Dienstag, 21. Februar 2017

Nummer acht ist da!



Heute lag es im Briefkasten: das erste, druckfrische Vorab-Exemplar meines neuen Romans Meine Mutter, sein Exmann und ich. Traditionell werde ich es wieder für alle kommenden Lesungen nutzen, von denen bereits einige auf dem Terminplan stehen.

Bald sieht es also nicht mehr so makellos aus wie auf dem Foto, sondern ihm wachsen kleine bunte Zettelchen aus den Seiten, und überall hat es handschriftliche Streichungen, Anmerkungen und Notizen.

Doch auch beim achten Buch ist man noch stolz und glücklich. Übrigens: Es ist wieder ein Junge! Diesmal einer, der eine ungewöhnliche Familiensituation erlebt. Denn Joschkas Mutter ist ein Transmann, heißt jetzt Frederik und trägt einen Bart. Wie soll Joschka das seinen Freunden klarmachen?! Verheimlichen erweist sich als keine besonders praktikable Idee.

Für alle, die nicht bis zum Verkaufsstart am 10. März oder bis zu meinen ersten Live-Lesungen warten wollen, hier schon mal eine Leseprobe:



In der ersten Stunde haben wir Deutsch, und Frau Schramm-Bassermann erzählt uns was von einem landesweiten Schulwettbewerb zum Thema „Toleranz“. Emma ist natürlich direkt hellwach. So was ist genau ihr Ding. „Wir könnten doch eine Inforeihe über LGBT machen“, schlägt sie vor.


„Über was?“, fragt Niklas.


„LGBT“, wiederholt sie, langsam, zum Mitschreiben. „Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender.“


Für eine Sekunde herrscht Stille, dann reden alle durcheinander. „Über Lesben und Schwule?“ – „Und was sollen wir da machen?“ – „Müssen wir da alle in Rosa kommen?“ – „Was heißt das denn genau?“ – „Da hab ich keinen Bock drauf.“ Tom und Luca tun so, als würden sie einander verliebte Kusshändchen zuwerfen, Svenja und Charlene beugen sich kichernd über ein unter der Bank verborgenes Handy, Jan kritzelt gelangweilt auf einem Blatt Papier herum, und Lea kreischt total hysterisch: „Mann, du Arsch!“, und schiebt mit dem Unterarm Mesuds Hefter vom Tisch. Der Geräuschpegel ist kurz vor der Schmerzgrenze.


Ist mir nur recht. So habe ich ein bisschen Zeit, den Schock zu verarbeiten. Ich kenne dieses Kürzel nicht, das Emma da genannt hat, aber „Transgender“ hab ich verstanden. Und das genügt, dass mir der Schweiß ausbricht. Wenn ich an so einem Projekt teilnehme, sieht mir garantiert jeder sofort an, dass ich persönlich von dem Thema betroffen bin. Noch ehe überhaupt irgendeine Entscheidung gefallen ist, grüble ich schon darüber nach, wie ich mich rausziehen kann.


„Wir könnten doch eine Rednerin oder einen Redner einladen“, schlägt Emma vor. „Persönlich Betroffene, die aus ihrer eigenen Erfahrung berichten. Entweder reden sie frei, oder wir machen mit ihnen ein vorbereitetes Interview.“


„Und wo kriegen wir die her?“, fragt Charlene mit skeptischem Stirnrunzeln.


„Na, das wird doch wohl nicht so schwer sein!“ Kimberley hat sich bereits von Emmas Schwung mitreißen lassen. „Jeder kennt doch wohl einen Schwulen oder eine Lesbe!“


Zustimmendes Nicken und Murmeln. Dann sagt Steven: „Ja, aber eine Transe? Also, ich kenn keine!“


„Deine Mudda“, sagt Tom und erntet einen allgemeinen Lacher, während sich mir der Hals zusammenschnürt.


„Achtet mal bitte ein bisschen auf eure Wortwahl“, ermahnt uns Frau Schramm-Bassermann. „Eine Transe ist ganz schön abwertend, Steven. Und es impliziert eine weibliche Person.“


„Wieso, die wollen doch Frauen sein, oder?“, verteidigt Steven sich.
Emma verdreht die Augen und schüttelt resigniert den Kopf.


