Samstag, 9. September 2017

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land

Ein fremdes Land – das ist die Deutschschweiz der fünfziger und sechziger Jahre für viele Leser ganz gewiss, aber dies ist das Land, in dem Alain Claude Sulzer heranwuchs, und in seinem gerade erschienenen Buch Die Jugend ist ein fremdes Land bringt er sie uns in bezaubernden Erinnerungen und Anekdoten ein bisschen näher.



Sein jüngstes Buch ist aus einzelnen kleinen Texten entstanden, die Sulzer im Laufe der Jahre notiert, teils auch bereits in anderen Zusammenhängen veröffentlicht hat. Für eine Autobiografie fehlt ihm die chronologische Strenge, stattdessen erhalten wir durch den subjektiven Blickwinkel des Heranwachsenden ein sehr facettenreiches Bild des Umfelds, das ihn prägte. Familienangehörige und Nachbarn spielen darin eine ebenso wichtige Rolle wie Lehrer oder Geistliche und selbstverständlich das gesprochene und geschriebene Wort in all seinen Erscheinungsformen.

Sulzer beschränkt sich auf die Zeit vor seinem zwanzigsten Lebensjahr, denn wie der Autor einräumte, ist er selbst kein häufiger Leser von Biografien und beginnt sich spätestens dann zu langweilen, wenn der Erzähler diese Altersschwelle überschritten hat.



Die Journalistin Elke Schmitter moderierte die Buchpremiere im Literaturforum im Brecht-Haus und ging mit ihren Fragen noch weiter in die Tiefe. Doch Sulzer verfolgt mit seinen Texten weder das Ziel der Selbstentblößung noch der Analyse oder Erklärung seiner späteren Entwicklung. Stattdessen sind sie kleine literarische Kunstwerke, von musikalischer und präziser Sprache und einer gekonnten Balance zwischen dem Erzählten und dem Ausgesparten.

„Mein Großvater vererbte ihnen [den älteren Söhnen] alles, Max, sein dritter Sohn aus zweiter Ehe, erbte ein paar wertlose Grundstücke, auf denen man Kartoffeln pflanzen konnte“ (Szene auf dem Bauernhof, Seite 13).

Ein generationenüberspannendes Familiendrama, urteilsfrei und lakonisch in einen einzigen Satz verpackt – es gibt viele Passagen in Die Jugend ist ein fremdes Land, die ein mehrmaliges Lesen lohnen, um Sulzers ganze schriftstellerische Virtuosität zu erfassen.

Für Schreibende von besonderem Interesse sind natürlich jene Anekdoten, in denen Alain Claude Sulzer – der seinen Berufswunsch schon mit zehn Jahren klar benennen konnte – sich der Literatur annähert, sei es als kindlicher Leser und angehender Kritiker, sei es als jugendlicher Autor mit der rührenden Selbstüberschätzung eines betrunkenen Siebzehnjährigen.



Für die Moderatorin Elke Schmitter, die genau wie ich in Krefeld geboren wurde, blieben die Erinnerungen an die hermetische Sozialstruktur der Schweiz und ihre verkrusteten Regeln und Konventionen nach eigenem Bekenntnis exotisch. In mir brachten sie allerdings vieles zum Klingen, denn ich habe – wenn auch einige Jahre nach Sulzer – einen Teil meiner Jugend in der Innerschweiz verbracht. Für mich war es damals im wörtlichen Sinne ein fremdes Land; heute stoße ich in Alain Claude Sulzers Buch auf Vertrautes und zum Teil Vergessenes.


Auch ohne diesen besonderen Zugang ist Die Jugend ist ein fremdes Land, erschienen bei Galiani Berlin, eine lohnende Lektüre und ein ebenso amüsanter wie berührender Einblick in den frühen Werdegang eines wichtigen deutschsprachigen Autors der Gegenwart.  

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land, Galiani Berlin 2017, 222 Seiten

Freitag, 11. August 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil IV

Im letzten Teil meiner Blogserie zum Lesen vor Publikum geht es um das Signieren von Büchern, also den krönenden Abschluss einer öffentlichen Lesung. Die meisten von uns haben anderen Autoren schon mal dabei zugesehen – immer mit dieser Mischung aus Neid und Bewunderung – oder sich selbst eine Unterschrift vom Meister persönlich geholt. 

Aber jetzt bist du der Meister, und da kann es nicht schaden, dir ein paar Grundkenntnisse anzueignen!

Wohin mit der Signatur?


Die Diskussions- und Fragerunde zu deinem Buch ist vorüber, der Applaus ist abgeebbt, und dein Blutdruck kehrt allmählich zu einem gesunden Normalwert zurück. 

Im Idealfall sind deine Zuhörer jetzt so begeistert, dass sie dein Buch kaufen und zu Hause komplett lesen wollen. Die meisten Käufer freuen sich besonders über ein vom Autor handsigniertes Exemplar, denn wenn du mal so richtig berühmt bist, können sie es bei eBay zum zehnfachen Preis weiterverkaufen. Oder wenigstens in ihrem Bekanntenkreis damit angeben, dass sie dich schon gekannt und unterstützt haben, als du noch eine ganz kleine Nummer warst.

Aber was zum Henker schreibt man denn nun da rein – und wohin genau?

Die zweite Frage lässt sich etwas leichter beantworten. Normalerweise kommt die Signatur auf das sogenannte Titelblatt, also in den freien Raum unter dem gedruckten Buchtitel. Einige Autoren schreiben auch auf das Vorsatzblatt. Letztlich bleibt das dir überlassen, grundsätzlich gilt aber, dass die Signatur ganz vorne ins Buch gehört und das Cover unangetastet bleiben sollte.

Titelblatt


Vorsatzblatt


Und was schreibt man da so?


Schwieriger ist schon die Frage nach dem Was. Du kannst natürlich lediglich deinen Namen ins Buch schreiben; auch Name, Ort und Datum machen nicht allzu viel Mühe. Je länger die Schlange vor deinem Signiertisch, desto dankbarer bist du für eine zügige Abarbeitung deiner Schreibarbeit. Viele Buchkäufer geben dir auch bereits einen Wunsch an: „Schreiben Sie mal: für Najiyah!“ Hier solltest du unbedingt nach der korrekten Schreibweise des gewünschten Namens fragen, auch wenn es sich nur um eine Katrin, Cathrin oder Kathrin handelt.

Ich wurde auch schon mal gebeten, eins meiner Bücher mit den Worten „Für meine geliebte Mausi von deinem Bärli“ zu signieren, habe dies aber freundlich abgelehnt, da ich ja nicht Bärli bin und Mausi auch nicht unnötig nahetreten wollte.



Unerfahrene Autorinnen und Autoren neigen beim Signieren dazu, noch mal einen weiteren Roman zu verfassen. „Danke, Onkel Michael, dass du mit Ramona und Tante Hildegard zu meiner ersten Lesung gekommen bist. Ich war vorher soooo aufgeregt, aber dank euch hab ich es schließlich doch geschafft. Ihr seid die Besten!“ (Die Kringel anstelle der i-Punkte denkst du dir an dieser Stelle einfach dazu.) Onkel Michael, Ramona und Tante Hildegard werden sich über so eine ausführliche Ansprache sicher freuen, aber hinter ihnen warten noch Mutti, Opa und deine kleine Schwester am Signiertisch – also fass dich lieber etwas kürzer.

