Donnerstag, 28. Dezember 2017

Smart Storys - Literatur für die Bahnsteigkante




Was machst du, wenn der Zug erst in 17 Minuten kommt, wenn du im Café auf deine Freunde wartest oder vor dem Postschalter in der Schlange stehst? Wie beschäftigst du dich im Wartezimmer deines Hausarztes oder während einer langweiligen Busfahrt?



Lesen ist eine gute Lösung, allerdings hast du nicht immer ein Buch dabei – oder du möchtest dich nicht zwischen Tür und Bahnsteigkante in einen 500-Seiten-Roman vertiefen.



Inzwischen gibt es eine Reihe von Kurzgeschichten-Apps für mobile Endgeräte, die diesem Dilemma abhelfen sollen. Die meisten davon haben allerdings zwei entscheidende Mängel:

  1. Die angebotenen Texte unterliegen keinerlei Qualitätskontrolle, weil jeder seine Hobbyschreibversuche unlektoriert hochladen kann. Sowohl thematisch als auch stilistisch haben sie nur wenig Überraschendes oder gar Anregendes zu bieten. Solltest du Wert auf Orthografie und Zeichensetzung legen, könnten sie deinen Blutdruck in schwindelnde Höhen treiben.
  2. Du weißt nicht im Voraus, wie lange du für das Lesen einer Geschichte brauchst, ob du also bis zum Erreichen deiner Zielhaltestelle mit der Lektüre fertig wirst. Unter Umständen wirst du nie erfahren, ob die schüchterne, wunderschöne junge Frau den gut aussehenden, erfolgreichen Mann kriegt – allerdings ist das im Grunde auch nicht so wichtig (siehe Punkt 1).


Der österreichische Smart Storys Verlag ist jetzt mit einer App an den Markt gegangen, die genau hier ansetzt. Er bietet anspruchsvolle Literatur anstelle von dilettantischer Fanfiction: Die über 700 Texte wurden mit größter Sorgfalt ausgewählt und lektoriert. Sie müssen bestimmte Kriterien wie Kreativität und Originalität erfüllen und dürfen gerne auch kritisch sein oder das Denken herausfordern. Bloße Unterhaltung kann man überall bekommen – Smart Storys will den Horizont der Lesenden erweitern und ihnen einen außergewöhnlichen Blickwinkel eröffnen.



Zur Auswahl stehen Texte von unter 5 oder unter 15 Minuten Lesedauer. Du bestimmst im Vorfeld, wie viel Zeit du aufwenden möchtest, und die App gewährleistet, dass du die Geschichte eine normale Lesegeschwindigkeit vorausgesetzt in diesem Zeitrahmen zu Ende lesen kannst.



Die Texte werden per Zufallsgenerator aufgerufen. Jedes Mal zeigt dir die App eine neue Kurzgeschichte an. So kannst du auf literarische Entdeckungsreise gehen, und zwar beliebig oft. Dir werden Themen und Autor(inn)en präsentiert, denen du sonst vielleicht niemals begegnet wärst, und anstelle vorkonfektionierter Massenware erhältst du eine handverlesene Kollektion sprachlich und inhaltlich anspruchsvoller kleiner Schmuckstücke.

Ständig wird das Angebot um weitere Geschichten erweitert. Die Autor(inn)en haben einen Verlagsvertrag und werden an den Umsätzen beteiligt; sie behalten die Druckrechte. Ein Link unter ihrem Text führt zu ihrer Vita und/oder auf ihre Website, sie können also durch die Kurzgeschichten auf sich und ihre weitere literarische Arbeit aufmerksam machen.

Die Smart-Storys-App für Smartphone, Tablet oder Laptop, eine Liste der beteiligten Autor(inn)en und Informationen zur Einreichung eigener Texte erhältst du hier: www.smartstorys.at.

Du hast es sicher schon geahnt: Auch ich habe eine Kurzgeschichte zum Literaturangebot von Smart Storys beigesteuert. Sie trägt den Titel Kontrolle.

Überraschenderweise geht es darin allerdings nicht um Schwarzfahrer.



Samstag, 16. Dezember 2017

Literaturporträt: Alice Gabathuler

Foto: Anastasia Kontoulis Delogu
Die Schweizer Autorin Alice Gabathuler ist durch eine Reihe von Jugendbüchern bekannt, in denen sie mit feinem psychologischen Gespür brandaktuelle Themen aufgreift und diese dann in eine spannende (Thriller-)Handlung verpackt. Kein Wunder, dass sie von einer Lesung zur nächsten geradezu weitergereicht wird!

(c) Alice Gabathuler


Seit kurzem ist sie auch als Verlegerin tätig und hat sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt.

Wie sie es schafft, trotzdem noch ständig neue Romane zu schreiben, bleibt ihr Geheimnis - jedenfalls ist erst vor wenigen Monaten "Hundert Lügen" bei Thienemann erschienen.

(c) Alice Gabathuler



Die Buchstaben meines Vornamens stehen für folgende Eigenschaften:


Allzeitneugierig
Lebensfroh
Integer
Chaotisch
Emotional


Diese drei Dinge habe ich gestern gelernt oder erfahren:


  1. Mein Kopf kann definitiv das Wetter vorhersagen (was bei Föhnsturm und Schneefall doppelt weh tut).
  2. Ich bin von wundervollen Menschen umgeben.
  3. Ich habe das mit dem „Vormichherschieben“ immer noch nicht im Griff und werde es wohl auch nie in den Griff bekommen.