„Es geht überhaupt nicht ums Wollen“, erklärt Frau Schramm-Bassermann mit angestrengter Geduld. „Transsexuelle Menschen fühlen sich nicht ihrem biologischen, sondern dem anderen Geschlecht zugehörig. Das kann übrigens ohne Weiteres auch das männliche sein.“


Hab ich mir das jetzt eingebildet, oder hat sie mir dabei einen ganz schnellen Seitenblick zugeworfen? Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Das kann sie doch nicht wissen, oder? Hat sie mich mal mit Frederik zusammen gesehen? Verdammt. Verdammt. Verdammt!


„Ich hab gelesen, dass es auch so was wie ein drittes Geschlecht gibt“, wirft Lea ein. „In Dänemark gibt es das sogar ganz offiziell.“


„Schweden“, korrigiert Michelle.


„Hä? Und wieso nur da?“, fragt Boris.


Ich sehe ihn überrascht an. Dass Boris sich für die flächendeckende Einführung eines dritten Geschlechts einsetzt, ist ja echt eine Überraschung. Oder macht er das mir zuliebe? Weiß er etwa auch was? Mein Kopf wird noch heißer. Ich sehe bestimmt aus wie ein Feuerlöscher.


Aber sein Einwand war gar nicht so von Toleranz geprägt, wie ich angenommen hatte, denn er präzisiert: „Ich meine, Transen gibt’s doch überall auf der Welt, oder?“ Unter dem strafenden Blick unserer Deutschlehrerin verbessert er sich hastig: „Transsexuelle Menschen“, woraufhin Niklas albern kichert.


„In Schweden ist die Gesetzgebung eben fortschrittlicher als anderswo“, erklärt Frau Schramm-Bassermann.


„Wieso Gesetzgebung?“ Mesud guckt total verwirrt. „Ist das da Pflicht, oder wie?“



Dienstag, 7. Februar 2017

Wie aufgeregt sind Sie?

Dass Medien Meinungsmacher sind, ist eine Binsenweisheit und muss hier nicht weiter vertieft werden. Zwischen Lügenpresse und Freiheit des Wortes klafft oft eine ziemlich große Lücke, und in den allermeisten Fällen haben wir keine Möglichkeit, uns selbst ein Bild zu machen.

Was bedeutet es zum Beispiel, wenn gegen einen Staatschef „massive Proteste“ stattfinden? Heißt es, dass zwanzig Menschen mit Transparenten vor seinem Regierungssitz stehen und „Buh“ rufen? Oder haben sich Tausende zu einem Demonstrationszug versammelt?

Wer bestimmt, ob eine solche Meldung überhaupt in den Medien Verbreitung findet, und welche Zielsetzung steht dahinter?

Wer schon mal Augenzeuge eines pressewürdigen Ereignisses war und am nächsten Tag die mediale Berichterstattung darüber verfolgt hat, wird sich wahrscheinlich verwundert die Augen gerieben haben. Da werden Namen, Daten und Fakten vertauscht, verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt, und das selbst bei politisch ganz unbedeutenden Begebenheiten wie einem Wohnungsbrand oder einer Charity-Gala.

Sogar die letzte Bastion der Objektivität, das Interview, muss mit größter Vorsicht genossen werden. Und damit spiele ich nicht auf die zweifellos technisch immer unaufwendigeren Schnitttechniken an, sondern in erster Linie bringt mich eine verhältnismäßig neue Fragetechnik in Rage, die sich rasant ausbreitet.

„Wie aufgeregt sind Sie jetzt gerade?“, wird der nominierte Regisseur kurz vor der Verleihung des Silbernen Bären gefragt. Oder der Reporter will vom Verkehrssenator wissen: „Wie dringend ist der Ausbau der Umgehungsstraße im Hinblick auf die bevorstehende Autobahnsperrung?“

Objektiv kann man hier nur mit einer Gegenfrage kontern: „Auf einer Skala von 1 bis 10 oder in Prozenten?“ Denn die Emotionen und Einstellungen, die dem Befragten bereits im Vorfeld unterstellt werden, sind nicht messbar, und die Frage dient einzig der Beeinflussung sowohl des Interviewpartners als auch des Zuschauers oder Zuhörers. Völlig unabhängig von der Antwort bestätigt sie die vorgefasste Meinung des Journalisten - und damit leider auch des unbedarften Publikums.


Wie stark lassen Sie sich von plumpen Interviewtechniken manipulieren?