Bei Leserinnen und Lesern, die du bereits persönlich kennst (und das werden bei deinen ersten Lesungen die allermeisten sein), ist es schön, ein paar persönliche Worte hinzuzufügen, aber mach es nicht zu kompliziert. „Danke für deine Hilfe“, „Bis bald beim Handballtraining“ und „Für meine liebste Omi“ sind vollkommen ausreichend.


Viel Glück und Erfolg bei all deinen künftigen Lesungen!

Montag, 31. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil III

Im dritten Teil meiner Blogserie über das Lesen eigener Texte wird es konkret: Du erfährst einiges über lebendige Sprache, Geschwindigkeit und die gefürchteten Pannen.


Wer bin ich?

Um einen guten Roman zu schreiben, muss man den Figuren sehr nahe kommen. Man sieht sie genau vor sich, kennt ihre Eigenarten, Tics und Schwächen, ihre Vorlieben und Ängste. 

Zu den Persönlichkeitsmerkmalen eines Menschen gehört auch seine Sprache. Im Roman ist die womöglich nicht so wichtig – es sei denn, eine deiner Figuren stottert, spricht sehr leise oder hat einen ausländischen Akzent –, aber bei einer Lesung gewinnen die Spracheigenheiten an Bedeutung.

Vielleicht hat dein Roman einen Ich-Erzähler. Versetz dich in ihn hinein. Was ist das für ein Mensch? Ist er ein penibler, risikoscheuer Beamter mit einem festen Tagesablauf? Dann spricht er wahrscheinlich eher langsam, monoton und überdeutlich. Ist er ein drogenabhängiger Jugendlicher? Dann könnte seine Sprechweise schnell, verwaschen und emotional sein. Versuch, diese Art des Sprechens bei der Lesung anzudeuten. Bitte nicht übertreiben!

Wenn der Roman aus mehreren Perspektiven erzählt ist, kannst du das mit ganz leichten Varianten der Sprechweise unterstreichen. Das Top-Model näselt ein bisschen und klingt leicht arrogant, die Stimme des alten Mannes ist heiser und tief, die neugierige Nachbarin spricht schrill und laut.

Um herauszufinden, wo das richtige Maß liegt, kannst du dir gute Hörbücher anhören, die von professionellen Schauspielern gesprochen wurden. Da wird nicht mit verstellten Stimmen gearbeitet, sondern lediglich mit Nuancen – und trotzdem weißt du als Zuhörer immer, welche Figur da gerade spricht.

Stöhnen und Stottern

Gutes Vorlesen ist immer auch ein bisschen Performance. Wenn die Figur in deinem Roman „o nein!“ stöhnt, kannst du das auf der Bühne ruhig zelebrieren. Du kannst deinen ganzen Weltüberdruss in diesen Ausruf legen und dabei die Augen verdrehen. Damit verleihst du deinem Vortrag mehr Lebendigkeit. Achte im Alltag bewusst darauf, wie solche kleinen Gesten aussehen, und übe sie zu Hause, ehe du damit an die Öffentlichkeit gehst. Je natürlicher sie wirken, umso besser. Künstlich einstudierte Gefühlsausbrüche sind eher peinlich.

Schwierig wird es, wenn eine deiner Figuren einen Dialekt spricht oder einen Sprachfehler hat. Das ist übrigens auch für geschriebene Texte nicht unbedingt empfehlenswert. Nichts ist mühsamer, als sich durch seitenlange Dialoge in phonetisch transkribiertem Bayerisch quälen zu müssen, vor allem, wenn es schlecht gemacht ist (und das ist es fast immer).

Falls du nicht zufällig selbst sozusagen Betroffener bist, solltest du bei der Lesung auf die Nachahmung eines Dialekts oder eines Sprachfehlers verzichten.

Lebendige Dialoge

„Hören Sie, ich habe sie nicht getötet! Sie kam am Samstag zu mir, um mir ihren neuen Nagellack zu zeigen, ja, das stimmt. Aber sie blieb nur bis zehn, das müssen Sie mir glauben!“

Die Unsitte, Sätze mit „Hören Sie“ zu beginnen, ist sogar in der gehobenen deutschen Literatur mittlerweile sehr verbreitet – und das, obwohl absolut niemand diese Floskel jemals im täglichen Leben verwendet. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine unzulängliche Übersetzung des englischen „listen“, das im angelsächsischen Sprachraum sehr häufig ist, aber keine adäquate deutsche Entsprechung hat. Wenn es gar nicht anders geht, schreib und sag wenigstens „hören Sie mal“.

„Das müssen Sie mir glauben“ ist eine Erfindung von Heftroman-Autoren und ein fürchterliches Klischee, ohne das kein Fernsehkrimi mehr auszukommen scheint. Verzichte darauf! Echte Verbrecher sagen so was nicht, das musst du mir glauben.

Auch dem Imperfekt wirst du kaum jemals auf freier Wildbahn begegnen. In der gesprochenen Sprache benutzen wir fast ausschließlich das Perfekt. Also: „Sie ist am Samstag zu mir gekommen, aber sie ist nur bis zehn geblieben.“

Natürlich ist im Roman eine gewisse Kunstsprache erlaubt. Trotzdem ist es erfrischend und beweist deine literarischen Qualitäten, wenn du deinen Dialogen Authentizität und Lebendigkeit verleihst. Gerade bei Lesungen zahlt sich das aus. Das Publikum wird deinen wirklichkeitsnahen Stil zu schätzen wissen!

Flüche und Kraftausdrücke

Der Ich-Erzähler meines ersten Romans ist ein 17-Jähriger, der in einer Jugendwohngruppe lebt. Nachdem ich meine allererste öffentliche Lesung gehalten hatte, kam eine ältere Dame aus dem Publikum zu mir und sagte: „Ich hab mitgezählt. Sie haben dreizehn Mal Scheiße gesagt.“


Auch wenn ich mich bis heute frage, ob die Dame trotz dieser anspruchsvollen mathematischen Leistung irgendwas vom Inhalt mitbekommen hat, muss ich doch zugeben, dass sie mich nachdenklich gemacht hat. Nein, mehr noch: Sie hatte Recht. Die Sprache, die ich in meinem Romanmanuskript verwendet hatte, war zwar authentisch, aber man kann es eben auch übertreiben. Gerade bei Lesungen ist die Geschmacksgrenze schnell erreicht. Was auf dem Papier vielleicht nur ein leises Stirnrunzeln auslöst, kann in ausgesprochener Form wirklich, äh, zum Kotzen sein.

Überprüf deinen Lesetext auf Flüche und Kraftausdrücke. Wenn es mehr als drei sind, streich die restlichen einfach weg.

Lesegeschwindigkeit und Pausen

Ein wichtiges Thema haben wir noch gar nicht behandelt: die Lesegeschwindigkeit. Praktisch alle Anfänger neigen dazu, ihre Texte herunterzurasseln, als hätten sie anschließend noch einen Termin beim Jobcenter. Das ist durchaus verständlich, denn der unerfahrene Autor fürchtet, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu verlieren, sobald er auch nur die kleinste Pause einlegt. Er hat so viel zu sagen, und er will es ganz rasch loswerden, ehe die Leute wieder davonlaufen! Wann kriegt er schließlich schon mal die Chance, ununterbrochen reden zu dürfen?

Keine Sorge: Die Leute laufen nicht weg. Sie haben sich für deine Lesung Zeit genommen, und auf fünf Minuten mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. Viel wichtiger ist, dass sie ganz genau verstehen, was du ihnen zu sagen hast, und dazu musst du deutlich, laut und vor allem langsam sprechen.