Diese drei Dinge zaubern mir zuverlässig ein Lächeln aufs Gesicht:


  1. Schöne Landschaften
  2. Witzige Texte
  3. Der Anblick unserer wunderbar ungenormten Kinder samt Anhang


Hier bin ich am allerliebsten:


Ui, das ist schwierig. Ich habe zwei Lieblingsorte: Schottland und das Val Lumnezia in der Schweiz. Ich häng dann mal ein Schottlandfoto an. Isle of Skye, meine Lieblingsinsel und gleichzeitig ein Schauplatz der Reihe Lost Souls Ltd.

(c) Alice Gabathuler


Dafür bin ich dankbar:


  • Meine Familie.
  • All die Jungs und die Mädels, die meine Lesungen besuchen und mir immer wieder klar vor Augen führen, warum und für wen ich schreibe. Sie sind eine riesige Energiequelle!
  • Meinen beiden Kollegen Tom Zai und Stephan Sigg, die mit mir zusammen den da bux Verlag gegründet haben und damit meinen Traum erfüllt haben, in einer Band zu spielen. Wir rocken Bücher, und das so richtig und richtig gerne.


Mein derzeitiges Herzensprojekt ist:


Im Augenblick fließt ganz viel meiner Energie und meines Herzblutes in die Eröffnung einer Galerie mit Schweizer Kinder- und Jugendbüchern im Val Lumnezia in den Schweizer Bergen. Und um Berge geht es auch in meinem Schreib-Herzensprojekt: Ich habe mir für mein nächstes Jugendbuch ein ganz spezielles Thema ausgesucht und freue mich darauf, es zu schreiben. Womit ich sehr elegant einen Weg gefunden habe, meinen zweiten Lieblingsort, das Val Lumnezia ebenfalls mit einem Bild vorstellen zu können.

(c) Alice Gabathuler




Freitag, 1. Dezember 2017

Literaturporträt: Christine Korte


(c) Christine Korte

Mit einem Porträt von Christine Korte beginnt die neue Blogserie Literaturporträts. Die Gymnasiallehrerin lebt in Ostfriesland und ist Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband. Sie schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Abiturreden, Weihnachtsbriefe, WhatsApp-Nachrichten und gelegentlich auch Romane.

(c) Geest-Verlag

Am 20. Oktober ist im Geest-Verlag Christine Kortes erster Roman Tannenzwei erschienen. Die Buchpremiere in ihrer Heimatstadt Aurich war so erfolgreich, dass schon wenig später eine zweite Auflage gedruckt werden musste.


Die Buchstaben meines Vornamens stehen für folgende Eigenschaften:


Charmant 
Humorvoll
Realistisch 
Integer 
Selbstwirksam 
Tapfer
Interessiert 
Natürlich
Eloquent

Diese drei Dinge habe ich gestern gelernt oder erfahren:


1. Es ist total schön, nach einer ermüdenden Grippe-Woche wieder zur Arbeit gehen zu können.
2. Steve Jobs hat bereits nach dem ersten Semester sein Studium geschmissen.
3. Ich muss geduldig sein. Noch geduldiger.

Diese drei Dinge zaubern mir zuverlässig ein Lächeln aufs Gesicht:


  • der Blick meines Hundes Lisca, kurz bevor der Mann im Käsewagen auf dem Auricher Wochenmarkt eine Scheibe Gouda über die Theke wirft
  • Downton Abbey, the one and only Lieblingsserie
  • Abiturentlassungsfeiern

Hier bin ich am allerliebsten:


(c) Christine Korte


zu Hause in Ostfriesland


Dafür bin ich dankbar:


  • das Glück meines Sohnes,
  • am Leben zu sein,
  • dass mein anstrengender Beruf als Lehrerin so viel Glück für mich bedeutet,
  • Kreativität,
  • Käse, Äpfel,
  • Ostfriesland,
  • Freiheit, Demokratie, Recht, Frieden.

Mein derzeitiges Herzensprojekt ist:



ein zweiter Roman




Mittwoch, 29. November 2017

Neue Blogserie: Literaturporträts


In dieser Woche beginnt auf Schreib, so laut du kannst eine neue Blogserie mit Autorenporträts. In loser Folge stelle ich hier Autor(inn)en und andere Literaturschaffende vor.

Die Porträtierten füllen einen Fragebogen aus, der eine gewisse Struktur vorgibt, dabei aber der und dem Einzelnen genügend kreativen Freiraum lässt, um sich so zu präsentieren, wie es ihr oder ihm am besten gerecht wird.

Fotos und Coverabbildungen gehören natürlich mit dazu, wie ihr es von diesem Blog gewohnt seid.

Den Auftakt macht Christine Korte, deren erster Roman Tannenzwei vor wenigen Wochen im Geest Verlag erschien und schon nach kürzester Zeit in die zweite Auflage ging.

Viel Vergnügen mit den Literaturporträts!

Samstag, 9. September 2017

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land

Ein fremdes Land – das ist die Deutschschweiz der fünfziger und sechziger Jahre für viele Leser ganz gewiss, aber dies ist das Land, in dem Alain Claude Sulzer heranwuchs, und in seinem gerade erschienenen Buch Die Jugend ist ein fremdes Land bringt er sie uns in bezaubernden Erinnerungen und Anekdoten ein bisschen näher.



