfüber am Bungeeseil baumelte, stand der oder die Nächste bereits mit umgeschnallten Gurten am Boden bereit, um in den Fahrkorb zu steigen.









Die gesamte Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor war flankiert von Cocktail-, Würstchen-, Bier- und Partybedarf-Buden. Kein Grund also, hungrig oder durstig zu bleiben, und mehr oder weniger gute Musik wummerte auch aus zahlreichen großen Boxen.



Mein absolutes Highlight inmitten dieses bunten Getümmels war Oded Kafri, ein israelischer Straßenmusiker, der mit recht bescheidenen Mitteln allerfeinste Festival-Stimmung verbreitet. Ein uralter Generator versorgt seine Soundmachine, die schlichte Samples und Loops produziert, und er spielt dazu live die Percussions – und zwar mit allem, auf dem man nur trommeln kann, von der Alu-Trittleiter über Kuhglocken und Heliumflaschen bis zu Ölfässern, wobei er zusätzlich noch ein „richtiges“ Schlagzeug verwendet.




Seine Performance in Worte zu fassen ist schwer, die muss man erleben. Kafri bearbeitet seine Gerätschaften mit einer derartigen Energie, dass man damit die Stromversorgung einer Kleinstadt sicherstellen könnte. Es ist kein Zufall, dass seine Drumsticks auf sämtlichen Fotos trotz kurzer Belichtungszeiten verschwommen sind! 




Die Präzision und Geschwindigkeit seiner Beats ist überwältigend und kann stellenweise nicht mehr getanzt, sondern nur noch gezittert werden.





Es dauerte nicht lange, bis er seine Zuhörer in einen wahren Rausch getrommelt hatte. Stillstehen war praktisch unmöglich, selbst bei den größten Bewegungsverweigerern zogen sich wenigstens die Mundwinkel nach oben. Absolut umwerfend! Ab sofort bin ich Kafri-Fan. Übrigens: im Dezember soll er wieder in Berlin spielen … Ich hab’s mir vorgemerkt!



Mag sein, dass die Künstler auf der Hauptbühne direkt vor dem Brandenburger Tor – hier Culcha Candela – größere Massen mitreißen konnten. Selbst die peinlichen, einstudiert wirkenden Jubelreden der Moderatoren („Ihr seid die Gesellschaft, die wir wollen!“) sorgten ja für Applaus und Freudengeheul. Das sei allen, die vor der Bühne Spaß hatten, sehr herzlich gegönnt. Mein Star des diesjährigen CSD in Berlin bleibt trotzdem Oded Kafri.


Montag, 18. Juli 2016

Antaris Project 2016: Licht und bunte Schatten

375 Tage haben wir darauf gewartet: Antaris 2016! Das schönste Wochenende des Jahres fand wieder am vertrauten Ort statt, dem Otto-Lilienthal-Flugplatz in Stölln bei Rhinow, und wie immer war die Vorfreude kaum noch auszuhalten. Die Neulinge in unserem Team waren skeptisch: "Ich kann aber kein Zelt aufbauen" oder "Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man zu so einer Musik tanzen soll" - lauter Einwände, die sich in der Praxis als unbegründet erweisen sollten.

Kurz vor dem erlösenden Anblick der bunten Flatterfahnen war noch mal die obligatorische Polizeikontrolle fällig. Unser defekter Frontscheinwerfer kostete zwar 10 Euro Strafe, aber schon wenige Minuten später durchschritten wir das Tor zur besten aller Welten.



Nicht kalt, aber windig war es beim Aufbau der Zelte – und bis wir mal kapiert hatten, wo diese eine Stange hingehörte und durch welche Öse der Hering musste, waren ein paar Stunden vergangen. Doch was bedeutet das schon, wenn man bereits angekommen ist? 

Hauptsache, man hat sein Festivalbändchen und kann sich zwischendurch mit einem Baguette stärken, wie man es seit einem Jahr nicht mehr gegessen hat und nirgendwo anders bekommt. 


Gegen Abend sammelten sich auf dem noch stillen Mainfloor immer mehr erwartungsvolle Gäste.



Alle warteten auf die Eröffnungsansprache des Veranstalters Uwe Siebert, der seit 22 Jahren unermüdlich und zuverlässig für unsere Glücksmomente sorgt. In diesem Jahr fiel sie kürzer aus als sonst und wurde wieder der zweiten Generation souffliert.



