Dienstag, 25. April 2017

Ein fauler Gott: Stephan Lohse im LCB am Wannsee

Ein fauler Gott erzählt die Geschichte des elfjährigen Benjamin, dessen jüngerer Bruder ums Leben kommt. Der Roman ist angesiedelt im Hamburg des Jahres 1972, die Fragestellung jedoch zeitlos: Gibt es einen angemessenen Umgang mit dem Tod? Welchen Regeln folgt Trauer, und wie können wir Kindern bei der Bewältigung helfen?

Stephan Lohse las Passagen seines Debütromans Ein fauler Gott im Literarischen Colloquium Berlin. Begleitet wurde die Lesung durch die Kinder- und Jugendtherapeutin Magdalena Manker, eine langjährige enge Freundin des Autors und Schauspielers.

Kinder trauerten anders als Erwachsene, erklärte die Psychologin, weil sie Zeit noch nicht abstrahieren, sondern sie eher an Erlebnisinhalten festmachen. Deshalb seien sie in der Lage, sich selbst in einer akuten Trauerphase immer wieder in kleine Inseln oder Blasen des Trostes zu retten.

Benjamin gelingt dies zum Beispiel, wenn er sich in das alte, ausgeschlachtete Auto im Vorgarten von Herrn Gäbler setzt und so tut, als fahre er. Das hilft ihm besonders deshalb, weil Herr Gäbler ihm dabei Gesellschaft leistet. Die Unterhaltungen der beiden machten einen Großteil der gestrigen Lesung aus.

Herr Gäbler stellt seine eigene Lebensgeschichte in den Hintergrund. Ernst, respektvoll und aufmerksam begleitet er Benjamin auf seinen mentalen Ausflügen, hört seinen kindlichen Theorien über das Leben und den Tod zu und versorgt ihn mit Proviant. Ein Roadmovie in einem still stehenden Auto – das ist ein anrührendes Bild für den Trauerprozess.



Als „wissenden Zeuge“ bezeichnete die Erziehungswissenschaftlerin Alice Miller einen solchen zuverlässigen, am Ereignis unbeteiligten Begleiter, der sich weder aufdrängt noch Ratschläge erteilt, sondern eher im Hintergrund agiert – Präsenz und Mitgefühl statt Überfürsorge und „Schongang“.

Benjamin hilft allein schon das Gefühl, wahrgenommen zu werden, so wie es auch dem Autor Stephan Lohse ging, als er ungefähr im selben Alter mal einige Stunden zu einer Therapeutin geschickt wurde. Diese Erinnerungen, so erzählte er, gehörten zu den schönsten und entspannendsten seines Lebens.

Im Gespräch verwies er an mehreren Stellen auf autobiografische Elemente, die in seinen Erstlingsroman eingeflossen sind – vielleicht ist das der Grund für dessen einzige Schwäche: Benjamin wirkt für einen Elf-, später Zwölfjährigen sehr kindlich. Zwar zeichnet Lohse ein gelungenes und stimmiges Psychogramm, aber die gesamte Gefühls- und Gedankenwelt Benjamins sowie auch der mütterliche Umgang mit ihm passen aus meiner Sicht eher zu einem Sieben- oder Achtjährigen. (Mich hätte mit zwölf jedenfalls definitiv niemand mehr in eine Strumpfhose zwingen können!)


Eine der Erkenntnisse dieser Veranstaltung war, dass die Arbeit des Psychotherapeuten und die des Schriftstellers viel gemeinsam haben. Grundlage ihres Berufs, erläuterte Magdalena Manker, sei das Handwerkszeug, die Technik – was ohne Zweifel auch für Schreibende gilt. Der nächste Schritt sei dann das Sortieren und Analysieren der Fakten – im Schreibprozess vergleichbar mit der Recherche und dem dramaturgischen Aufbau. Die Wirksamkeit einer Therapie jedoch, betonte Manker, hänge von der therapeutischen Beziehung ab, also von der Gefühlsebene, und auch hier ist die Parallele mit dem gelungenen Roman, der fesselnden Erzählung offensichtlich: Erst wenn der Leser sich in seinem emotionalen Erleben widerspiegeln kann, hat die Literatur ihre ganze Wirkung entfaltet.

Stephan Lohse: Ein fauler Gott, Suhrkamp Verlag, März 2017

Montag, 3. April 2017

Anne Kuhlmeyer im Interview

Am Stand ihres Verlags Argument Ariadne traf ich die Autorin Anne Kuhlmeyer zu einem Interview.

Anne Kuhlmeyer mit ihrem jüngsten Roman
Gibt es einen Ort, an dem du jetzt lieber wärst als hier auf der Leipziger Buchmesse?