Sein jüngstes Buch ist aus einzelnen kleinen Texten entstanden, die Sulzer im Laufe der Jahre notiert, teils auch bereits in anderen Zusammenhängen veröffentlicht hat. Für eine Autobiografie fehlt ihm die chronologische Strenge, stattdessen erhalten wir durch den subjektiven Blickwinkel des Heranwachsenden ein sehr facettenreiches Bild des Umfelds, das ihn prägte. Familienangehörige und Nachbarn spielen darin eine ebenso wichtige Rolle wie Lehrer oder Geistliche und selbstverständlich das gesprochene und geschriebene Wort in all seinen Erscheinungsformen.

Sulzer beschränkt sich auf die Zeit vor seinem zwanzigsten Lebensjahr, denn wie der Autor einräumte, ist er selbst kein häufiger Leser von Biografien und beginnt sich spätestens dann zu langweilen, wenn der Erzähler diese Altersschwelle überschritten hat.



Die Journalistin Elke Schmitter moderierte die Buchpremiere im Literaturforum im Brecht-Haus und ging mit ihren Fragen noch weiter in die Tiefe. Doch Sulzer verfolgt mit seinen Texten weder das Ziel der Selbstentblößung noch der Analyse oder Erklärung seiner späteren Entwicklung. Stattdessen sind sie kleine literarische Kunstwerke, von musikalischer und präziser Sprache und einer gekonnten Balance zwischen dem Erzählten und dem Ausgesparten.

„Mein Großvater vererbte ihnen [den älteren Söhnen] alles, Max, sein dritter Sohn aus zweiter Ehe, erbte ein paar wertlose Grundstücke, auf denen man Kartoffeln pflanzen konnte“ (Szene auf dem Bauernhof, Seite 13).

Ein generationenüberspannendes Familiendrama, urteilsfrei und lakonisch in einen einzigen Satz verpackt – es gibt viele Passagen in Die Jugend ist ein fremdes Land, die ein mehrmaliges Lesen lohnen, um Sulzers ganze schriftstellerische Virtuosität zu erfassen.

Für Schreibende von besonderem Interesse sind natürlich jene Anekdoten, in denen Alain Claude Sulzer – der seinen Berufswunsch schon mit zehn Jahren klar benennen konnte – sich der Literatur annähert, sei es als kindlicher Leser und angehender Kritiker, sei es als jugendlicher Autor mit der rührenden Selbstüberschätzung eines betrunkenen Siebzehnjährigen.



Für die Moderatorin Elke Schmitter, die genau wie ich in Krefeld geboren wurde, blieben die Erinnerungen an die hermetische Sozialstruktur der Schweiz und ihre verkrusteten Regeln und Konventionen nach eigenem Bekenntnis exotisch. In mir brachten sie allerdings vieles zum Klingen, denn ich habe – wenn auch einige Jahre nach Sulzer – einen Teil meiner Jugend in der Innerschweiz verbracht. Für mich war es damals im wörtlichen Sinne ein fremdes Land; heute stoße ich in Alain Claude Sulzers Buch auf Vertrautes und zum Teil Vergessenes.


Auch ohne diesen besonderen Zugang ist Die Jugend ist ein fremdes Land, erschienen bei Galiani Berlin, eine lohnende Lektüre und ein ebenso amüsanter wie berührender Einblick in den frühen Werdegang eines wichtigen deutschsprachigen Autors der Gegenwart.  

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land, Galiani Berlin 2017, 222 Seiten

Freitag, 11. August 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil IV

Im letzten Teil meiner Blogserie zum Lesen vor Publikum geht es um das Signieren von Büchern, also den krönenden Abschluss einer öffentlichen Lesung. Die meisten von uns haben anderen Autoren schon mal dabei zugesehen – immer mit dieser Mischung aus Neid und Bewunderung – oder sich selbst eine Unterschrift vom Meister persönlich geholt. 

Aber jetzt bist du der Meister, und da kann es nicht schaden, dir ein paar Grundkenntnisse anzueignen!

Wohin mit der Signatur?


Die Diskussions- und Fragerunde zu deinem Buch ist vorüber, der Applaus ist abgeebbt, und dein Blutdruck kehrt allmählich zu einem gesunden Normalwert zurück. 

Im Idealfall sind deine Zuhörer jetzt so begeistert, dass sie dein Buch kaufen und zu Hause komplett lesen wollen. Die meisten Käufer freuen sich besonders über ein vom Autor handsigniertes Exemplar, denn wenn du mal so richtig berühmt bist, können sie es bei eBay zum zehnfachen Preis weiterverkaufen. Oder wenigstens in ihrem Bekanntenkreis damit angeben, dass sie dich schon gekannt und unterstützt haben, als du noch eine ganz kleine Nummer warst.

Aber was zum Henker schreibt man denn nun da rein – und wohin genau?

Die zweite Frage lässt sich etwas leichter beantworten. Normalerweise kommt die Signatur auf das sogenannte Titelblatt, also in den freien Raum unter dem gedruckten Buchtitel. Einige Autoren schreiben auch auf das Vorsatzblatt. Letztlich bleibt das dir überlassen, grundsätzlich gilt aber, dass die Signatur ganz vorne ins Buch gehört und das Cover unangetastet bleiben sollte.