Wir waren ja auch vor allem zum Tanzen hier. Und dazu bekamen wir anschließend reichlich Gelegenheit.








Mittlerweile war auch die Sonne hervorgekommen, nur um theatralisch in einem pompösen Goldrausch untergehen zu können.


Der Mond war bescheidener, wusste sich aber ebenfalls durchaus fotogen in Szene zu setzen.


Die meiste Aufmerksamkeit erhielten jedoch zu Recht die wie immer umwerfende Deko und die großartigen Lichteffekte.








Nur das im Vorfeld angekündigte komplett frische Wasser-Design haben wir irgendwie nicht gefunden. Oder war es das hier?


Nicht so schlimm, die Rekordhitze des Vorjahres blieb uns ja erspart. Und es gab tatsächlich ein paar zusätzliche Trinkwasserstellen, an denen man sich und seine Lieben zwischendurch mal frischmachen konnte.


Auch bei den Duschen war eine deutliche Verbesserung zu verzeichnen: 42 Einzelkabinen mit meistens warmem Wasser sind ein echtes Geschenk, wenn man tagelang durchtanzt! Lieber Uwe, bitte gönne uns diese Freude auch im nächsten Jahr wieder – dann verzeihen wir dir augenblicklich, dass du sämtliche Hotel- und Pensionszimmer im Umkreis von 30 Kilometern für deine Crew reserviert hast.

Großes Lob auch den diesjährigen Betreibern der Toilettenanlage. Klar, es sind und bleiben Dixiklos, aber man muss ja nicht runtergucken. Immerhin waren beinahe immer Papier und Seife da, und ich weiß nicht, wie ihr das gemacht habt, aber in den Kabinen roch es nicht so, wie man es von Fäkalienbehältern erwarten kann, sondern richtig gut nach Kokos und Vanille! (Oder lag das an der gesunden Verdauung der Festivalbesucher?)

Ein bisschen schade fanden wir, dass die Preise so stark angezogen haben. Nicht nur die der Tickets – daran haben wir uns in all den Jahren ja schon gewöhnt –, sondern auch an den Verkaufs-, Ess- und Getränkeständen. Bei einigen Artikeln war die finanzielle Schmerzgrenze erreicht, in manchen Fällen sogar überschritten. Dann blieb es eben beim Gucken und Anprobieren.



Mein persönlicher Festival-Höhepunkt 2016 war der Auftritt des Stelzendrachen, den ich bereits seit zehn Jahren immer mal wieder über die Antaris geistern sehe. Jedes Mal jagt dieser Anblick mir Schauer über den Rücken – die Faszination des Grusels. Es ist schon unheimlich, wenn das riesige Wesen mit seinen glühenden Augen und den irisierenden Flügeln am Horizont auftaucht, aber man kann einfach nicht weggucken!





Das Besondere diesmal war allerdings, dass wir den Walking-Act-Künstler wenige Stunden zuvor per Zufall persönlich kennengelernt hatten – zunächst ohne zu wissen, dass er der „Bunte Schatten“ ist – und ihn dann durch unermüdliches (aber vermutlich ermüdendes) Bequatschen und einen geheimen Deal davon überzeugen konnten, abends als Drache und nicht wie geplant mit seinem psychedelischen Staubsauger aufzutreten. Ich bin und bleibe dein größter Fan, Motley Glow!

Ab heute beginnt wieder das Zählen der Tage. Jeder davon bringt uns der Antaris 2017 ein bisschen näher. 

Peace & freedom – laugh & dance!





Samstag, 2. Juli 2016

„Ihr müsst euch von morgens bis abends nur anschreien“ – Ule Hansen bei den Berliner Wühlmäusen

Neuntöter ist einer der spannendsten Thriller, die ich in diesem Jahr gelesen habe – die abgründige Ermittlerin Emma Carow, die rituell inszenierten Morde, die sehr authentisch dargestellte Polizeiarbeit, die Echtzeit-Erzählweise und natürlich der wunderbar liebevoll in Szene gesetzte Schauplatz Berlin haben mich gefesselt und fasziniert.

Als ich daher zufällig entdeckte, dass Ule Hansen – aka Astrid Ule und Eric T. Hansen, also die beiden Autoren des Romans – bei den Berliner Wühlmäusen auftreten würden, war meine Freude groß. Übertroffen wurde sie nur von meiner Enttäuschung beim Blick in den Terminkalender. An diesem Samstag war ich nämlich als Dozent in der Autorenschule Schreibhain eingeteilt.