Ich freu mich wirklich, hier zu sein. Aber noch lieber liefe ich den Malecón entlang, links die Altstadt von Havanna und rechts die Karibik.

Dein Roman Drift ist soeben bei Ariadne erschienen. Wie bist du beim Schreiben vorgegangen – Plotter oder Pantser (= ausführliche Planung oder aus dem Bauch heraus)?

Zuerst widmete ich mich den Figuren, sie bekamen eine ausführliche Biographie. Das mache ich immer so. Bei Drift hatte ich einen vielleicht zu groben Plot, denn ich habe ihn während des Schreibens mehrfach angepasst, um zum Schluss vieles erneut umzustellen. Tatsächlich gehe ich bei jedem Buch anders vor. Vielleicht finde ich eines Tages einen Weg, der mir dann dauerhaft brauchbar erscheint. Es wird sich zeigen.

Wie motivierst du dich, wenn dir beim Schreiben die Luft ausgeht?

Gar nicht. Ich warte. Wenn mir die Luft ausgeht, wird es einen Grund haben. Ich vertraue darauf, dass ich wieder zu Atem komme. Aber ich schreibe eher zeitbezogen. Das heißt, nach meinem Arbeitstag schlafe ich kurz, esse, mache die Wäsche ... Dann setze ich mich gegen 20 Uhr an mein Laptop und arbeite bis Mitternacht. Welche Art von Arbeit das ist, zeigt sich. Ob ich voranschreibe, recherchiere, überarbeite oder den Monitor anstarre – egal. Ich tue es jeden Tag, bis die Rohfassung des Romans fertig ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Verlag bisher? Welche Unterschiede gab es zu KBV oder Ullstein?

Die Zusammenarbeit mit Argument Ariadne ist großartig. Ich hatte viel Freude beim Lektorat. Unterschiede kann ich schwer benennen, jeder Verlag hat ja sein Spektrum und seine Prioritäten, deswegen finde ich Vergleiche schwierig.

Mut sammeln für die Bühne


Du hast im Rahmen der LBM einige Lesungen. Fühlst du dich wohl auf der Bühne, oder ist das für dich Pflichtprogramm?

Für die Bühne muss ich üben und meinen Mut zusammensammeln. Ich bin keine, die lässig öffentlich agiert. Ich denke auch, Lesungen sind ein ganz spezielles Format. Sie sagen wenig über ein Buch, mehr über die darstellerischen Fähigkeiten der Autorin. Was mir Freude macht, ist, wenn ich mit dem Publikum ins Gespräch komme.

Welches Ereignis im Zusammenhang mit deinem neu erschienenen Buch hat dich bisher am meisten gefreut?

Der Moment, als ich das erste gedruckte Exemplar in der Hand hielt.

Hast du von Anfang an mit einer Agentur zusammengearbeitet, oder hast du auch einige deiner Bücher selbst bei Verlagen platziert?

Meine ersten beiden Bücher fanden ihren Weg allein in einen Verlag, Prolibris in Kassel damals. Inzwischen bin ich froh, mit Anna Mechler und ihrer Agentur Lesen & Hören zusammenarbeiten zu können.

Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen oder deinem Beruf als Traumatherapeutin fließt in deine Romane ein?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe in meinem Kopf ja keine Kästchen, auf denen „Beruf“ oder „Literatur“ steht. Fakt ist, dass sich beides stark und hilfreich beeinflusst, und zwar in beide Richtungen. Seit ich mich intensiv mit Literatur befasse, verstehe ich besser und schneller, was Patienten über sich und ihre Lebensumstände erzählen. Umgekehrt hilft mir das psychoanalytische Denken bei der Erarbeitung von Biographien meiner Figuren und bei der Plausibilität ihres Handelns.
 
Anne Kuhlmeyer lächelt nicht nur im Garten
Bekommst du manchmal auch Rückmeldungen von deinen Klientinnen und Klienten?

Ja, manchmal. Wenn das passiert, utilisiere ich es in der Therapie, selbstverständlich. Etwas in dem Buch hat mein Gegenüber ja auf eine Weise angesprochen, dass er es für nötig hält, mit mir darüber zu sprechen. Also tun wir das.

Was bringt dich zuverlässig zum Lächeln?

Ganz winzige Kräutlein, die sich mit dem Blühen abmühen.

In zwei Sätzen: Welche Leser sollten Drift kaufen und warum?

Menschen, die offen sind für unkonventionelle Kriminalliteratur, die mit Magischem und Bildhaftem etwas anfangen können. Sie nimmt Drift gewiss mit hinaus in die Welt.