Titelblatt


Vorsatzblatt


Und was schreibt man da so?


Schwieriger ist schon die Frage nach dem Was. Du kannst natürlich lediglich deinen Namen ins Buch schreiben; auch Name, Ort und Datum machen nicht allzu viel Mühe. Je länger die Schlange vor deinem Signiertisch, desto dankbarer bist du für eine zügige Abarbeitung deiner Schreibarbeit. Viele Buchkäufer geben dir auch bereits einen Wunsch an: „Schreiben Sie mal: für Najiyah!“ Hier solltest du unbedingt nach der korrekten Schreibweise des gewünschten Namens fragen, auch wenn es sich nur um eine Katrin, Cathrin oder Kathrin handelt.

Ich wurde auch schon mal gebeten, eins meiner Bücher mit den Worten „Für meine geliebte Mausi von deinem Bärli“ zu signieren, habe dies aber freundlich abgelehnt, da ich ja nicht Bärli bin und Mausi auch nicht unnötig nahetreten wollte.



Unerfahrene Autorinnen und Autoren neigen beim Signieren dazu, noch mal einen weiteren Roman zu verfassen. „Danke, Onkel Michael, dass du mit Ramona und Tante Hildegard zu meiner ersten Lesung gekommen bist. Ich war vorher soooo aufgeregt, aber dank euch hab ich es schließlich doch geschafft. Ihr seid die Besten!“ (Die Kringel anstelle der i-Punkte denkst du dir an dieser Stelle einfach dazu.) Onkel Michael, Ramona und Tante Hildegard werden sich über so eine ausführliche Ansprache sicher freuen, aber hinter ihnen warten noch Mutti, Opa und deine kleine Schwester am Signiertisch – also fass dich lieber etwas kürzer.

Bei Leserinnen und Lesern, die du bereits persönlich kennst (und das werden bei deinen ersten Lesungen die allermeisten sein), ist es schön, ein paar persönliche Worte hinzuzufügen, aber mach es nicht zu kompliziert. „Danke für deine Hilfe“, „Bis bald beim Handballtraining“ und „Für meine liebste Omi“ sind vollkommen ausreichend.


Viel Glück und Erfolg bei all deinen künftigen Lesungen!

Montag, 31. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil III

Im dritten Teil meiner Blogserie über das Lesen eigener Texte wird es konkret: Du erfährst einiges über lebendige Sprache, Geschwindigkeit und die gefürchteten Pannen.


Wer bin ich?

Um einen guten Roman zu schreiben, muss man den Figuren sehr nahe kommen. Man sieht sie genau vor sich, kennt ihre Eigenarten, Tics und Schwächen, ihre Vorlieben und Ängste. 

Zu den Persönlichkeitsmerkmalen eines Menschen gehört auch seine Sprache. Im Roman ist die womöglich nicht so wichtig – es sei denn, eine deiner Figuren stottert, spricht sehr leise oder hat einen ausländischen Akzent –, aber bei einer Lesung gewinnen die Spracheigenheiten an Bedeutung.

Vielleicht hat dein Roman einen Ich-Erzähler. Versetz dich in ihn hinein. Was ist das für ein Mensch? Ist er ein penibler, risikoscheuer Beamter mit einem festen Tagesablauf? Dann spricht er wahrscheinlich eher langsam, monoton und überdeutlich. Ist er ein drogenabhängiger Jugendlicher? Dann könnte seine Sprechweise schnell, verwaschen und emotional sein. Versuch, diese Art des Sprechens bei der Lesung anzudeuten. Bitte nicht übertreiben!

Wenn der Roman aus mehreren Perspektiven erzählt ist, kannst du das mit ganz leichten Varianten der Sprechweise unterstreichen. Das Top-Model näselt ein bisschen und klingt leicht arrogant, die Stimme des alten Mannes ist heiser und tief, die neugierige Nachbarin spricht schrill und laut.

Um herauszufinden, wo das richtige Maß liegt, kannst du dir gute Hörbücher anhören, die von professionellen Schauspielern gesprochen wurden. Da wird nicht mit verstellten Stimmen gearbeitet, sondern lediglich mit Nuancen – und trotzdem weißt du als Zuhörer immer, welche Figur da gerade spricht.

Stöhnen und Stottern

Gutes Vorlesen ist immer auch ein bisschen Performance. Wenn die Figur in deinem Roman „o nein!“ stöhnt, kannst du das auf der Bühne ruhig zelebrieren. Du kannst deinen ganzen Weltüberdruss in diesen Ausruf legen und dabei die Augen verdrehen. Damit verleihst du deinem Vortrag mehr Lebendigkeit. Achte im Alltag bewusst darauf, wie solche kleinen Gesten aussehen, und übe sie zu Hause, ehe du damit an die Öffentlichkeit gehst. Je natürlicher sie wirken, umso besser. Künstlich einstudierte Gefühlsausbrüche sind eher peinlich.

Schwierig wird es, wenn eine deiner Figuren einen Dialekt spricht oder einen Sprachfehler hat. Das ist übrigens auch für geschriebene Texte nicht unbedingt empfehlenswert. Nichts ist mühsamer, als sich durch seitenlange Dialoge in phonetisch transkribiertem Bayerisch quälen zu müssen, vor allem, wenn es schlecht gemacht ist (und das ist es fast immer).