Denk daran: Das Publikum kennt deinen Text noch nicht! Es hört ihn gerade zum ersten Mal und muss die Möglichkeit haben, jeden einzelnen Satz noch mal im Kopf nachhallen zu lassen.

Als Faustregel gilt: Wenn du selbst das Gefühl hast, in Zeitlupe zu lesen, ist es für deine Zuhörer gerade richtig.

Und achte auf kurze Pausen zwischen den Absätzen, im Anschluss an wörtliche Rede und so weiter. Alles, was in einem gedruckten Buch die Typografie übernimmt, musst du den Zuhörern durch deinen Vortrag liefern. Sie haben den Text nicht vor Augen und wissen nicht, an welcher Stelle die Perspektive wechselt oder ein anderer Sprecher auftritt. Hilf ihnen durch Pausen, dich zu verstehen!

Mit Pannen zum Erfolg

Das war eine Menge an Informationen, und vielleicht denkst du jetzt resigniert: Das schaff ich nie. Nur Mut! Es tut nur beim ersten Mal weh. Von Mal zu Mal wirst du besser und routinierter, legst mehr Ausdruck in deine Stimme, beherrschst deinen Text wie ein Schauspieler seine Rolle und kannst das Publikum immer stärker faszinieren.

Vor einem umgekippten Wasserglas, einem kaputten Mikrofon oder einem abgesprungenen Hosenknopf musst du keine Angst haben. Gerade solche kleinen Pannen machen dich menschlich und sympathisch. Sie beweisen den Zuhörern, dass du – obwohl Autor! – letztlich doch mit den gleichen Problemen zu kämpfen hast wie alle anderen auch. Pannen schaffen Verbundenheit und sorgen dafür, dass man sich lange an dich erinnert.

Also, wer weiß – vielleicht baust du sie ganz gezielt in deine Lesungen ein?

Dienstag, 18. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil II

Im zweiten Teil meiner Blogserie zum öffentlichen Lesen eigener Texte geht es um kleine, aber nicht unbedeutende Feinheiten.

Das Feintuning


In jedem Fall wirst du die ausgewählten Buchpassagen für eine Lesung überarbeiten müssen. Geh sie sorgfältig durch und streiche alles, was störend, unwichtig oder verwirrend sein könnte. Bei Dialogen musst du vielleicht gelegentlich ein „sagte er“, „sagte sie“ ergänzen, denn das Publikum kann sich ja nicht anhand der Typografie orientieren. Versetze dich in die Zuhörer hinein, die keinerlei Vorwissen haben, und sorge dafür, dass der von dir vorgelesene Abschnitt auch ganz für sich stehen kann, dabei aber im besten Falle überaus neugierig auf das gesamte Buch macht.

Lies dir die ausgewählten Abschnitte einmal selbst laut vor. Dabei merkst du zum Beispiel, ob du die korrekte Aussprache bestimmter Begriffe noch mal nachschlagen musst, ob Dialoge lebendig klingen und wo du einen Satz umstellen musst, weil er sich dann besser anhört.

Manuskript oder gedrucktes Buch?


Sicher ist es viel einfacher, diese ganzen Arbeiten mit dem PC am Manuskript vorzunehmen. Dann brauchst du zur Lesung nur ein paar ausgedruckte Seiten mitzunehmen. Aber das Lesepublikum hat eine bestimmte Erwartungshaltung, und dazu gehört nun mal, dass der Autor ein Exemplar seines eigenen Buches in den Händen hält! Du machst ihnen damit auch mehr Appetit auf dein Werk.

Ich rate dazu, die Streichungen, Ergänzungen und Änderungen direkt im Buch vorzunehmen und mit kleinen Haftnotizzetteln die Stellen zu markieren, an denen du es aufschlägst. Geh dabei sehr sorgfältig und systematisch vor, damit du während der Lesung nicht hektisch herumblättern musst! Du kannst zum Beispiel mit verschiedenen Farben arbeiten oder die Haftnotizzettel nummerieren, um die ausgewählten Passagen in der richtigen Reihenfolge vorzulesen (die nicht zwangsläufig der im gedruckten Buch entsprechen muss).

Wenn du mehrere Lesungen aus deinem Buch gehalten hast, merkst du an den Publikumsreaktionen, an welchen Stellen du noch etwas ändern solltest. Nach und nach kannst du dein Leseexemplar so zum optimalen Werkzeug perfektionieren. Und irgendwann brauchst du es kaum noch, weil du deinen Text beinahe auswendig aufsagen kannst.

Ich hatte einmal mein überarbeitetes Vorleseexemplar von Klassenziel zu Hause vergessen und musste die Lesung aus einem nagelneuen Buch ohne meine gewohnten Markierungen und Streichungen halten. Zu meiner Überraschung hat das tadellos geklappt, denn ich kannte die Stellen, an denen ich Veränderungen vorgenommen hatte, und sah die handschriftlichen Anmerkungen vor meinem inneren Auge. Nach einer gewissen Zahl von Lesungen aus demselben Buch greift offenbar ein gewisser Automatismus.



Dienstag, 11. Juli 2017

Antaris 2017: Flashback!

Noch keine zwei Wochen ist es her, dass wir uns von der Antaris 2017 in eine andere Dimension katapultieren ließen: in ein schlammig-feuchtes, aber glückliches und friedvolles Anderswo. Nun sind wir alle mehr oder weniger holprig wieder auf dem Planeten Erde gelandet und müssen uns bis zum nächsten Raumflug ein ganzes Jahr lang an unseren Erinnerungen festklammern.

Um euch und uns das zu erleichtern, hatte ich an dieser Stelle bereits letzte Woche meinen Textbeitrag mit Fotos gepostet.

Heute möchte ich euch noch einmal mit auf die Reise nach Antaris nehmen: Katja Kirseck hat ein Video gemacht, das die herrlichsten Flashbacks auslöst, und Astrix hat uns erlaubt, seinen großartigen Deep Jungle Walk als Soundtrack zu verwenden. Beiden ein riesengroßes Dankeschön!



Jordan T. A. Wegberg, Schriftsteller, und Katja Kirseck, Medienproduzentin, sind überzeugte Antarianer. Der eine denkt in Texten, die andere in bewegten Bildern, und gemeinsam sind sie das Literaturlabor Berlin, in dem du deine Texte zu optimieren und dich in bewegten Bildern zu präsentieren lernst.


Wenn dich das neugierig gemacht hat: Am kommenden Sonntag, 16. Juli, hat das Literaturlabor Berlin ab 16 Uhr seine Türen zu einer Info-Veranstaltung geöffnet! Nussbaumallee 26 (bei Nemitz), 14050 Berlin-Westend.

Freitag, 7. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil I

Auf diesem Blog werde ich in den folgenden Wochen ein paar Tipps zum Lesen eigener Texte vor Publikum geben, die ich bei meinen eigenen rund 350 öffentlichen Lesungen in den letzten Jahren zusammengetragen habe. Für viele davon wäre ich in meiner Anfangszeit sehr dankbar gewesen!

Ich hoffe, dass ich dir damit helfen kann, deine ersten Lesungen vor Zuhörern und -schauern lebendig, locker und liebenswert zu gestalten.


Teil I: Die Auswahl der Lesepassagen


Wer einen Roman geschrieben hat, freut sich über die Möglichkeit, sein Buch bei einer öffentlichen Lesung zu präsentieren. Der persönliche Kontakt zum Publikum ermöglicht ein ganz direktes Feedback, und im günstigsten Fall verkaufst du anschließend sogar noch ein paar Buchexemplare.

Damit eine solche Lesung zum Erfolg wird, sind allerdings einige Vorbereitungen erforderlich.