Wenige Tage später schickte Tanja Steinlechner vom Schreibhain eine Rundmail: Wir hätten die Möglichkeit, zu einem vergünstigten Preis an der Lesung von Ule Hansen teilzunehmen, dürften dafür ausnahmsweise vorzeitig vom Unterricht aufbrechen und könnten den Autoren im Anschluss an die Veranstaltung sogar noch einige Frage stellen … Gemeinsam mit sechs Autorenschüler(innen) aus verschiedenen Ausbildungsjahrgängen nahm ich die Chance nur zu gerne wahr.

Bei keiner der nicht mehr zu zählenden Autorenlesungen, die ich besucht habe, wurde ich je mit einem Whisky verwöhnt (es sei denn, ich hatte selbst welchen dabei). Astrid Ule und Eric Hansen jedoch wollten uns mit allen Sinnen an ihrem Schreiballtag teilhaben lassen, und wenn wir ihren Worten glauben dürfen, steht bei ihnen die Bourbon-Flasche unmittelbar neben dem Computer. So prosteten Autoren und Zuhörer einander also als Erstes zu: „Auf den Tod und auf das Leben!“

In den folgenden anderthalb Stunden hörten wir nicht nur mehrere Kapitel aus Neuntöter, sondern erfuhren auch viel über seinen Entstehungsprozess.
Eigentlich wollten die beiden Autoren, die auch jenseits des Schreibtischs ein Paar sind, einen Frauenroman schreiben, doch der kam nie über das erste Kapitel hinaus. Astrid schlug vor, einen Krimi daraus zu machen, wozu Eric erst nach langem innerem Ringen und mehreren Joggingrunden durch den Park bereit war.

Die Handlung wurde dann überwiegend von Emma bestimmt, jener schrägen, beziehungsgestörten Ermittlerin, die in Neuntöter mit der Aufklärung der unheimlichen Mordserie beauftragt wird und deren starke Persönlichkeit alle weiteren Aspekte des Romans beeinflusste.

Wie hat man sich nun die Zusammenarbeit an einem Manuskript konkret vorzustellen? Ganz einfach: „Ihr müsst euch von morgens bis abends nur anschreien“, empfiehlt Eric. Und fügt hinzu: „Die Nachbarn wissen immer, wenn wir ein neues Buch schreiben.“ Denn wenn der eine das neuste Kapitel des anderen überarbeitet, seine liebsten Szenen erbarmungslos wegstreicht und ganz andere Vorstellungen vom Handlungsverlauf hat, führt das zu geräuschvollen Turbulenzen.


Ein Beispiel für so eine Unstimmigkeit lieferten Ule Hansen gleich mit. So konnten sie sich lange Zeit nicht einigen, ob Emmas Vergewaltiger – der Mann, der sie vor Jahren traumatisiert hat und immer noch bedroht – ein Bekannter oder ein Wildfremder sein sollte. Erst ganz am Ende des Schaffensprozesses konnte Astrid sich mit ihrer bevorzugten Variante durchsetzen. Eine spontane Abstimmung des Publikums gab ihr Recht: Ein bekannter Täter verstärkt den Horror. „Wenn man zusammen schreibt, gibt es keine Kompromisse“, erläutert Eric. Das Bessere muss sich durchsetzen.

Das Ehepaar entwickelt viele charmante Theorien, nicht nur über das schlimmstmögliche Vergewaltigungsszenario, sondern auch zu Fragen wie der nach dem wachsenden Publikumsinteresse an Krimis, der optimalen Anmachmethode für Männer oder den Auswirkungen des Satzbaus auf die Tiefgründigkeit der Literatur. Man merkt, dass die beiden gründlich recherchieren und sich intensiv mit ihren Figuren und Plots auseinandersetzen, ohne dabei auf Spaß und Augenzwinkern zu verzichten.

Im Anschluss an die Lesung und das geduldige Signieren ihrer Bücher standen Astrid und Eric – trotz des kurz bevorstehenden EM-Viertelfinale-Anpfiffs – den Schreibhain-Gästen noch Rede und Antwort auf persönliche Fragen und erwiesen sich als Autoren zum Anfassen der allernettesten Art.


Ule Hansen: Neuntöter, Heyne Verlag, 496 Seiten, 16,99 Euro