Falls du nicht zufällig selbst sozusagen Betroffener bist, solltest du bei der Lesung auf die Nachahmung eines Dialekts oder eines Sprachfehlers verzichten.

Lebendige Dialoge

„Hören Sie, ich habe sie nicht getötet! Sie kam am Samstag zu mir, um mir ihren neuen Nagellack zu zeigen, ja, das stimmt. Aber sie blieb nur bis zehn, das müssen Sie mir glauben!“

Die Unsitte, Sätze mit „Hören Sie“ zu beginnen, ist sogar in der gehobenen deutschen Literatur mittlerweile sehr verbreitet – und das, obwohl absolut niemand diese Floskel jemals im täglichen Leben verwendet. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine unzulängliche Übersetzung des englischen „listen“, das im angelsächsischen Sprachraum sehr häufig ist, aber keine adäquate deutsche Entsprechung hat. Wenn es gar nicht anders geht, schreib und sag wenigstens „hören Sie mal“.

„Das müssen Sie mir glauben“ ist eine Erfindung von Heftroman-Autoren und ein fürchterliches Klischee, ohne das kein Fernsehkrimi mehr auszukommen scheint. Verzichte darauf! Echte Verbrecher sagen so was nicht, das musst du mir glauben.

Auch dem Imperfekt wirst du kaum jemals auf freier Wildbahn begegnen. In der gesprochenen Sprache benutzen wir fast ausschließlich das Perfekt. Also: „Sie ist am Samstag zu mir gekommen, aber sie ist nur bis zehn geblieben.“

Natürlich ist im Roman eine gewisse Kunstsprache erlaubt. Trotzdem ist es erfrischend und beweist deine literarischen Qualitäten, wenn du deinen Dialogen Authentizität und Lebendigkeit verleihst. Gerade bei Lesungen zahlt sich das aus. Das Publikum wird deinen wirklichkeitsnahen Stil zu schätzen wissen!

Flüche und Kraftausdrücke

Der Ich-Erzähler meines ersten Romans ist ein 17-Jähriger, der in einer Jugendwohngruppe lebt. Nachdem ich meine allererste öffentliche Lesung gehalten hatte, kam eine ältere Dame aus dem Publikum zu mir und sagte: „Ich hab mitgezählt. Sie haben dreizehn Mal Scheiße gesagt.“


Auch wenn ich mich bis heute frage, ob die Dame trotz dieser anspruchsvollen mathematischen Leistung irgendwas vom Inhalt mitbekommen hat, muss ich doch zugeben, dass sie mich nachdenklich gemacht hat. Nein, mehr noch: Sie hatte Recht. Die Sprache, die ich in meinem Romanmanuskript verwendet hatte, war zwar authentisch, aber man kann es eben auch übertreiben. Gerade bei Lesungen ist die Geschmacksgrenze schnell erreicht. Was auf dem Papier vielleicht nur ein leises Stirnrunzeln auslöst, kann in ausgesprochener Form wirklich, äh, zum Kotzen sein.

Überprüf deinen Lesetext auf Flüche und Kraftausdrücke. Wenn es mehr als drei sind, streich die restlichen einfach weg.

Lesegeschwindigkeit und Pausen

Ein wichtiges Thema haben wir noch gar nicht behandelt: die Lesegeschwindigkeit. Praktisch alle Anfänger neigen dazu, ihre Texte herunterzurasseln, als hätten sie anschließend noch einen Termin beim Jobcenter. Das ist durchaus verständlich, denn der unerfahrene Autor fürchtet, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu verlieren, sobald er auch nur die kleinste Pause einlegt. Er hat so viel zu sagen, und er will es ganz rasch loswerden, ehe die Leute wieder davonlaufen! Wann kriegt er schließlich schon mal die Chance, ununterbrochen reden zu dürfen?

Keine Sorge: Die Leute laufen nicht weg. Sie haben sich für deine Lesung Zeit genommen, und auf fünf Minuten mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. Viel wichtiger ist, dass sie ganz genau verstehen, was du ihnen zu sagen hast, und dazu musst du deutlich, laut und vor allem langsam sprechen.

Denk daran: Das Publikum kennt deinen Text noch nicht! Es hört ihn gerade zum ersten Mal und muss die Möglichkeit haben, jeden einzelnen Satz noch mal im Kopf nachhallen zu lassen.

Als Faustregel gilt: Wenn du selbst das Gefühl hast, in Zeitlupe zu lesen, ist es für deine Zuhörer gerade richtig.

Und achte auf kurze Pausen zwischen den Absätzen, im Anschluss an wörtliche Rede und so weiter. Alles, was in einem gedruckten Buch die Typografie übernimmt, musst du den Zuhörern durch deinen Vortrag liefern. Sie haben den Text nicht vor Augen und wissen nicht, an welcher Stelle die Perspektive wechselt oder ein anderer Sprecher auftritt. Hilf ihnen durch Pausen, dich zu verstehen!

Mit Pannen zum Erfolg

Das war eine Menge an Informationen, und vielleicht denkst du jetzt resigniert: Das schaff ich nie. Nur Mut! Es tut nur beim ersten Mal weh. Von Mal zu Mal wirst du besser und routinierter, legst mehr Ausdruck in deine Stimme, beherrschst deinen Text wie ein Schauspieler seine Rolle und kannst das Publikum immer stärker faszinieren.