Welche Teile meines Buches soll ich vorlesen?


Die wichtigste Überlegung ist natürlich: Welche Passage(n) meines Buches wähle ich für die Lesung aus? Länger als 45 Minuten sollte das reine Vorlesen keinesfalls dauern, denn sonst erlahmt die Aufmerksamkeit der Zuhörer und schlägt möglicherweise in Ablehnung um, weil sie sich überfordert fühlen.

Wie viel Zeit habe und nutze ich?


Um die Lesezeit zu bestimmen, gibt es eine einfache Methode, die zudem schneller ist als die gute alte Stoppuhr-Variante. Wähle die Passage im Word-Manuskript deines Romans aus, markiere sie und lass Word die Zeichen zählen. Wenn es so um die 45.000 sind (einschließlich Leerzeichen), entspricht dies ungefähr 45 Minuten mündlicher Wiedergabe.

Welche Buchpassagen eignen sich für öffentliche Lesungen?


Der Leseauszug soll entscheidende Schlüsselszenen enthalten, neugierig machen und nicht zu viel vorwegnehmen. Du kannst mehrere kurze Abschnitte auswählen, die du aneinanderreihst, oder eine längere zusammenhängende Passage, die besonders spannend, ausdrucksstark oder für den Roman entscheidend ist. In jedem Fall musst du darauf achten, dass   die wichtigsten Charaktere, aber nicht zu viele Nebenfiguren darin vorkommen,  keine verwirrenden Nebenhandlungen geschildert werden und  im Text enthaltene Hinweise auf Personen oder Sachverhalte entfallen oder erklärt werden.

Bei einem Krimi könntest du zum Beispiel eine Stelle auswählen, in der das Ermittlerteam auf der Fahrt zur Vernehmung eines Verdächtigen allerhand Spekulationen anstellt und dabei die bisherigen Fakten zur Entführung noch mal durchspricht. An dem alten Bauernhof angekommen, sehen sie den mutmaßlichen Täter auf dem Motorrad flüchten. Es gibt eine spektakuläre Verfolgungsjagd, bei der einer der Ermittler leicht verletzt wird. Der Verdächtige kann schließlich gefasst werden und legt ein Teilgeständnis ab – das aber wieder neue Rätsel aufgibt, denn er hat das Lösegeld aus einem Auto geklaut und weiß nicht, wo das Opfer ist.  

Soll ich lieber mehrere Szenen auswählen?


Wenn es in deinem Roman eine solche zusammenhängende Passage nicht gibt, musst du einzelne Stellen auswählen, die möglichst charakteristisch für deine Erzählweise sind und einen guten Überblick über die wichtigsten Personen und Ereignisse liefern. Im Allgemeinen wirst du dabei chronologisch vorgehen. Eventuell musst du bei der Lesung kurze Übergänge schaffen, in denen du frei formulierst, was die Zuhörer an Informationen brauchen, um den Anschluss zu finden.


Gut geeignet zum Vorlesen sind Action-Szenen, Dialoge zwischen nicht mehr als zwei Personen und Passagen, in denen dein Protagonist charakterisiert wird, zum Beispiel durch besonders typische Verhaltensweisen oder durch ein aufschlussreiches Gespräch mit seiner Frau, seinem besten Freund oder einem Tatzeugen.

Dienstag, 4. Juli 2017

Antaris Festival 2017 - unsere Liebe ist stärker!

Romanleser und Kinogänger kennen das: Jede große Liebe wird irgendwann auf eine Belastungsprobe gestellt. Eine dunkle Macht drängt sich zwischen die Liebenden, sät Zweifel, lässt sie hadern. An diesem Punkt muss sich zeigen, ob die Zuneigung tief genug ist, um alle Widerstände zu überwinden.


Letztes Wochenende wurden das 23. Antaris-Festival und wir, sein liebendes Partyvolk, von Stürmen, Dauerregen und Schlamm auf eine solche Probe gestellt, doch wir haben ihm nicht nur die Treue gehalten, sondern auch das ganze Ausmaß unserer Leidenschaft bewiesen.

Was kümmern uns denn nasse Füße und modrige Schlafsäcke, wenn wir dafür tage- und nächtelang frei und glücklich sein, tanzen, lachen und feiern dürfen? Wir bekommen so viel zurück, dass wir auch alles zu geben bereit sind!



Foto: Katja Kirseck

Wer es trotz überfluteter Straßen erst mal bis nach Stölln geschafft, wer stundenlang im Auto vor dem unpassierbaren Eingang des Festivalgeländes gewartet hatte und sein Fahrzeug dann von Kai mit dem Traktor aus dem Schlamm hatte ziehen lassen, wer sein Zelt sturmsicher im nassen Boden verankert und sich ein paar wasserfeste Müllsäcke übergestreift hatte, der hüpfte jubelnd auf den Floor und stampfte, dass die Gummistiefel quietschten.






Alles andere wäre bei diesem Line-up auch abwegig gewesen. Ob Chicago mit den ganz großen 1200-Micrograms-Klassikern, Mad Tribe mit ihren herrlich überdrehten Zappel-DJs oder Electric Universe mit der faszinierenden Laserharfe: für Ohren, Augen und Beine wurde so viel geboten, dass man unmöglich auch noch ans Wetter denken konnte.




Klar, die Bedingungen waren diesmal härter als sonst. Statt nach süßem Räucherwerk roch es nach den unbewirtschafteten, überquellenden Dixiklos, die Händler konnten ihre Waren nur unter festen Planen präsentieren, während kauffreudige Kunden auf sich warten ließen, und auf den rutschigen Wegen ging so mancher Knöchel zu Bruch.

Es gab auch ein paar Vorteile. So war die Polizei in diesem Jahr zum Beispiel ausgesprochen zurückhaltend – jedenfalls vor dem Gelände.


Wer sich im Trockenen bei einem Tee aufwärmen wollte, fand immer ein Plätzchen im großen Zelt.



Und eine schlichte Feuerschale kann zum Mittelpunkt des Glücks werden.


Am Samstagabend gab es sogar ein paar trockene Augenblicke – lang genug für den obligatorischen psychedelischen Sonnenuntergang (dieses Jahr als Limited Edition).


Belastungsproben sind der Messwert für eine Beziehung. Sie lassen die Liebe entweder sterben oder erstarken. Antaris, was auch immer du mit uns machst: Wir lieben dich aus tiefstem Herzen, für immer und ewig!







Montag, 26. Juni 2017

Schreibnomaden und Hausautoren

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen brauchen nichts weiter als einen Laptop und eine Sitzfläche – sie können überall schreiben, sei es in der U7 Richtung Rudow, auf einer Bank am Landwehrkanal oder bei einem Konga Sedie am Rosenthaler Platz.

Ich bewundere und beneide euch. Es ist bestimmt großartig, so frei und ungebunden zu sein. Ihr könnt der Welt zeigen, was für kreative Köpfe ihr seid, und werdet alle paar Tage von Literaturscouts oder Filmproduzenten angesprochen und um eine Log Line gebeten.

So was hätte ich natürlich auch gern. Aber zwei Gründe sind es, die mich zum Schreiben in die Abgeschiedenheit treiben.

