Freitag, 7. Juli 2017

Bühne frei! Eigene Texte vor Publikum lesen, Teil I

Auf diesem Blog werde ich in den folgenden Wochen ein paar Tipps zum Lesen eigener Texte vor Publikum geben, die ich bei meinen eigenen rund 350 öffentlichen Lesungen in den letzten Jahren zusammengetragen habe. Für viele davon wäre ich in meiner Anfangszeit sehr dankbar gewesen!

Ich hoffe, dass ich dir damit helfen kann, deine ersten Lesungen vor Zuhörern und -schauern lebendig, locker und liebenswert zu gestalten.


Teil I: Die Auswahl der Lesepassagen


Wer einen Roman geschrieben hat, freut sich über die Möglichkeit, sein Buch bei einer öffentlichen Lesung zu präsentieren. Der persönliche Kontakt zum Publikum ermöglicht ein ganz direktes Feedback, und im günstigsten Fall verkaufst du anschließend sogar noch ein paar Buchexemplare.

Damit eine solche Lesung zum Erfolg wird, sind allerdings einige Vorbereitungen erforderlich.


Welche Teile meines Buches soll ich vorlesen?


Die wichtigste Überlegung ist natürlich: Welche Passage(n) meines Buches wähle ich für die Lesung aus? Länger als 45 Minuten sollte das reine Vorlesen keinesfalls dauern, denn sonst erlahmt die Aufmerksamkeit der Zuhörer und schlägt möglicherweise in Ablehnung um, weil sie sich überfordert fühlen.

Wie viel Zeit habe und nutze ich?


Um die Lesezeit zu bestimmen, gibt es eine einfache Methode, die zudem schneller ist als die gute alte Stoppuhr-Variante. Wähle die Passage im Word-Manuskript deines Romans aus, markiere sie und lass Word die Zeichen zählen. Wenn es so um die 45.000 sind (einschließlich Leerzeichen), entspricht dies ungefähr 45 Minuten mündlicher Wiedergabe.

Welche Buchpassagen eignen sich für öffentliche Lesungen?


Der Leseauszug soll entscheidende Schlüsselszenen enthalten, neugierig machen und nicht zu viel vorwegnehmen. Du kannst mehrere kurze Abschnitte auswählen, die du aneinanderreihst, oder eine längere zusammenhängende Passage, die besonders spannend, ausdrucksstark oder für den Roman entscheidend ist. In jedem Fall musst du darauf achten, dass   die wichtigsten Charaktere, aber nicht zu viele Nebenfiguren darin vorkommen,  keine verwirrenden Nebenhandlungen geschildert werden und  im Text enthaltene Hinweise auf Personen oder Sachverhalte entfallen oder erklärt werden.

Bei einem Krimi könntest du zum Beispiel eine Stelle auswählen, in der das Ermittlerteam auf der Fahrt zur Vernehmung eines Verdächtigen allerhand Spekulationen anstellt und dabei die bisherigen Fakten zur Entführung noch mal durchspricht. An dem alten Bauernhof angekommen, sehen sie den mutmaßlichen Täter auf dem Motorrad flüchten. Es gibt eine spektakuläre Verfolgungsjagd, bei der einer der Ermittler leicht verletzt wird. Der Verdächtige kann schließlich gefasst werden und legt ein Teilgeständnis ab – das aber wieder neue Rätsel aufgibt, denn er hat das Lösegeld aus einem Auto geklaut und weiß nicht, wo das Opfer ist.  

Soll ich lieber mehrere Szenen auswählen?


Wenn es in deinem Roman eine solche zusammenhängende Passage nicht gibt, musst du einzelne Stellen auswählen, die möglichst charakteristisch für deine Erzählweise sind und einen guten Überblick über die wichtigsten Personen und Ereignisse liefern. Im Allgemeinen wirst du dabei chronologisch vorgehen. Eventuell musst du bei der Lesung kurze Übergänge schaffen, in denen du frei formulierst, was die Zuhörer an Informationen brauchen, um den Anschluss zu finden.


Gut geeignet zum Vorlesen sind Action-Szenen, Dialoge zwischen nicht mehr als zwei Personen und Passagen, in denen dein Protagonist charakterisiert wird, zum Beispiel durch besonders typische Verhaltensweisen oder durch ein aufschlussreiches Gespräch mit seiner Frau, seinem besten Freund oder einem Tatzeugen.

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