Vor einem umgekippten Wasserglas, einem kaputten Mikrofon oder einem abgesprungenen Hosenknopf musst du keine Angst haben. Gerade solche kleinen Pannen machen dich menschlich und sympathisch. Sie beweisen den Zuhörern, dass du – obwohl Autor! – letztlich doch mit den gleichen Problemen zu kämpfen hast wie alle anderen auch. Pannen schaffen Verbundenheit und sorgen dafür, dass man sich lange an dich erinnert.

Also, wer weiß – vielleicht baust du sie ganz gezielt in deine Lesungen ein?

Dienstag, 18. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil II

Im zweiten Teil meiner Blogserie zum öffentlichen Lesen eigener Texte geht es um kleine, aber nicht unbedeutende Feinheiten.

Das Feintuning


In jedem Fall wirst du die ausgewählten Buchpassagen für eine Lesung überarbeiten müssen. Geh sie sorgfältig durch und streiche alles, was störend, unwichtig oder verwirrend sein könnte. Bei Dialogen musst du vielleicht gelegentlich ein „sagte er“, „sagte sie“ ergänzen, denn das Publikum kann sich ja nicht anhand der Typografie orientieren. Versetze dich in die Zuhörer hinein, die keinerlei Vorwissen haben, und sorge dafür, dass der von dir vorgelesene Abschnitt auch ganz für sich stehen kann, dabei aber im besten Falle überaus neugierig auf das gesamte Buch macht.

Lies dir die ausgewählten Abschnitte einmal selbst laut vor. Dabei merkst du zum Beispiel, ob du die korrekte Aussprache bestimmter Begriffe noch mal nachschlagen musst, ob Dialoge lebendig klingen und wo du einen Satz umstellen musst, weil er sich dann besser anhört.

Manuskript oder gedrucktes Buch?


Sicher ist es viel einfacher, diese ganzen Arbeiten mit dem PC am Manuskript vorzunehmen. Dann brauchst du zur Lesung nur ein paar ausgedruckte Seiten mitzunehmen. Aber das Lesepublikum hat eine bestimmte Erwartungshaltung, und dazu gehört nun mal, dass der Autor ein Exemplar seines eigenen Buches in den Händen hält! Du machst ihnen damit auch mehr Appetit auf dein Werk.

Ich rate dazu, die Streichungen, Ergänzungen und Änderungen direkt im Buch vorzunehmen und mit kleinen Haftnotizzetteln die Stellen zu markieren, an denen du es aufschlägst. Geh dabei sehr sorgfältig und systematisch vor, damit du während der Lesung nicht hektisch herumblättern musst! Du kannst zum Beispiel mit verschiedenen Farben arbeiten oder die Haftnotizzettel nummerieren, um die ausgewählten Passagen in der richtigen Reihenfolge vorzulesen (die nicht zwangsläufig der im gedruckten Buch entsprechen muss).

Wenn du mehrere Lesungen aus deinem Buch gehalten hast, merkst du an den Publikumsreaktionen, an welchen Stellen du noch etwas ändern solltest. Nach und nach kannst du dein Leseexemplar so zum optimalen Werkzeug perfektionieren. Und irgendwann brauchst du es kaum noch, weil du deinen Text beinahe auswendig aufsagen kannst.

Ich hatte einmal mein überarbeitetes Vorleseexemplar von Klassenziel zu Hause vergessen und musste die Lesung aus einem nagelneuen Buch ohne meine gewohnten Markierungen und Streichungen halten. Zu meiner Überraschung hat das tadellos geklappt, denn ich kannte die Stellen, an denen ich Veränderungen vorgenommen hatte, und sah die handschriftlichen Anmerkungen vor meinem inneren Auge. Nach einer gewissen Zahl von Lesungen aus demselben Buch greift offenbar ein gewisser Automatismus.



Dienstag, 11. Juli 2017

Antaris 2017: Flashback!

Noch keine zwei Wochen ist es her, dass wir uns von der Antaris 2017 in eine andere Dimension katapultieren ließen: in ein schlammig-feuchtes, aber glückliches und friedvolles Anderswo. Nun sind wir alle mehr oder weniger holprig wieder auf dem Planeten Erde gelandet und müssen uns bis zum nächsten Raumflug ein ganzes Jahr lang an unseren Erinnerungen festklammern.

Um euch und uns das zu erleichtern, hatte ich an dieser Stelle bereits letzte Woche meinen Textbeitrag mit Fotos gepostet.

Heute möchte ich euch noch einmal mit auf die Reise nach Antaris nehmen: Katja Kirseck hat ein Video gemacht, das die herrlichsten Flashbacks auslöst, und Astrix hat uns erlaubt, seinen großartigen Deep Jungle Walk als Soundtrack zu verwenden. Beiden ein riesengroßes Dankeschön!



Jordan T. A. Wegberg, Schriftsteller, und Katja Kirseck, Medienproduzentin, sind überzeugte Antarianer. Der eine denkt in Texten, die andere in bewegten Bildern, und gemeinsam sind sie das Literaturlabor Berlin, in dem du deine Texte zu optimieren und dich in bewegten Bildern zu präsentieren lernst.


Wenn dich das neugierig gemacht hat: Am kommenden Sonntag, 16. Juli, hat das Literaturlabor Berlin ab 16 Uhr seine Türen zu einer Info-Veranstaltung geöffnet! Nussbaumallee 26 (bei Nemitz), 14050 Berlin-Westend.