  • Was für Hardcore-Gamer selbstverständlich ist – spezielle ergonomische Tastaturen, Mäuse und so weiter, um den Anforderungen mehrstündiger Computersitzungen gewachsen zu sein –, sollten sich auch Schriftsteller gönnen. Immerhin verbringen viele von uns den gesamten Arbeitstag und manchmal noch die halbe Nacht am PC. Da wir alle keine üppige Rente zu erwarten haben, müssen wir Augen, Rücken und Gelenke so lange wie möglich funktionsfähig erhalten. Meine Zukunftsplanung sieht vor, bis zum Jahr 2050 zu arbeiten, um dann vor dem Bildschirm einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen.
  • Der Gedanke, dass mir jemand beim Schreiben über die Schulter schaut und Teile meines unfertigen Manuskripts liest, lässt meine Kreativität schlagartig versiegen. Das ist nicht die Angst vor dem Ideenklau, sondern wohl eher die Furcht vor der Selbstentblößung oder vielleicht auch ein gewisser Kontrollzwang. Wer wann einen Blick in mein Innerstes wirft, das möchte ich doch gerne selbst entscheiden. Und nichts ist intimer als ein im Werden begriffener Roman.


Also ziehe ich zum Schreiben nicht mit meinem Notebook durch die Lande, sondern mich in mein Refugium zurück, das mir den Komfort eines ganz persönlich auf mich abgestimmten Arbeitsplatzes und die Gewissheit des Alleinseins garantiert.

Meist ist das der Schreibtisch in meiner Wohnung, mit direktem Blick auf die Magnetwand, an der die Bilder meiner Romanfiguren hängen: maximale Inspiration.


Manchmal schreibe ich auch im Literaturlabor Berlin, insbesondere wenn ich den Unterricht für eines meiner Seminare vorbereite.


Und an sonnigen Tagen steht mir noch die Open-Air-Variante zur Verfügung, die sich besonders für Übersetzungen, Lektorat und Netzwerkarbeit eignet.


Im ICE nach Frankfurt werde ich mir die Zeit also weiterhin eher mit Lesen als mit kreativer Arbeit vertreiben, aber wie und wo andere Autorinnen und Autoren ihre Bücher entstehen lassen, interessiert mich sehr. Danke an Ricarda Howe für die Anregung zu dieser Schreibzimmer-Blogparade!


Mittwoch, 31. Mai 2017

Den richtigen Verlag finden

„Mein erstes Manuskript ist fertig – wie finde ich jetzt einen Verlag?“


Weg vom Schreibtisch und raus in die reale Welt! 


Suche in stationären Buchhandlungen nach Büchern, die deinem eigenen Projekt ähnlich sind. In welcher Abteilung liegen sie? Wer sind die Autoren, und bei wem veröffentlichen sie noch? Welche Titel findest du ansprechend, welche eher nicht?

Achte auch bei den Büchern, die du zum eigenen Vergnügen liest, immer auf den Verlag. Sind sie professionell gesetzt, gut verarbeitet, frei von Rechtschreibfehlern, und haben sie ein klar gestaltetes, dem Genre entsprechendes Cover?

Auch bei Buchmessen solltest du dir die Produkte der einzelnen Verlage genau ansehen und dich fragen, ob du deinen Namen gerne einmal in einem davon wiederfinden würdest.

Notiere dir alle Verlage, die dir positiv aufgefallen sind und bei denen du dir eine Veröffentlichung vorstellen könntest.
  


Große oder kleine Verlage anschreiben?


Du kannst versuchen, selbst Kontakt mit großen Publikumsverlagen aufzunehmen, solltest dir aber darüber im Klaren sein, dass diese heute fast ausschließlich mit Agenturen zusammenarbeiten. Sehr viel bessere Chancen wirst du bei mittleren und kleinen Verlagen haben, die oft über zu wenige qualitätsvolle Manuskripteinsendungen klagen.

Die folgenden Tipps gelten weitgehend auch für die Bewerbung bei Literaturagenturen. Das Auswahlverfahren ist hier ähnlich rigoros wie bei Verlagen, dafür verbessern sich deine Chancen, dein Manuskript auch bei einem größeren Verlag unterzubringen – und du bekommst von einer Agentur viel Unterstützung bei der Projektplanung, der Vertragsverhandlung und dem Marketing deiner Veröffentlichung.

Schau dir auf den Websites der Verlage sehr sorgfältig ihr Programm an. Gibt es eine bestimmte Programmreihe, in der ein deinem Manuskript ähnelndes Buch erschienen ist? Wie heißt sie? Welche weiteren Titel finden sich darin? Würde dein Roman gut in diese Reihe passen, oder gibt es bei diesem Verlag noch eine andere, die vielleicht sogar besser geeignet wäre?

Skepsis ist geboten, wenn ein Verlag keinerlei Spezialisierung aufweist. Möglicherweise handelt es sich dann um einen sogenannten Druckkostenzuschussverlag, der sich die Veröffentlichung von Büchern teuer bezahlen lässt. Das wirst du unter anderem daran erkennen, dass die Einsendung von Manuskripten explizit erbeten wird. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, wird ein Verlag mit einem unspezifischen, breit aufgestellten Programm dich nur unzureichend fördern und vertreten können. Dein Buch würde darin untergehen. Auch eine Agentur sollte sich auf bestimmte Genres spezialisiert haben, denn nur dann ist gewährleistet, dass sie gezielt mit den richtigen Ansprechpartnern in den Verlagen zusammenarbeitet.

Kann ich ein Paket schnüren und es an möglichst viele Verlage oder Agenturen schicken?


Auf (fast) jeder Verlagswebsite gibt es einen Menüpunkt „Manuskripte“ oder ähnlich. Lies dir genau durch, welche Anforderungen dort gestellt werden.

Versuch nicht, dem Verlag das Denken abzunehmen, indem du statt der geforderten 20 lieber gleich 50 Seiten Leseprobe schickst („Die brauchen einfach mehr Einblick in mein Projekt, um es richtig beurteilen zu können“) oder den Lebenslauf ins Anschreiben packst („Dann sehen sie gleich, wie viele tolle Veröffentlichungen ich schon habe“). Deine Professionalität kannst du am besten beweisen, indem du dich exakt an die Vorgaben hältst. Da sie von Verlag zu Verlag und von Agentur zu Agentur variieren, kannst du keine Standardeinsendung verwenden.

Formuliere ein Anschreiben, das in wenigen Sätzen dein Projekt und dich als Person vorstellt. Benenne klar das Genre und das Thema deines Manuskripts. Beschreibe das Besondere daran (zum Beispiel die Spiegelung einer aktuellen gesellschaftlichen Strömung) und deine persönliche Beziehung zum Thema. Was macht dich zum Experten dafür?

Beschreibe deine Erfahrungen im Literaturbetrieb, auch wenn sie dir noch so unbedeutend erscheinen. Hast du schon mal eine Kurzgeschichte in einer Anthologie veröffentlicht? Einen Wettbewerb gewonnen? Bist du Mitglied in einem Autorenverein? Hattest du schon Lesungen mit eigenen Texten? Hast du Seminare, Kurse oder Workshops besucht, die mit Schreiben und Literatur zu tun hatten? Bist du Gründer oder aktiver Teilnehmer einer (Online-)Schreibgruppe?
Wenn möglich, sprich den Empfänger mit Namen an. Dazu kannst du zuvor beim Verlag anrufen: „Wer ist denn eigentlich bei Ihnen für die Reihe XY zuständig?“ Lass dir den Namen notfalls buchstabieren, um peinliche Fehler zu vermeiden, und frag auch nach, wenn nicht deutlich ist, ob es sich um eine Lektorin oder einen Lektor handelt.

Dein Manuskript ragt heraus!