Freitag, 7. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil I

Auf diesem Blog werde ich in den folgenden Wochen ein paar Tipps zum Lesen eigener Texte vor Publikum geben, die ich bei meinen eigenen rund 350 öffentlichen Lesungen in den letzten Jahren zusammengetragen habe. Für viele davon wäre ich in meiner Anfangszeit sehr dankbar gewesen!

Ich hoffe, dass ich dir damit helfen kann, deine ersten Lesungen vor Zuhörern und -schauern lebendig, locker und liebenswert zu gestalten.


Teil I: Die Auswahl der Lesepassagen


Wer einen Roman geschrieben hat, freut sich über die Möglichkeit, sein Buch bei einer öffentlichen Lesung zu präsentieren. Der persönliche Kontakt zum Publikum ermöglicht ein ganz direktes Feedback, und im günstigsten Fall verkaufst du anschließend sogar noch ein paar Buchexemplare.

Damit eine solche Lesung zum Erfolg wird, sind allerdings einige Vorbereitungen erforderlich.


Welche Teile meines Buches soll ich vorlesen?


Die wichtigste Überlegung ist natürlich: Welche Passage(n) meines Buches wähle ich für die Lesung aus? Länger als 45 Minuten sollte das reine Vorlesen keinesfalls dauern, denn sonst erlahmt die Aufmerksamkeit der Zuhörer und schlägt möglicherweise in Ablehnung um, weil sie sich überfordert fühlen.

Wie viel Zeit habe und nutze ich?


Um die Lesezeit zu bestimmen, gibt es eine einfache Methode, die zudem schneller ist als die gute alte Stoppuhr-Variante. Wähle die Passage im Word-Manuskript deines Romans aus, markiere sie und lass Word die Zeichen zählen. Wenn es so um die 45.000 sind (einschließlich Leerzeichen), entspricht dies ungefähr 45 Minuten mündlicher Wiedergabe.

Welche Buchpassagen eignen sich für öffentliche Lesungen?


Der Leseauszug soll entscheidende Schlüsselszenen enthalten, neugierig machen und nicht zu viel vorwegnehmen. Du kannst mehrere kurze Abschnitte auswählen, die du aneinanderreihst, oder eine längere zusammenhängende Passage, die besonders spannend, ausdrucksstark oder für den Roman entscheidend ist. In jedem Fall musst du darauf achten, dass   die wichtigsten Charaktere, aber nicht zu viele Nebenfiguren darin vorkommen,  keine verwirrenden Nebenhandlungen geschildert werden und  im Text enthaltene Hinweise auf Personen oder Sachverhalte entfallen oder erklärt werden.

Bei einem Krimi könntest du zum Beispiel eine Stelle auswählen, in der das Ermittlerteam auf der Fahrt zur Vernehmung eines Verdächtigen allerhand Spekulationen anstellt und dabei die bisherigen Fakten zur Entführung noch mal durchspricht. An dem alten Bauernhof angekommen, sehen sie den mutmaßlichen Täter auf dem Motorrad flüchten. Es gibt eine spektakuläre Verfolgungsjagd, bei der einer der Ermittler leicht verletzt wird. Der Verdächtige kann schließlich gefasst werden und legt ein Teilgeständnis ab – das aber wieder neue Rätsel aufgibt, denn er hat das Lösegeld aus einem Auto geklaut und weiß nicht, wo das Opfer ist.  

Soll ich lieber mehrere Szenen auswählen?


Wenn es in deinem Roman eine solche zusammenhängende Passage nicht gibt, musst du einzelne Stellen auswählen, die möglichst charakteristisch für deine Erzählweise sind und einen guten Überblick über die wichtigsten Personen und Ereignisse liefern. Im Allgemeinen wirst du dabei chronologisch vorgehen. Eventuell musst du bei der Lesung kurze Übergänge schaffen, in denen du frei formulierst, was die Zuhörer an Informationen brauchen, um den Anschluss zu finden.


Gut geeignet zum Vorlesen sind Action-Szenen, Dialoge zwischen nicht mehr als zwei Personen und Passagen, in denen dein Protagonist charakterisiert wird, zum Beispiel durch besonders typische Verhaltensweisen oder durch ein aufschlussreiches Gespräch mit seiner Frau, seinem besten Freund oder einem Tatzeugen.

Dienstag, 4. Juli 2017

Antaris Festival 2017 - unsere Liebe ist stärker!

Romanleser und Kinogänger kennen das: Jede große Liebe wird irgendwann auf eine Belastungsprobe gestellt. Eine dunkle Macht drängt sich zwischen die Liebenden, sät Zweifel, lässt sie hadern. An diesem Punkt muss sich zeigen, ob die Zuneigung tief genug ist, um alle Widerstände zu überwinden.


Letztes Wochenende wurden das 23. Antaris-Festival und wir, sein liebendes Partyvolk, von Stürmen, Dauerregen und Schlamm auf eine solche Probe gestellt, doch wir haben ihm nicht nur die Treue gehalten, sondern auch das ganze Ausmaß unserer Leidenschaft bewiesen.

Was kümmern uns denn nasse Füße und modrige Schlafsäcke, wenn wir dafür tage- und nächtelang frei und glücklich sein, tanzen, lachen und feiern dürfen? Wir bekommen so viel zurück, dass wir auch alles zu geben bereit sind!



Foto: Katja Kirseck

Wer es trotz überfluteter Straßen erst mal bis nach Stölln geschafft, wer stundenlang im Auto vor dem unpassierbaren Eingang des Festivalgeländes gewartet hatte und sein Fahrzeug dann von Kai mit dem Traktor aus dem Schlamm hatte ziehen lassen, wer sein Zelt sturmsicher im nassen Boden verankert und sich ein paar wasserfeste Müllsäcke übergestreift hatte, der hüpfte jubelnd auf den Floor und stampfte, dass die Gummistiefel quietschten.






Alles andere wäre bei diesem Line-up auch abwegig gewesen. Ob Chicago mit den ganz großen 1200-Micrograms-Klassikern, Mad Tribe mit ihren herrlich überdrehten Zappel-DJs oder Electric Universe mit der faszinierenden Laserharfe: für Ohren, Augen und Beine wurde so viel geboten, dass man unmöglich auch noch ans Wetter denken konnte.




Klar, die Bedingungen waren diesmal härter als sonst. Statt nach süßem Räucherwerk roch es nach den unbewirtschafteten, überquellenden Dixiklos, die Händler konnten ihre Waren nur unter festen Planen präsentieren, während kauffreudige Kunden auf sich warten ließen, und auf den rutschigen Wegen ging so mancher Knöchel zu Bruch.

Es gab auch ein paar Vorteile. So war die Polizei in diesem Jahr zum Beispiel ausgesprochen zurückhaltend – jedenfalls vor dem Gelände.


Wer sich im Trockenen bei einem Tee aufwärmen wollte, fand immer ein Plätzchen im großen Zelt.



Und eine schlichte Feuerschale kann zum Mittelpunkt des Glücks werden.


Am Samstagabend gab es sogar ein paar trockene Augenblicke – lang genug für den obligatorischen psychedelischen Sonnenuntergang (dieses Jahr als Limited Edition).


Belastungsproben sind der Messwert für eine Beziehung. Sie lassen die Liebe entweder sterben oder erstarken. Antaris, was auch immer du mit uns machst: Wir lieben dich aus tiefstem Herzen, für immer und ewig!







Montag, 26. Juni 2017

Schreibnomaden und Hausautoren

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen brauchen nichts weiter als einen Laptop und eine Sitzfläche – sie können überall schreiben, sei es in der U7 Richtung Rudow, auf einer Bank am Landwehrkanal oder bei einem Konga Sedie am Rosenthaler Platz.

Ich bewundere und beneide euch. Es ist bestimmt großartig, so frei und ungebunden zu sein. Ihr könnt der Welt zeigen, was für kreative Köpfe ihr seid, und werdet alle paar Tage von Literaturscouts oder Filmproduzenten angesprochen und um eine Log Line gebeten.

So was hätte ich natürlich auch gern. Aber zwei Gründe sind es, die mich zum Schreiben in die Abgeschiedenheit treiben.

  • Was für Hardcore-Gamer selbstverständlich ist – spezielle ergonomische Tastaturen, Mäuse und so weiter, um den Anforderungen mehrstündiger Computersitzungen gewachsen zu sein –, sollten sich auch Schriftsteller gönnen. Immerhin verbringen viele von uns den gesamten Arbeitstag und manchmal noch die halbe Nacht am PC. Da wir alle keine üppige Rente zu erwarten haben, müssen wir Augen, Rücken und Gelenke so lange wie möglich funktionsfähig erhalten. Meine Zukunftsplanung sieht vor, bis zum Jahr 2050 zu arbeiten, um dann vor dem Bildschirm einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen.
  • Der Gedanke, dass mir jemand beim Schreiben über die Schulter schaut und Teile meines unfertigen Manuskripts liest, lässt meine Kreativität schlagartig versiegen. Das ist nicht die Angst vor dem Ideenklau, sondern wohl eher die Furcht vor der Selbstentblößung oder vielleicht auch ein gewisser Kontrollzwang. Wer wann einen Blick in mein Innerstes wirft, das möchte ich doch gerne selbst entscheiden. Und nichts ist intimer als ein im Werden begriffener Roman.


Also ziehe ich zum Schreiben nicht mit meinem Notebook durch die Lande, sondern mich in mein Refugium zurück, das mir den Komfort eines ganz persönlich auf mich abgestimmten Arbeitsplatzes und die Gewissheit des Alleinseins garantiert.

Meist ist das der Schreibtisch in meiner Wohnung, mit direktem Blick auf die Magnetwand, an der die Bilder meiner Romanfiguren hängen: maximale Inspiration.


Manchmal schreibe ich auch im Literaturlabor Berlin, insbesondere wenn ich den Unterricht für eines meiner Seminare vorbereite.


Und an sonnigen Tagen steht mir noch die Open-Air-Variante zur Verfügung, die sich besonders für Übersetzungen, Lektorat und Netzwerkarbeit eignet.


Im ICE nach Frankfurt werde ich mir die Zeit also weiterhin eher mit Lesen als mit kreativer Arbeit vertreiben, aber wie und wo andere Autorinnen und Autoren ihre Bücher entstehen lassen, interessiert mich sehr. Danke an Ricarda Howe für die Anregung zu dieser Schreibzimmer-Blogparade!