Bereite deine Unterlagen sorgfältig auf! Dazu gehören die Einhaltung der Normseite, einseitig bedruckte, nicht gelochte oder geheftete Blätter, eine klare Trennung von Manuskript, Anschreiben, Lebenslauf und Exposé, ein gut lesbares Schriftbild und vieles mehr.

Versetz dich in die Lage der Empfänger, also des Lektors oder der Agentin, die täglich einen ganzen Stapel solcher Einsendungen erhalten. Womit kannst du es ihnen leichtmachen, deine zu bevorzugen? Wie kannst du dich positiv von der Konkurrenz abheben, indem du beweist, dass du dich in ihre Situation hineingedacht hast? Das gilt gleichermaßen für postalische wie für digitale Sendungen.

Wenn du deine Unterlagen per E-Mail schickst, achte darauf, jede in einer eigenen Datei zu speichern – und verwende deinen Autorennamen in der Dateibenennung! Auf der Festplatte einer Lektorin oder eines Agenten wimmelt es von Dateien namens Exposé.doc. Sie werden sehr dankbar sein, wenn eine mit der Bezeichnung Felix_Schreiber_Exposé.doc dabei ist!

Wandle deine Dokumente keinesfalls in PDF um. Damit kann ein Verlag nichts anfangen. Und wenn du jetzt schon Angst hast, dass jemand in deinen Texten herumpfuschen könnte, solltest du das mit der Veröffentlichung ohnehin noch mal gründlich überdenken.

Was nicht in deine Unterlagen gehört: Originalillustrationen, Honorarvorstellungen, Coverideen, Sonderwünsche für die Vertragsgestaltung, Zeugnisse und Zertifikate, Belegexemplare bisheriger Veröffentlichungen, Links auf deine E-Books oder ein Empfehlungsschreiben deiner Deutschlehrerin. Wenn du eine Autorenhomepage hast, kannst du die Adresse im Anschreiben nennen. Dann sollte sie aber auch professionell gemacht und gut gepflegt sein.

Schütz dich vor dem Absage-Blues




Im eigenen Interesse ist es sinnvoll, mehrere Verlage zeitgleich anzuschreiben. Eine Absage – und du wirst viele davon bekommen! – ist dann weniger schmerzhaft, weil du noch weitere Eisen im Feuer hast. Die Enttäuschung kannst du durch die Hoffnung auffangen.

Du wirst keine differenzierten Rückmeldungen erhalten. Die Standardbegründung für eine Verlagsabsage lautet: „Ihr Manuskript passt leider nicht in unser Programm.“ Dahinter kann sich vieles verbergen, es kann aber auch die reine Wahrheit sein. In diesem Fall hast du vielleicht nicht gründlich genug recherchiert.

 
Wenn du dich lieber gleich bei Literaturagenturen bewirbst, solltest du das Maschinengewehr deiner Bewerbungen auf Einzelfeuer umstellen. Viele Agenturen möchten im Vorfeld wissen, mit welchen anderen Agenturen oder Verlagen du bereits Kontakt aufgenommen hast. Diese Frage solltest du ehrlich beantworten. Damit du nicht den Überblick verlierst, warte mit jeder neuen Bewerbung am besten ab, bis du auf die vorherige eine Rückmeldung bekommen hast.

Es ist sinnlos, nach konkreten Gründen für eine Ablehnung zu fragen. Große Verlage oder Literaturagenturen müssten mehrere Vollzeitkräfte einstellen, um diese Aufgabe erfüllen zu können. Nimm jede Absage als Ansporn! Es gibt fast 2.000 Verlage und rund 150 Agenturen in Deutschland, auch für dich ist das Passende dabei!


Dienstag, 25. April 2017

Ein fauler Gott: Stephan Lohse im LCB am Wannsee

Ein fauler Gott erzählt die Geschichte des elfjährigen Benjamin, dessen jüngerer Bruder ums Leben kommt. Der Roman ist angesiedelt im Hamburg des Jahres 1972, die Fragestellung jedoch zeitlos: Gibt es einen angemessenen Umgang mit dem Tod? Welchen Regeln folgt Trauer, und wie können wir Kindern bei der Bewältigung helfen?

Stephan Lohse las Passagen seines Debütromans Ein fauler Gott im Literarischen Colloquium Berlin. Begleitet wurde die Lesung durch die Kinder- und Jugendtherapeutin Magdalena Manker, eine langjährige enge Freundin des Autors und Schauspielers.

Kinder trauerten anders als Erwachsene, erklärte die Psychologin, weil sie Zeit noch nicht abstrahieren, sondern sie eher an Erlebnisinhalten festmachen. Deshalb seien sie in der Lage, sich selbst in einer akuten Trauerphase immer wieder in kleine Inseln oder Blasen des Trostes zu retten.

Benjamin gelingt dies zum Beispiel, wenn er sich in das alte, ausgeschlachtete Auto im Vorgarten von Herrn Gäbler setzt und so tut, als fahre er. Das hilft ihm besonders deshalb, weil Herr Gäbler ihm dabei Gesellschaft leistet. Die Unterhaltungen der beiden machten einen Großteil der gestrigen Lesung aus.

Herr Gäbler stellt seine eigene Lebensgeschichte in den Hintergrund. Ernst, respektvoll und aufmerksam begleitet er Benjamin auf seinen mentalen Ausflügen, hört seinen kindlichen Theorien über das Leben und den Tod zu und versorgt ihn mit Proviant. Ein Roadmovie in einem still stehenden Auto – das ist ein anrührendes Bild für den Trauerprozess.



Als „wissenden Zeuge“ bezeichnete die Erziehungswissenschaftlerin Alice Miller einen solchen zuverlässigen, am Ereignis unbeteiligten Begleiter, der sich weder aufdrängt noch Ratschläge erteilt, sondern eher im Hintergrund agiert – Präsenz und Mitgefühl statt Überfürsorge und „Schongang“.

Benjamin hilft allein schon das Gefühl, wahrgenommen zu werden, so wie es auch dem Autor Stephan Lohse ging, als er ungefähr im selben Alter mal einige Stunden zu einer Therapeutin geschickt wurde. Diese Erinnerungen, so erzählte er, gehörten zu den schönsten und entspannendsten seines Lebens.

Im Gespräch verwies er an mehreren Stellen auf autobiografische Elemente, die in seinen Erstlingsroman eingeflossen sind – vielleicht ist das der Grund für dessen einzige Schwäche: Benjamin wirkt für einen Elf-, später Zwölfjährigen sehr kindlich. Zwar zeichnet Lohse ein gelungenes und stimmiges Psychogramm, aber die gesamte Gefühls- und Gedankenwelt Benjamins sowie auch der mütterliche Umgang mit ihm passen aus meiner Sicht eher zu einem Sieben- oder Achtjährigen. (Mich hätte mit zwölf jedenfalls definitiv niemand mehr in eine Strumpfhose zwingen können!)


Eine der Erkenntnisse dieser Veranstaltung war, dass die Arbeit des Psychotherapeuten und die des Schriftstellers viel gemeinsam haben. Grundlage ihres Berufs, erläuterte Magdalena Manker, sei das Handwerkszeug, die Technik – was ohne Zweifel auch für Schreibende gilt. Der nächste Schritt sei dann das Sortieren und Analysieren der Fakten – im Schreibprozess vergleichbar mit der Recherche und dem dramaturgischen Aufbau. Die Wirksamkeit einer Therapie jedoch, betonte Manker, hänge von der therapeutischen Beziehung ab, also von der Gefühlsebene, und auch hier ist die Parallele mit dem gelungenen Roman, der fesselnden Erzählung offensichtlich: Erst wenn der Leser sich in seinem emotionalen Erleben widerspiegeln kann, hat die Literatur ihre ganze Wirkung entfaltet.

Stephan Lohse: Ein fauler Gott, Suhrkamp Verlag, März 2017

Montag, 3. April 2017

Anne Kuhlmeyer im Interview

Am Stand ihres Verlags Argument Ariadne traf ich die Autorin Anne Kuhlmeyer zu einem Interview.

Anne Kuhlmeyer mit ihrem jüngsten Roman
Gibt es einen Ort, an dem du jetzt lieber wärst als hier auf der Leipziger Buchmesse?

Ich freu mich wirklich, hier zu sein. Aber noch lieber liefe ich den Malecón entlang, links die Altstadt von Havanna und rechts die Karibik.

Dein Roman Drift ist soeben bei Ariadne erschienen. Wie bist du beim Schreiben vorgegangen – Plotter oder Pantser (= ausführliche Planung oder aus dem Bauch heraus)?

Zuerst widmete ich mich den Figuren, sie bekamen eine ausführliche Biographie. Das mache ich immer so. Bei Drift hatte ich einen vielleicht zu groben Plot, denn ich habe ihn während des Schreibens mehrfach angepasst, um zum Schluss vieles erneut umzustellen. Tatsächlich gehe ich bei jedem Buch anders vor. Vielleicht finde ich eines Tages einen Weg, der mir dann dauerhaft brauchbar erscheint. Es wird sich zeigen.

Wie motivierst du dich, wenn dir beim Schreiben die Luft ausgeht?

Gar nicht. Ich warte. Wenn mir die Luft ausgeht, wird es einen Grund haben. Ich vertraue darauf, dass ich wieder zu Atem komme. Aber ich schreibe eher zeitbezogen. Das heißt, nach meinem Arbeitstag schlafe ich kurz, esse, mache die Wäsche ... Dann setze ich mich gegen 20 Uhr an mein Laptop und arbeite bis Mitternacht. Welche Art von Arbeit das ist, zeigt sich. Ob ich voranschreibe, recherchiere, überarbeite oder den Monitor anstarre – egal. Ich tue es jeden Tag, bis die Rohfassung des Romans fertig ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Verlag bisher? Welche Unterschiede gab es zu KBV oder Ullstein?

Die Zusammenarbeit mit Argument Ariadne ist großartig. Ich hatte viel Freude beim Lektorat. Unterschiede kann ich schwer benennen, jeder Verlag hat ja sein Spektrum und seine Prioritäten, deswegen finde ich Vergleiche schwierig.

Mut sammeln für die Bühne


Du hast im Rahmen der LBM einige Lesungen. Fühlst du dich wohl auf der Bühne, oder ist das für dich Pflichtprogramm?

Für die Bühne muss ich üben und meinen Mut zusammensammeln. Ich bin keine, die lässig öffentlich agiert. Ich denke auch, Lesungen sind ein ganz spezielles Format. Sie sagen wenig über ein Buch, mehr über die darstellerischen Fähigkeiten der Autorin. Was mir Freude macht, ist, wenn ich mit dem Publikum ins Gespräch komme.

Welches Ereignis im Zusammenhang mit deinem neu erschienenen Buch hat dich bisher am meisten gefreut?

Der Moment, als ich das erste gedruckte Exemplar in der Hand hielt.

Hast du von Anfang an mit einer Agentur zusammengearbeitet, oder hast du auch einige deiner Bücher selbst bei Verlagen platziert?

Meine ersten beiden Bücher fanden ihren Weg allein in einen Verlag, Prolibris in Kassel damals. Inzwischen bin ich froh, mit Anna Mechler und ihrer Agentur Lesen & Hören zusammenarbeiten zu können.

Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen oder deinem Beruf als Traumatherapeutin fließt in deine Romane ein?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe in meinem Kopf ja keine Kästchen, auf denen „Beruf“ oder „Literatur“ steht. Fakt ist, dass sich beides stark und hilfreich beeinflusst, und zwar in beide Richtungen. Seit ich mich intensiv mit Literatur befasse, verstehe ich besser und schneller, was Patienten über sich und ihre Lebensumstände erzählen. Umgekehrt hilft mir das psychoanalytische Denken bei der Erarbeitung von Biographien meiner Figuren und bei der Plausibilität ihres Handelns.
 
Anne Kuhlmeyer lächelt nicht nur im Garten
Bekommst du manchmal auch Rückmeldungen von deinen Klientinnen und Klienten?

Ja, manchmal. Wenn das passiert, utilisiere ich es in der Therapie, selbstverständlich. Etwas in dem Buch hat mein Gegenüber ja auf eine Weise angesprochen, dass er es für nötig hält, mit mir darüber zu sprechen. Also tun wir das.

Was bringt dich zuverlässig zum Lächeln?

Ganz winzige Kräutlein, die sich mit dem Blühen abmühen.

In zwei Sätzen: Welche Leser sollten Drift kaufen und warum?

Menschen, die offen sind für unkonventionelle Kriminalliteratur, die mit Magischem und Bildhaftem etwas anfangen können. Sie nimmt Drift gewiss mit hinaus in die Welt.


Sonntag, 12. März 2017

Die ersten Rezensionen zu "Meine Mutter, sein Exmann und ich"

Erst vor drei Tagen ist mein neuer Roman im Rowohlt Verlag erschienen, und schon gibt es eine Reihe von wunderbaren Rezensionen, die mir sehr viel Freude gemacht haben.

Die wohl ausführlichste stammt von der Buchhändlerin und Bloggerin Kasimira - schon beinahe eine Textanalyse. Herzlichen Dank dafür und für die zahlreichen weiterführenden Informationen zum Thema Transidentität in der Literatur!


Joschka, der Protagonist von "Meine Mutter, sein Exmann und ich", ist (zufälligerweise genau wie ich 😏) ein überzeugter Nutzer von BVG-Bussen. In seiner Freizeit fährt er gerne die kompletten Strecken ab, weil man dabei so wunderbar nachdenken kann. Es kommt also nicht von ungefähr, dass auch das BVG-Kundenmagazin PLUS in seiner März-Ausgabe eine Rezension des Romans veröffentlicht hat:


Sehr feinfühlig geschrieben ist die Buchbesprechung in der Goslarschen Zeitung vom 8. März 2017. Und wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ist es gar nicht so einfach, das Thema Transsexualität aufzugreifen, ohne in sprachlich-ideologische Fettnäpfchen zu treten. Dafür ein besonderes Dankeschön!






Dienstag, 21. Februar 2017

Nummer acht ist da!



Heute lag es im Briefkasten: das erste, druckfrische Vorab-Exemplar meines neuen Romans Meine Mutter, sein Exmann und ich. Traditionell werde ich es wieder für alle kommenden Lesungen nutzen, von denen bereits einige auf dem Terminplan stehen.

Bald sieht es also nicht mehr so makellos aus wie auf dem Foto, sondern ihm wachsen kleine bunte Zettelchen aus den Seiten, und überall hat es handschriftliche Streichungen, Anmerkungen und Notizen.

Doch auch beim achten Buch ist man noch stolz und glücklich. Übrigens: Es ist wieder ein Junge! Diesmal einer, der eine ungewöhnliche Familiensituation erlebt. Denn Joschkas Mutter ist ein Transmann, heißt jetzt Frederik und trägt einen Bart. Wie soll Joschka das seinen Freunden klarmachen?! Verheimlichen erweist sich als keine besonders praktikable Idee.

Für alle, die nicht bis zum Verkaufsstart am 10. März oder bis zu meinen ersten Live-Lesungen warten wollen, hier schon mal eine Leseprobe:



In der ersten Stunde haben wir Deutsch, und Frau Schramm-Bassermann erzählt uns was von einem landesweiten Schulwettbewerb zum Thema „Toleranz“. Emma ist natürlich direkt hellwach. So was ist genau ihr Ding. „Wir könnten doch eine Inforeihe über LGBT machen“, schlägt sie vor.


„Über was?“, fragt Niklas.


„LGBT“, wiederholt sie, langsam, zum Mitschreiben. „Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender.“


Für eine Sekunde herrscht Stille, dann reden alle durcheinander. „Über Lesben und Schwule?“ – „Und was sollen wir da machen?“ – „Müssen wir da alle in Rosa kommen?“ – „Was heißt das denn genau?“ – „Da hab ich keinen Bock drauf.“ Tom und Luca tun so, als würden sie einander verliebte Kusshändchen zuwerfen, Svenja und Charlene beugen sich kichernd über ein unter der Bank verborgenes Handy, Jan kritzelt gelangweilt auf einem Blatt Papier herum, und Lea kreischt total hysterisch: „Mann, du Arsch!“, und schiebt mit dem Unterarm Mesuds Hefter vom Tisch. Der Geräuschpegel ist kurz vor der Schmerzgrenze.


Ist mir nur recht. So habe ich ein bisschen Zeit, den Schock zu verarbeiten. Ich kenne dieses Kürzel nicht, das Emma da genannt hat, aber „Transgender“ hab ich verstanden. Und das genügt, dass mir der Schweiß ausbricht. Wenn ich an so einem Projekt teilnehme, sieht mir garantiert jeder sofort an, dass ich persönlich von dem Thema betroffen bin. Noch ehe überhaupt irgendeine Entscheidung gefallen ist, grüble ich schon darüber nach, wie ich mich rausziehen kann.


„Wir könnten doch eine Rednerin oder einen Redner einladen“, schlägt Emma vor. „Persönlich Betroffene, die aus ihrer eigenen Erfahrung berichten. Entweder reden sie frei, oder wir machen mit ihnen ein vorbereitetes Interview.“


„Und wo kriegen wir die her?“, fragt Charlene mit skeptischem Stirnrunzeln.


„Na, das wird doch wohl nicht so schwer sein!“ Kimberley hat sich bereits von Emmas Schwung mitreißen lassen. „Jeder kennt doch wohl einen Schwulen oder eine Lesbe!“


Zustimmendes Nicken und Murmeln. Dann sagt Steven: „Ja, aber eine Transe? Also, ich kenn keine!“


„Deine Mudda“, sagt Tom und erntet einen allgemeinen Lacher, während sich mir der Hals zusammenschnürt.


„Achtet mal bitte ein bisschen auf eure Wortwahl“, ermahnt uns Frau Schramm-Bassermann. „Eine Transe ist ganz schön abwertend, Steven. Und es impliziert eine weibliche Person.“


„Wieso, die wollen doch Frauen sein, oder?“, verteidigt Steven sich.
Emma verdreht die Augen und schüttelt resigniert den Kopf.


„Es geht überhaupt nicht ums Wollen“, erklärt Frau Schramm-Bassermann mit angestrengter Geduld. „Transsexuelle Menschen fühlen sich nicht ihrem biologischen, sondern dem anderen Geschlecht zugehörig. Das kann übrigens ohne Weiteres auch das männliche sein.“


Hab ich mir das jetzt eingebildet, oder hat sie mir dabei einen ganz schnellen Seitenblick zugeworfen? Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Das kann sie doch nicht wissen, oder? Hat sie mich mal mit Frederik zusammen gesehen? Verdammt. Verdammt. Verdammt!


„Ich hab gelesen, dass es auch so was wie ein drittes Geschlecht gibt“, wirft Lea ein. „In Dänemark gibt es das sogar ganz offiziell.“


„Schweden“, korrigiert Michelle.


„Hä? Und wieso nur da?“, fragt Boris.


Ich sehe ihn überrascht an. Dass Boris sich für die flächendeckende Einführung eines dritten Geschlechts einsetzt, ist ja echt eine Überraschung. Oder macht er das mir zuliebe? Weiß er etwa auch was? Mein Kopf wird noch heißer. Ich sehe bestimmt aus wie ein Feuerlöscher.


Aber sein Einwand war gar nicht so von Toleranz geprägt, wie ich angenommen hatte, denn er präzisiert: „Ich meine, Transen gibt’s doch überall auf der Welt, oder?“ Unter dem strafenden Blick unserer Deutschlehrerin verbessert er sich hastig: „Transsexuelle Menschen“, woraufhin Niklas albern kichert.


„In Schweden ist die Gesetzgebung eben fortschrittlicher als anderswo“, erklärt Frau Schramm-Bassermann.


„Wieso Gesetzgebung?“ Mesud guckt total verwirrt. „Ist das da Pflicht, oder wie?“



Dienstag, 7. Februar 2017

Wie aufgeregt sind Sie?

Dass Medien Meinungsmacher sind, ist eine Binsenweisheit und muss hier nicht weiter vertieft werden. Zwischen Lügenpresse und Freiheit des Wortes klafft oft eine ziemlich große Lücke, und in den allermeisten Fällen haben wir keine Möglichkeit, uns selbst ein Bild zu machen.

Was bedeutet es zum Beispiel, wenn gegen einen Staatschef „massive Proteste“ stattfinden? Heißt es, dass zwanzig Menschen mit Transparenten vor seinem Regierungssitz stehen und „Buh“ rufen? Oder haben sich Tausende zu einem Demonstrationszug versammelt?

Wer bestimmt, ob eine solche Meldung überhaupt in den Medien Verbreitung findet, und welche Zielsetzung steht dahinter?

Wer schon mal Augenzeuge eines pressewürdigen Ereignisses war und am nächsten Tag die mediale Berichterstattung darüber verfolgt hat, wird sich wahrscheinlich verwundert die Augen gerieben haben. Da werden Namen, Daten und Fakten vertauscht, verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt, und das selbst bei politisch ganz unbedeutenden Begebenheiten wie einem Wohnungsbrand oder einer Charity-Gala.

Sogar die letzte Bastion der Objektivität, das Interview, muss mit größter Vorsicht genossen werden. Und damit spiele ich nicht auf die zweifellos technisch immer unaufwendigeren Schnitttechniken an, sondern in erster Linie bringt mich eine verhältnismäßig neue Fragetechnik in Rage, die sich rasant ausbreitet.

„Wie aufgeregt sind Sie jetzt gerade?“, wird der nominierte Regisseur kurz vor der Verleihung des Silbernen Bären gefragt. Oder der Reporter will vom Verkehrssenator wissen: „Wie dringend ist der Ausbau der Umgehungsstraße im Hinblick auf die bevorstehende Autobahnsperrung?“

Objektiv kann man hier nur mit einer Gegenfrage kontern: „Auf einer Skala von 1 bis 10 oder in Prozenten?“ Denn die Emotionen und Einstellungen, die dem Befragten bereits im Vorfeld unterstellt werden, sind nicht messbar, und die Frage dient einzig der Beeinflussung sowohl des Interviewpartners als auch des Zuschauers oder Zuhörers. Völlig unabhängig von der Antwort bestätigt sie die vorgefasste Meinung des Journalisten - und damit leider auch des unbedarften Publikums.


Wie stark lassen Sie sich von plumpen Interviewtechniken manipulieren?